Aktuell: Eintracht Frankfurt | Fußball-News | Blockupy | Ukraine | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Literatur

31. Januar 2012

Fernbeziehung: Bahnhöfe sind nichts für große Abschiede

Ein ziemlich kleines Boot für einen Kapitän: Heribert Riesenhuber mit Nancy Krahlisch  Foto: Max Lautenschläger (2)

Während des Studiums verliebte sich Nancy Krahlisch in den Nautik-Studenten Heribert Riesenhuber. Sie ist heute Redakteurin der Frankfurter Rundschau, er Kapitän eines Güterschiffs. In ihrem Buch erzählt Nancy Krahlisch darüber, was es heißt, eine Seemannsbraut zu sein.

Drucken per Mail

#image1

Mitunter kommt es ihr vor wie die fernste Fernbeziehung: Während des Studiums in Bremen verliebte sich Nancy Krahlisch, heute Redakteurin der Frankfurter Rundschau, in den Nautik-Studenten Heribert Riesenhuber. Sie war 21, sie hatte nicht vor, den Mann fürs Leben zu finden. Dass die Sache ernst war, merkte sie erst, als er zu seinem Praktikumssemester aufbrach. Sechs Monate war er damals unterwegs, und sie litt fürchterlich unter der Trennung.


Heute, elf Jahre später, sind die beiden verheiratet. Heribert bereist noch immer die Weltmeere. Inzwischen ist er Kapitän auf einem Containerschiff. Und Nancy Krahlisch erzählt in ihrem Buch darüber, was es heißt, eine Seemannsbraut zu sein.

Lesen Sie hier vorab Auszüge.

Es war Ende März, als er aufbrach. Anfang Oktober würde er wiederkommen. Im März denkt man noch nicht an den Oktober. Im März denkt man an den Frühling. Vielleicht schon an den Sommer. Aber der Oktober ist unendlich weit weg.

Da er seine Familie noch sehen wollte, die inzwischen in Bayern wohnte, hatte er beschlossen, von München nach Gibraltar zu fliegen. Dort würde er an Bord seines Schiffes gehen. Wir verabschiedeten uns am Bremer Hauptbahnhof. Heribert trug seinen riesigen Seesack auf dem Rücken. Wir standen am Gleis, der ICE fuhr ein. Wir küssten uns wieder und wieder. Heribert stellte sich in den Zug und beugte sich zu mir hinunter. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren. Wir küssten uns so lange, bis der Schaffner pfiff. Die Türen des Zuges schlossen sich. Ich konnte Heribert nicht mehr richtig erkennen. Ich winkte meinem eigenen Spiegelbild.

Bahnhöfe sind nichts für große Abschiede. Bahnhöfe sind etwas für Wochenendbeziehungen. Für den Abschied für ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen. Beim Zug ist man bis zum Schluss dabei. Es gibt keine Sicherheits- und Zollkontrollen. Man hat das Gefühl, einfach einsteigen und mitfahren zu können. Am liebsten hätte ich das auch getan. Aber das ging nicht. (…)

"Plötzlich waren überall Schiffe"

Wenn man einen Menschen vermisst, erinnert alles an ihn. Plötzlich waren überall Schiffe. Nicht nur auf dem Wasser. Jeder Film, den ich sah, jedes Buch, das ich las, jedes Lied, das ich hörte: Schiffe. Auch glückliche und verliebte Paare waren überall. Ich hasste es, wenn sie sich vor meinen Augen küssten. Sollen sie doch nach Hause gehen, dachte ich. Manchmal zischte ich das auch im Vorübergehen … und schämte mich danach.

Ich kaufte mir eine große Weltkarte und hängte sie an die Wand. Immer, wenn Heribert mich anrief, fragte ich nach seiner genauen Position. Ich stellte mich vor die Karte und zeichnete mit dem Zeigefinger seine Route nach. Später markierte ich seine Wege mit roten Wollfäden und klebte Fotos von ihm dorthin, wo er selten entlangfuhr. Abends, im Bett, schrieb ich ihm. Keine E-Mails, sondern handgeschriebene Briefe. E-Mails waren teuer. Ich musste mich bei einem Satellitenanbieter anmelden. Jedes Zeichen kostete Geld. Sogar die Leerzeichen. Außerdem landeten alle E-Mails erst einmal beim Kapitän.

Das Briefschreiben per Hand hatte etwas Heilsames. Es war ein bisschen wie früher, in der Pubertät, mit dem Tagebuch. Ich schrieb ihm, wie es mir ging, was ich den Tag über gemacht hatte, wie sehr ich ihn vermisste. Ich wollte nicht, dass er etwas in meinem Leben verpasste. Ich hatte Angst, wir könnten uns fremd werden. Wenn ich zwölf Seiten beschrieben hatte, schickte ich den Brief an seine Reederei, ihm zu Händen, inklusive Schiffsnamen. Sein Schiff hieß White Sun. Weiße Sonne.

Die Briefe waren oft mehrere Wochen unterwegs. Die Reederei schickte sie an einen Agenten vor Ort. Wenn das Schiff im Hafen einlief, brachte der Agent die Briefe zum Kapitän, der verteilte sie dann an die Besatzung. (…)

Für Heribert war es jedes Mal ein Feiertag, wenn der Agent die Post brachte. Heribert erzählte mir, dass er es kaum erwarten konnte, die Briefe zu öffnen. Oft las er sie mehrmals hintereinander. Dass das tatsächlich stimmte, merkte ich daran, dass er bei unserem nächsten Telefonat daraus zitierte. Auch ich bekam Post von ihm, leider nicht ganz so häufig, aber wenn mich ein Brief erreichte, war ich sehr aufgeregt. Ein Telefonat ist schnell vorüber, einen Brief kann man aufheben und immer wieder lesen. Ich las Heriberts Briefe allerdings nie sofort, sondern legte sie vorsichtig wie einen Schatz auf meinen Nachtschrank. Das Lesen hob ich mir bis zum Abend auf. Erst im Bett, wenn ich ganz allein und ungestört war, öffnete ich den Umschlag vorsichtig. Ich roch an dem Papier, nahm jede Zeile, jedes Wort in mich auf. Auch ich las die Briefe immer und immer wieder. Dabei liefen mir dicke Tränen über die Wangen. Aber nicht aus Trauer, sondern vor Rührung und Glück.
Gefühlsmäßig bin ich wieder ganz im Jahr 2002.

Bleib nie wieder so lange weg

Mehr als sechs Monate hatten wir uns damals nicht gesehen. Das war schrecklich. Ich wollte Heribert zwischendurch besuchen. Nach Ravenna in Italien wollte ich reisen. Ich hatte schon alles organisiert. Das Geld dafür hatte ich mir von meinen Trinkgeldern in der Jazz-Bar zusammengespart. Doch dann änderte sich die Route des Schiffes. Es wurde nichts aus unserem Treffen. Als Heribert im Oktober 2002 endlich nach Deutschland zurückkam, musste er mir versprechen, nie wieder so lange wegzufahren. Bis jetzt hat er sich daran gehalten. Nun ist er immer vier Monate unterwegs, kommt für zwei Monate nach Hause, fährt für vier Monate wieder weg. Immer in diesem Rhythmus. Vier Monate sind auch eine lange Zeit, aber sechs Monate sind nicht zu ertragen.

Zur Homepage
1 von 2
Nächste Seite »
comments powered by Disqus
Deutscher Buchpreis - Shortlist 2014
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur