Literatur

07. Dezember 2012

Ezra Pound "Cantos": Mit Goldadern gerillt

 Von Dirk Pilz
Portrait von Ezra Pound. Foto: imago/United Archives Ezra Pound

Umstritten, verstörend, groß: Ezra Pounds „Cantos“, erstmals vollständig auf Deutsch.

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Es gibt keine Trennung zwischen Kunst und Politik, keine Rückzugsgebiete, auch keine unbefleckten Reiche des Wahren, Guten, Schönen. Vielleicht ist das die einflussreichste Leistung dieses Dichters: die radikale Leugnung jedweder Zwei-Reiche-Lehren. Ezra Pound, dieser grandiose Vermenger und Verwirrer aller Grenzen und Genres, der wahlweise als Spinner oder Genie gehandelt und damit entweder unterschätzt oder verfehlt wird, der 1885 im US-Staat Idaho auf Erden erschien und vor vierzig Jahren in Venedig von uns gegangen ist, dieser Mann also hat uns ein Werk hinterlassen, das es jetzt, jetzt erst!, vollständig auf Deutsch zu lesen gibt. „The Cantos“, an denen Pound fast sein gesamtes Dichterleben, von 1917 bis 1966 gearbeitet hat, die er zu keinem Ende brachte. Sie zerfasern in Fragmenten, zerfallen in Bekenntnisse: „Ich habe meine Mitte verloren/da ich antrat gegen die Welt. (...) Lass die Götter mir nachsehn, was ich/ hervorgebracht“.
Die „Cantos“, gleichermaßen Gedicht wie Epos, sind der Glitzerstein der literarischen Moderne, sprachliches Höchstgebirge, mit tiefen Metaphernschluchten, wildesten Analogiesturzbächen, tiefnebligen Assoziationsflächen. Pound integriert Bildsymbole und chinesische Schriftzeichen, zitiert eine Partitur (im Canto LXXV, die Komposition des Bratschisten Gerhart Münch), fügt altgriechische, lateinische, italienische, deutsche Worte ein, wechselt unvermittelt das Thema, verliert aber nie den Rhythmus.

Man muss es laut lesen

Man muss diese Dichtung laut lesen, singen oder summen am besten, um zu erahnen, dass sie sich nicht (nur) mit dem Kopf lesen oder dem Bauch begreifen lässt. Ein Werk, das die Trennung zwischen Wort, Bild und Musik aufzuheben sucht. Das ins Absolute strebt und in lauter Einzelheiten zerfällt, eine Einheit aus Auseinandergelegenheiten. Ezra Pound liefert damit auch die Inventur der literarischen Mittel. Sein Credo in den „Cantos“ lautet: „Schönheit ist schwer“. Jeder „Sagetrieb“ (bei Pound immer deutsch) macht „schwitzen“. Wer immer danach geglaubt haben mochte, das simple Verseschmieden oder bloße lyrische Schwelgen sei noch möglich, unterbot nicht nur dieses Werkes, sondern auch den Stand der ästhetischen Dinge. „The Cantos“: literarischer Maßstab, Richtschnur.
Deshalb also die große Bewunderung für Pound, bei Nachfolgedichtern wie etwa Heiner Müller oder Mark Z. Danielewski genauso wie bei seinen Verehrern, Hemingway oder Pasolini. Deshalb auch sind diese Verse eine anstrengende Lektüre. Pound orientiert sich, einerseits, an Homer und der Reise des Odysseus, an Dantes Wanderungen durch Hölle und Paradies, aber seine Assoziationen erkunden, andererseits, immer auch fernliegendere Geistes- und Kulturgebiete. Pound schickt den Leser stets in den Sprach- und Bilderdschungel: „Und überm Höllen-Ranz,/ das große Arschloch,/ von Goldadern gerillt,/ mit Tropfsteinzoddern, tranig wie der Himmel über Westminster“. Er will den Leser überfordern, zum Nachschlagen und Weiterlesen verführen. Gern hat er der Legende geglaubt, dass Scotus Erigena im 9. Jahrhundert von Studenten erschlagen wurde, weil er sie zum Selbstdenken gezwungen haben soll.

Kühne Übersetzung

Aber Pound hat eben nicht nur in ästhetischen, sondern auch in politischen Belangen sich und seiner Zeit Rechenschaft abgelegt. Ezra Pound: ein Verfechter des Faschismus von Mussolini, ein Antisemit. Auch das ist in den „Cantos“ nachzulesen: Er hat sich selbst nicht verschwiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er bis 1958 in eine Irrenanstalt gesteckt. Er schrieb dort die berühmtesten Teile, die „Pisaner Cantos“: sprachlich glänzend, politisch halsstarrig, stur, verbohrt.
Und jetzt darf man dieses Werk vollständig lesen, in der kühnen Übersetzung von Eva Hesse. Im Einzelfall mögen ihre übersetzerischen Entscheidungen zweifelhaft sein („b...h yr/progress“ steht bei Pound, „ich scheiß auf euren Fortschritt“ übersetzt Hesse). Aber Hesse hat gar nicht erst das Unmögliche versucht, der Vorlage an den Lippen zu hängen. Sie lässt Kommata weg, erfindet Worte („Fickfackerei“) und sucht nie die direkte Übersetzung, sondern immer den mit dem Wissen um das Gesamtwerk aufgeladenen Übertragungsweg. Das ist riskant, weil Hesse sich gerade in den sprachlich heiklen Passagen auf ihr Gespür für den Klang, den Geruch, die Konsistenz der Verse verlässt. Sie schaut nicht nur, was Pound geschrieben hat, sie hört in die Zeilen hinein, versucht das Schwingen der Silben aufzunehmen, das zu vermessen, was Pound „die Dauer mentaler Laufzeit“ genannt hat, also den Echo- und Resonanzraum der Worte. Diese Übersetzung ist kein Nach-, sondern ein Parallelgedicht – auch Eva Hesse hat an ihrem Werk jahrzehntelang gearbeitet. Der Leser hält nun eine Dichtung samt genauesten Kommentaren in der Hand, die Lese-, Denk-, Sing- und Summstoff für ein Leben sind.

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