Jean-Paul Sartre, weltberühmter Philosoph aus Frankreich, erfüllte Andreas Baader, weltberühmter Terrorist, alle Wünsche. Nicht nur dass er eigens nach Stuttgart reiste, zum spektakulären Treffen im Stammheimer Hochsicherheitsknast. Nachher, auf überfüllter Pressekonferenz, sprach Sartre brav aus, was RAF und Sympathisanten hören wollten: "Eine Folter, die psychische Störungen herbeiführen soll. Baader und die anderen leben in einer weißen Zelle. In dieser Zelle hören sie nichts außer dreimal am Tag die Schritte der Wächter, die das Essen bringen. 24 Stunden lang brennt das Licht."
Schönheitsfehler: Sartre war gar nicht dort gewesen, wo Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ulrike Meinhof mehr wohnten als bloß untergebracht waren und über Hunderte von Büchern, Plattenspieler und manches mehr verfügten, einschließlich vielfältiger Kontakte untereinander. Nur den kahlen Besucherraum hatte Sartre erlebt.
Des Denkers Stippvisite im Dezember 1974, Höhepunkt diverser PR-Kampagnen der RAF um angeblich unmenschliche Haftbedingungen: ein einziges Missverständnis. Insofern symbolisch für vieles, was sich mit der RAF verbindet. Und speziell mit Andreas Baader, dem Chef der ersten und dem Idol der zweiten und dritten Generation bundesdeutscher Stadtguerilla. Über ihn, rechtzeitig vor seinem 30.Todestag im Oktober und inmitten der Debatte über die vorzeitige Haftentlassung zweier Nachfolger, ist soeben eine umfängliche Biografie erschienen: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes. Das großflächige Porträtfoto auf dem Cover lädt zum sinnierenden Betrachten ein: hübscher Junge. Verträumte Augen, sinnliche Lippen, Gesichtszüge eines Sensiblen. Weißes Hemd und Krawatte lassen an ein manierliches Bürgersöhnchen denken, Künstlerkarriere denkbar.
Wie falsch auch dies. Die Autoren Klaus Stern und Jörg Herrmann entwerfen ein zwar durchaus komplexes, alles in allem jedoch überaus kritisches Bild ihres Antihelden. Hübsch ja, aber ein fieser Typ. Aufschneider, der mit nie geschriebenen Texten anzugeben pflegte, unter anderem für Bild (!), Auto klauender und Kneipen demolierender Dandy, Faulpelz, der dem Gastgeber die Partnerin raubt, ein als Kind von Mutter, Oma und Tante an Verwöhnung gewöhnter Kerl, der Pelzmäntel liebt und Drogen, seinen Porsche, falsche Wimpern und Lidschatten. Einer, der schamlos die Menschen um sich herum ausnutzt und getrieben scheint von unstillbarem Hunger nach Aufmerksamkeit. 1967 prophezeit er seiner Freundin, eines Tages werde sein Konterfei das Titelblatt des Spiegel zieren.
"Dämonische Ausstrahlung"
Die Lektüre nährt den kuriosen Verdacht: Dass es ohne diesen bösen Buben, ohne seine Selbstverliebtheit und seinen Hang zur Inszenierung, womöglich nie zur RAF gekommen wäre, nie zum "Deutschen Herbst" von 1977, nie zu den insgesamt sechzig Toten auf beiden Seiten. Dieser entwurzelte Jüngling mit Vorliebe für Alain Delon und Jean-Paul Belmondo besaß nämlich außer seiner früh ausgebrochenen Neigung zu Gewalttätigkeit und Enthemmung Seltenes: Charisma. Rechtsanwalt Armin Golzem: "Baader war die absolute Nummer eins. Es gab niemanden, der ihm das Wasser hätte reichen können." Horst Bubeck, oberster Gefängniswärter in Stammheim: "Ich habe keinen anderen Gefangenen kennen gelernt, der eine so dämonische Ausstrahlung hatte."
Indessen glaubt die herrschende Lehre zu wissen, dass nicht Personen Geschichte machen, sondern Schicksalsmächte und andere objektive Gegebenheiten. Also suchte sich die Geschichte, um später die Republik in Angst und Schrecken zu versetzen, einen labilen Schulabbrecher aus, der 1962, als 19-Jähriger, die Schwabinger Krawalle erlebte und sich empörte über die Brutalität prügelnder Ordnungshüter. Danach, in Berlin, Randfigur der Studentenbewegung. Nächste Station wurde die Arbeit mit Heimkindern in Hessen. Als Baader schließlich zusammen mit Ensslin und anderen nächtens ein kleines Feuer legte in einem Frankfurter Kaufhaus, um vage gegen Vietnamkrieg und Kapitalismus zu protestieren, und trotz nur bescheidenen Sachschadens dafür drei Jahre Zuchthaus kassierte: Da war, in diesen aufgewühlten Zeiten und bei diesem Charakter, der Boden bereitet für großes Unheil.
Welches, wie gesagt, aus dem Schoß vieler übler Missverständnisse kroch. Baader und die Seinen, darunter Ulrike Meinhof, die Intellektuelle, die in Stammheim so tief sank, dass sie sich endlos von ihren Komplizen beschimpfen und demütigen ließ und dennoch ihr Geschriebenes dem bewunderten Anführer untertänigst zur Bewertung vorlegte: Sie alle redeten sich und anderen so lange ein, sie seien Avantgarde von Klassenkampf und Revolution und mithin berechtigt zu Mord und Totschlag, bis sie selbst und viele andere den tödlichen Unfug glaubten. Fortan wurde die vermeintlich revolutionäre Tat vergöttert, die aber in nichts anderem bestand als im Wegschießen von Führungsfiguren des Systems und in Banküberfällen zwecks Selbsterhaltung. Zugleich wurde humanes Denken eingestellt. Dies alles derart gründlich, dass das narzisstische Früchtchen Baader tatsächlich zum obersten Staatsfeind wurde und die RAF das Nachtgespenst für die Großen aus Politik und Wirtschaft.
Und dann, ab 1974 in der Stammheimer Gerichtsfestung, auch für die Justiz. Wer sie miterlebt hat, diese Atmosphäre aus Hass, Verachtung und Wut, den Kleinkrieg um Haftbedingungen, Gesundheitszustände und An- oder Abwesenheiten der Angeklagten, so dass die sich nach acht Monaten, am 63. (!) Verhandlungstag, erstmals zur Sache äußerten - der möchte dergleichen im Nachhinein missen. Insbesondere Baader, den Kaltschnäuzigen mit dem vulgären Vokabular des Gossenkriegers. Auch übrigens einen zwar brillanten, aber maßlosen Otto Schily, der als Ensslin-Verteidiger unter Berufung auf zweifellos problematisches Verhalten von Gericht und Anklägern mehrfach den "Ruin des Rechtsstaats" ausrief.
Die Hysterie in einem Teil der Medien, die Tor- und Unbeholfenheiten einer mal überforderten, mal auch bösartigen Justiz, die Überreaktionen der Politik, die in Richtung Lynchlust abgedriftete Stimmung mancher Bürger - das alles lässt das Buch beiseite. Gut lesbar ist es, flüssig geschrieben und materialreich. Viel Neues bietet es nicht, aber wer sich für Biografien und Charaktere interessiert und dafür, wie Lebensläufe und Umstände zusammenkommen, um dramatische Geschichte(n) zu gebären, kommt auf seine Kosten. Störend fallen etliche Wiederholungen auf, gewollte und ungewollte; und obwohl Roland Freisler der schändlichste aller schändlichen Nazirichter war, muss sein Name korrekt geschrieben werden.