Literatur

17. Dezember 2012

Felicitas Hoppe: Andere trinken Schnaps

Felicitas Hoppe, fast 52, hoch geehrte Autorin und Märchenleserin. Foto: Tobias Bohm

Im Werk von Felicitas Hoppe gibt es einen weisen Löwen, eine unerschrockene Jungfrau und eine Figur, die sie selbst sein könnte, aber nicht ist („Hoppe“). Gründe genug, mit der Büchnerpreisträgerin über die Rolle von Märchen in ihrem Leben zu sprechen.

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Im Werk der Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 2012 gibt es einen sprechenden Hund („Paradiese, Übersee“) und einen weisen Löwen („Iwein Löwenritter“), eine unerschrockene Jungfrau („Johanna“) und eine Figur, die sie selbst sein könnte, aber nicht ist („Hoppe“). Gründe genug, mit Felicitas Hoppe zum Jubiläum der Sammlung der Brüder Grimm über Märchen zu reden.

Haben Sie ein Lieblingsmärchen der Grimms?

Das sind mehrere und es wechselt. Ich mag den „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ wegen seiner besonderen Botschaft: Wie der junge Mann in die Hölle geht und unbeschadet wieder herauskommt. Oder „Die kluge Else“. Das ist ganz unbekannt und hat übrigens kein Happy End.

Gibt es einen Gegenstand aus einem Märchen, den Sie gern hätten?

Vielleicht das Tischlein-deck-dich. Aber nicht, weil ich so besonders gern esse. Mir gefällt dieser Effekt. Überhaupt finde ich an Märchen toll, dass es da zwar viele bedeutungsvolle Requisiten gibt, sie jedoch oft ohne Zaubermittel zaubern können. Das geschieht vor allem durch Wörter. Denken Sie daran, wie der Vater seine Söhne verflucht, weil sie den Krug für das Taufwasser der Schwester zerbrechen. Kaum sagt er im Ärger, ich wünschte, ihr wäret Raben, sind sie schon verwandelt. Nur, weil er es ausgesprochen hat.

Und dann muss das Mädchen schweigen, um sie zu retten.

Waren das nicht die sechs Schwäne? Denen die Schwester die Hemden strickt? Die wurden von der bösen Königin verzaubert. Ein anderes Beispiel, wo ein falsches Wort viel anrichtet, ist „Hans mein Igel“. Da geht es wie in so vielen Märchen um Kinderlosigkeit. Der Mann sagt: „Ich will ein Kind haben, und sollt’s ein Igel sein.“ Dann wird es geboren – halb Mensch, halb Igel. Ganz tragisch.

Da muss ich an „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“ denken. Die mittlere Schwester versingt sich und bringt nur zwei der Augen von Dreiäuglein zum Schlafen.

Im Märchen muss eben mit äußerster Präzision gesprochen werden. Meine Mutter sagte immer: Erst denken, dann sprechen. Wie recht sie hatte!

Wurden bei Ihnen zu Hause Märchen gelesen?

Ja! Sehr viel. Meine Mutter ist eine extrem gute Vorleserin, und mein Vater ist ein großer Geschichtenerfinder. Er setzte sich zu uns ans Bett und hat improvisiert. Eine Serie nannte er „Nussknack und Honigleck“, das waren die Bärenabenteuer.

Vielleicht aus Langeweile

Aus Ihrem Roman „Hoppe“ wissen wir, dass Sie früh angefangen haben zu schreiben. War das durch diese Atmosphäre bedingt?

Ich glaube schon. Das war ein großes Glück, ich zehre davon bis heute. Wir fünf Geschwister haben alle geschrieben. Vielleicht aus Langeweile, man wurde ja damals noch nicht rund um die Uhr beschäftigt als Kind. Manchmal schrieben wir um die Wette, meine ältere Schwester und ich haben uns ein Thema gesetzt, eine bestimmte Zeit vorgegeben und dann zum Beispiel ein Gedicht über die Hölle geschrieben. Danach wurde das zensiert.

Gibt es diese Texte noch?

Einiges habe ich aufgehoben. Zum Beispiel die Sammlung „Der böse Bauer“, „Das schlampige Kläuschen“ und „Der faule Mann“. Das waren Geschichten mit einer Moral, katholisch beeinflusste Märchen. Die fingen mit „Es war einmal an“ und endeten ganz bündig.

Haben Sie später in diesen Geschichten etwas wiedergefunden, was in Ihr Werk gelangt ist?

Tatsächlich, das habe ich. Eines meiner Büchlein von damals hatte ich mal mit auf Lesereise genommen. Da erzählt die Geschichte „Roy Tiger“ von einem Mann in einem Urwald – und dieses Motiv taucht in „Verbrecher und Versager“ wieder auf. Aber es kommt noch besser: Dieser Roy Tiger besteht den Kampf mit einem Löwen, den er betäubt, und den er zähmt, nachdem er wieder aufgewacht ist. Schließlich ist er mit dem Löwen unterwegs. Das ist Iwein Löwenritter! Ich kannte Hartmann von Aues Epos damals natürlich nicht.

Also den mittelalterlichen Versroman, der Ihre Vorlage für „Iwein Löwenritter“ war. Aber Sie kannten den Zauberer von Oz?

Nein, den habe ich erst mit Anfang zwanzig in Amerika gelesen. Ich habe das vielleicht 1968 geschrieben. Dann taucht das 2008 wieder auf! Was mich so verblüfft, ist, wie schmal das Repertoire in der Literatur doch ist. Wir wiederholen immer wieder bestimmte Grundmuster. Deshalb lesen wir auch weiter diese Märchen mit demselben Muster: Da muss einer in die Welt hinaus, muss sich bewähren, sucht die Prinzessin, rettet sie. Trotzdem wird es nicht langweilig. Das ist wie eine Maschine, mit der man sich der Welt versichert und in ihr verankert.

Haben Sie für Ihre Wunschbiografie „Hoppe“ viel über Ihren Weg zum Schriftstellerberuf nachgedacht?

Felicitas Hoppe: Hoppe.
        

Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 330 Seiten, 19,99 Euro.

S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 330 Seiten, 19,99 Euro.

In der Tat. Ich erinnere mich, ich war ja das dritte von fünf Kindern, wie ich schon als Vorschulkind abends meinen Geschwistern Geschichten erzählt habe. Eine hieß, nicht sehr originell: „Der weiße Strich“. Das war die Geschichte von einem, der sich im Wald verläuft, dann aber in der Ferne einen weißen Strich sieht – das Licht von einem Haus. Das ist auch ein klassisches Märchenmotiv. Die Urzelle des Märchens ist das Haus. Bewähren muss man sich zwar in der Welt, erzählt wird das Märchen aber zu Hause.

Im Haus wohnt neben der Sicherheit auch die Hoffnung.

Die Hoffnung ist das A und O, wenn es die nicht gäbe, würde ich Märchen nicht mögen. Das Märchen speist sich aus einer Realität, die überhaupt nicht lustig ist. Die Menschen sind arm, sie haben behinderte oder dumme Kinder. Die Familienverhältnisse sind oft kompliziert, es herrschen Neid, Eifersucht, Grausamkeit. Das ist der erzählerische Ausgangspunkt. Der wird meistens zum Guten gewendet, indem man sich in eine Überwindung des Schicksals hineinfantasiert.

Und das gibt dann Trost?

Ja, mit Hilfe der Fantasie kannst du die Welt verbessern. Das ist eine ganz vitale Kraftquelle, das ist, was gute Literatur leistet. Sie klärt uns auf, sie stimmt uns kritisch, aber sie kann uns auch trösten. Wenn ich richtig schlecht drauf bin, dann lese ich Märchen. Ich fühle mich zu 100 Prozent besser. Andere trinken einen Schnaps.

Wie ist das beim Schreiben? Es gibt viele märchenhafte Motive in Ihren Büchern. Sagen Sie sich, hier würde ein sprechender Hund passen?

Zur Person

Felicitas Hoppe, fast 52, stammt aus der Rattenfängerstadt Hameln, bereiste die halbe Welt und wohnt in Berlin.

Schon ihr Debüt, der Geschichtenband „Picknick der Friseure“, wurde mit Preisen bedacht, für ihr Gesamtwerk erhielt sie in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zuletzt erschien ihr Roman „Hoppe“.

Also, der sprechende Hund, der rutscht mir nun wirklich rein. Es gibt ja, sehr verkürzt gesagt, drei Textarten, die ähnlich sind und bei denen ich mich auch bediene: Da ist das in der Regel ort- und zeitlose Märchen, dann die Sage, die einen historischen Kern hat, wie den Rattenfänger von Hameln, und dann gibt es die Legenden, die von verbürgten Geschichten oder Biografien ausgehen. Allein die Tatsache, dass ein Tier in einem partnerschaftlichen Verhältnis auftaucht, zeigt eine Märchensozialisation. Ich bin so geprägt. In fast allen Hoppe-Büchern gibt es eine zeitliche und örtliche Unabhängigkeit, auch eine starke Typisierung wie im Märchen. Ich schicke meine Figuren durch Abenteuer und ich möchte, dass sie es schaffen. Meine Figuren sind auch eher schwach und klein, manche sogar dumm.

Dem widerspricht natürlich Ihr Roman „Johanna“ um die kluge, mutige Jeanne d’Arc.

Das ist immerhin auch ein Legendenstoff. Und auf schöne und paradoxe Weise Märchen und Ritterroman in einem, denn Johanna ist die Jungfrau, die nicht wie, sagen wir mal, Rapunzel, im Turm auf ihren Befreier wartet, sondern selbst in die Schlacht zieht. Das ist schon einzigartig.

Wie geht es jetzt weiter, nach „Hoppe“, dem Roman, in dem alles gesagt ist?

Ich glaube, es geht jetzt erst richtig los. „Hoppe“ war ein Unternehmen, das ich mir in den Kopf gesetzt hatte, an dem ich aber auch oft gezweifelt habe. Nun ist das geschafft. Ich habe damit eine Hürde genommen, die eigentlich den Raum nicht schließt, sondern öffnet. Ich kann jetzt machen, was ich will und habe viele Ideen. Wahrscheinlich werde ich mich zuerst noch mal einem Kinderbuch zuwenden, weil ich nach „Iwein“ oft gefragt wurde und immer wieder Lust dazu habe. Ab Sommer gehe ich in Schreibklausur.

"Wie fangen Sie an?"

Und wie fangen Sie an?

Vielleicht werde ich wieder nach einem alten Stoff schauen. Selbst eine Figur zu schaffen, die man nicht irgendwo entlehnt, keine Ritterfigur, nicht Abgeschriebenes, etwas eigenes, das halte ich für sehr schwer. So eine Figur wie Pinocchio wird nur alle paar hundert Jahre mal erschaffen, das war ein Geniestreich dieses Autors.

Wie unterscheidet sich das Schreiben für Kinder von dem für Erwachsene für Sie?

Beim „Iwein“ habe ich gemerkt, dass ich mich freier fühle, weil ich mehr zulassen kann, weil ich etwas schreiben konnte, was man im Erwachsenenbuch als Sentimentalität ansehen würde. Man kann aber an dieser scheinbar simplen Form kläglich scheitern. Es gibt ja nicht von ungefähr so unsäglich viele unsagbar schlecht nacherzählte Märchen. Diese Form ist so geheimnisvoll, man denkt, es sind vier Seiten, doch die Ökonomie, die Genauigkeit und das Tempo sind schwer.

Sie haben schließlich für den „Iwein“ in Ihrer Heimatstadt Hameln den Rattenfänger-Literaturpreis bekommen.

Das war ein Heimkommen! Allerdings wurde ich dort auch von einer verärgerten Leserin angesprochen. Leute, die Märchen nicht mögen, wollen die anderen oft heilen. Die halten das Fantastische für Weltflucht.

Vielleicht sollten andersrum Sie diese Leute bekehren?

Ach nein. In der Schweiz hatte ich mal eine kleine Geschichte von drei Einsiedlern gehört: Jeder saß auf einem Viertausender, aber sie besaßen nur ein einziges Beil, um ihr Frühstücksholz zu zerkleinern. Also warfen sie sich das jeden Morgen von Berg zu Berg zu. Dazu erklärte mir ein gebildeter Mann, das sei eine total unlogische Geschichte: In 4 000 Metern gebe es kein Feuerholz. Seitdem möchte ich einen Essay schreiben „Jenseits der Baumgrenze“. Bestimmte Formen der Vorstellung und Imagination sind manchen Menschen nicht zugänglich. Sie müssen an der Baumgrenze zurückbleiben.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.

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