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Literatur

16. Mai 2012

Felicitas Hoppe: Eine Seekranke im Sprachrausch

 Von Cornelia Geissler
Felicitas Hoppe bekommt den Georg-Büchner-Preis 2012. Foto: dpa

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe erhält den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Er gilt als die bedeutendste Auszeichnung für Literatur in Deutschland.

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Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe erhält den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Er gilt als die bedeutendste Auszeichnung für Literatur in Deutschland.

Es ist nicht lange her, da erfuhr man über die Biografie eines 51 Jahre alten Schriftstellers nicht viel mehr, als auf den Klappentexten der Bücher steht. Heute steht alles bei Wikipedia. Doch so oft Falsches! Und alle schreiben ab! Felicitas Hoppe hat sich selbst an ihrem gepflegten Kurzhaar-Schopf aus dieser Falle gezogen und ihre eigene Biografie verfasst. „Hoppe“ heißt der Roman ihres Lebens.

Nun, da der Autorin der wichtigste deutsche Literaturpreis zuerkannt wurde, der Georg-Büchner-Preis, kann man in den Würdigungen daraus schöpfen. Aber ach, Hoppe treibt ihr Spiel mit uns, ihren Lesern und auch mit sich. Der Sprung der Hoppe aus dem niedersächsischen Hameln nach Hanover, New Hampshire, ist verbürgt, aber sonst? Sie könne „weder Biographie noch Autobiographie“, zitiert sie einen – fiktiven – Rezensenten, „alles wird mit einer so komisch wie kindlich anmutenden Radikalität ins Phantastische gezogen“. Ja, genau! Deshalb ist ja auch dieses jüngste Buch so toll (auch wenn leider gerade dieses mit ein paar Seiten weniger noch besser wäre), deshalb ist sie so eine großartige Autorin. Hoppe ist eine geniale Lebenserfinderin, die mit der Realität hantiert. Diese „Meisterin der Selbstkrönung“ (Hoppe in „Hoppe“) krönt hier ihr Schaffen mit der Selbsterfindung, und so kommt der Preis gerade zur rechten Zeit.

Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Schreibens

Felicitas Hoppe hat sich von Beginn an mit den Bedingungen des Schreibens auseinandergesetzt. „Vieles spricht nicht gegen das Schreiben. Es ist eine warme und geschützte Tätigkeit“, heißt es in ihrem ersten Buch „Picknick der Friseure“, von 1996. „Selbst bei schlechter Witterung gelingt hin und wieder ein lesbarer Satz.“ Der Himmel ist freundlich zu Hoppe. Betrachtet man die Anzahl gelungener Sätze in ihrer Prosa, scheint sie stets unter den besten Bedingungen zu arbeiten. Die 20 kurzen Geschichten des ersten Buchs jedenfalls versprachen schon ihr großes Talent, zeigten, wie weit sie denkt, wie kühn ihre Gedanken springen, wie ihr Verwandlungen gelingen. Zum Beispiel, wenn der Vater das Buch über den Feldhasen schreibt, sich die Familie ihm unterordnet, er aber schließlich auf dem Feldhasenbücherturm erstarrt und vom Bücherträger fortgeschafft werden muss.

Für einen gelungenen Satz würde sie vermutlich auch einen Bungee-Sprung wagen oder einen Gleitschirmflug. Nachweislich – dies ist eines ihrer Lieblingswörter in „Hoppe“ – fuhr sie auf einem Containerschiff mit, für den Roman „Pigafetta“ (1999), benannt nach Magellans Reisegefährten. Es gibt zwei Arten von Seekrankheit, lernt da die Erzählerin vom Kapitän: „eine, vollkommen harmlos, im Bauch, die andere aber im Kopf“. Pigafetta, eine Traumgestalt, weist ihr den Weg zur dritten Art, der Seekrankheit des Herzens. Felicitas Hoppe ist eine Abenteurerin, eine von der Seekrankheit an Kopf und Herz befallene, die mit der Sprache über die Grenzen schwimmt. Elegant wechselt sie von der Historie in die Fantasie und streift die Gegenwart. Dies ist nicht nur eine Autorin, die Geschichten erzählen will, sondern eine, die das Schreiben braucht.

Abenteuerlicher Roman

Abenteuerlich geht es zu in ihrem Roman „Paradiese, Übersee“ (2003), wenn ein Journalist gemeinsam mit einem Ritter und einem sprechenden Hund auszieht, um einen Forscher und ein Fabeltier zu finden. So seltsam die Gesellschaft, so verschroben wirkt hier manchmal die Sprache, wenn Bilder und Redewendungen ineinander übergehen und kühn kalkulierte Kalauer kullern. Der Erzählband „Verbrecher und Versager“ (2004) beweist, dass Hoppe nicht bei sich selbst das Spiel mit dem Biografischen angefangen hat. Hier porträtiert sie fünf Männer, die einen großen Plan hatten und daran zerbrachen. Und dann der Roman „Johanna“! Es ist der Prozess einer literarischen Anverwandlung und Wiederbelebung: Eine Johanna der Gegenwart versucht über die historische Johanna von Orléans, also Jeanne d’Arc, zu promovieren und verschmilzt über die Jahrhunderte mit ihr, bis sie es versteht, sich zu lösen.

Felicitas Hoppe hat einen sehr eigenen Zugang zur Literatur, und somit wird auch ein sehr eigenständiges Werk ausgezeichnet. Das ehrt die Preisgeber der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. „In einer Zeit, in der das Reden in eigener Sache die Literatur immer mehr dominiert, umkreist Felicitas Hoppes sensible und bei allem Sinn für Komik melancholische Erzählkunst das Geheimnis der Identität“, begründete die Jury die Entscheidung.

Spaß am Lesen

Glücklicherweise macht es auch Spaß zu lesen, was Hoppe schreibt, es ist nicht nur ein rein intellektuelles Vergnügen für Literaturwissenschaftler am Rezensentenschreibtisch, sondern unterhaltsam auch als Urlaubslektüre, in Zügen oder am Strand zu genießen. Anfangen kann man gern mit „Iwein Löwenritter“ (2008). Wer glaubt, das sei ein Kinderbuch, soll wissen, dass dies eines von der besten Sorte ist: berauschend für Menschen von acht bis achtzig. Das liegt an der mehr als 800 Jahre alten Geschichte von Hartmann von Aue, die Felicitas Hoppe aus dem Versroman befreit und aus der Perspektive des guten Löwen erzählt. Das liegt jedoch vor allem an ihrer Sprache: so genau und so luzide, so rhythmisch und reich.

Felicitas Hoppe, die heute in Berlin lebt, ist eine erfrischend freundliche Person. Dazu passt, dass sie der dpa sagte, sie habe sich nach dem Anruf der Jury erst einmal einen Friseurtermin geben lassen. Das klingt so charmant, als hätte sie gesagt, sie wolle sich nun über das Kleid für die Preisverleihung am 27. Oktober Gedanken machen. Anstelle einer Widmung steht bei „Hoppe“ auf der Seite nach dem Buchtitel „Für Familienmitglieder gilt das gesprochene Wort“. Felicitas Hoppe schreibt und spricht stets wohlüberlegt. Für ihre Leserfamilie klingt der Satz mit dem Friseur nach „Pigafetta“ und der letzten Nacht an Deck. Da kamen die Friseure: „Ich hörte schon von weitem das leise Klappern ihrer Messer und Scheren, ich sah ihre kleinen blinkenden Spiegel und wie sie in der Dunkelheit ihre schmutzigen Umhänge schwenkten, die sie auswarfen wie Netze.…“

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