Es ist von dem Dutzend Büchern, die ich über die Krise gelesen habe, das klarste. Rainer Hank leitet seit 2001 die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat aber nicht Wirtschaft, sondern Literaturwissenschaft, Philosophie und Katholische Theologie studiert. Da schreibt einer, der zunächst einmal sich selbst aufklärt, über das, worüber er andere aufklären möchte. Daher gibt es kaum einen wirtschaftschinesischen Satz in Hanks Buch. Es sei denn, Hank zitiert. Das macht er gerne. Noch lieber macht er uns klar, wie es zugeht da draußen.
Der Untertitel seines Buches lautet: "Wie verhindern wir den nächsten Crash?" Hanks Antwort ist glasklar: "Den nächsten Crash verhindern wir nicht." Der Grund ist einfach: Wir wissen kaum, was wir tun, geschweige denn, was die anderen tun. Darum wissen wir nicht, wie die Zukunft sein wird. Es ist unmöglich, das Ergebnis von Milliarden Einzelaktionen ja nicht nur menschlicher Akteure - schließlich spielt auch das Wetter eine Rolle - vorauszusehen und entsprechend zu agieren. Der über die sozialistischen Debatten informierte Leser erinnert sich an die Freude des 1965 verstorbenen polnischen Ökonomen Oskar Lange über die Fortschritte der Computertechnik. Lange glaubte, Großrechenanlagen ermöglichten eine gesamtgesellschaftliche Buchhaltung. Damit sei der Sozialismus endlich möglich. Ein kurioser Blick auf die Weltgeschichte.
Rainer Hanks "Der amerikanische Virus" ist ein gutes Heilmittel gegen solche Illusionen. Hank macht klar, es ist nicht allein die Globalisierung, die nationale Buchhaltungen, von denen Lange noch träumte, lächerlich werden lässt. Märkte expandieren nicht nur. Sie differenzieren sich. Statt eines Telefontyps gibt es Hunderte. Märkte zerfallen in Teilmärkte. Sie funktionieren nicht anders als die Evolution. Zellteilung und Zellverschmelzung sind ihr Gesetz.
Das sind Sätze des Rezensenten. Rainer Hank bleibt bei der Sache. Er macht zum Beispiel deutlich, dass, wer die nächste Krise zu verhindern sucht, sich auf nichts anderes stützen kann als auf die Analyse der Ursachen der vergangenen Krise. Er wird also gegen Derivate und andere undurchsichtige Finanzprodukte vorgehen. Das heißt aber nur, dass die nächste Spekulation sich anderer Instrumente bedienen wird.
Rainer Hank wehrt sich an so mancher Stelle dagegen, ein Dialektiker zu sein. Aber er ist es und er ist ein besonders brillanter. Wunderbar sind seine Erörterungen zum Verhältnis von Kapitalisten und Kapitalismus. Letzterer muss nämlich vor den ersteren geschützt werden. Dazu bedarf es des Staates. Die wahren Totengräber des Kapitalismus sind nicht die Kommunisten, sondern die Kapitalisten. Der Kapitalist sieht auf seinen Vorteil. Auf sonst nichts. Er mag auch ein Philanthrop sein, ein Liebhaber der schönen Künste oder zarter Knaben, aber das sind Privatpassionen. Als Kapitalist huldigt er allein der Mehrung seines Kapitals. Der geht er nach mit dem Staat oder gegen den Staat, als Steuergesetzgeber oder als Steuerhinterzieher.
Die jüngste Wirtschaftskrise, darauf weist Hank hin, ist kein Produkt der Deregulierung, sondern ganz im Gegenteil. Es war die Regelung, dass die Banken genügend Eigenkapital haben müssten, um im Notfall mit dem eigenen Geld einzuspringen, wenn die Sparer ihr Geld wollen, die Schuldner ihre Schuld aber nicht tilgen.
Um diese Regelung zu erfüllen und zugleich zu unterlaufen, kamen die Banken auf den Dreh, Risiken weiterzuverkaufen, um mit einer hübschen Bilanz dazustehen. Hank formuliert das so: "Die Regulierung selbst gab einen Anreiz, was seinerseits zum stürmischen Wachstum außerbilanzieller Verbriefung in so genannten Zweckgesellschaften beigetragen hat und heute mit als entscheidender Auslöser der Krise gilt." So wie die Kapitalisten - wir nennen sie jetzt mal einfach so - die eine Regulierung ausnutzten, so nutzen sie jetzt die Intervention des Staates aus. Hank schreibt: "Die Rezession und die Finanzkrise sind deshalb nur ein weiteres willkommenes Vehikel, den Wettbewerb außer Kraft zu setzen."
Rainer Hank blickt mit äußerster Skepsis auf die Versuche, den Staat als regulierende Kraft zu installieren. Den Staat gibt es nicht. Der Staat sind die Politiker. Die wollen gewählt werden. Sie kümmern sich um Opel. Denn dort gibt es Wählerstimmen. Sie geben einem bankrotten isländischen Fonds Geld, damit dieser deutschen Sparern ihre Einlagen auszahlen kann. Das heißt, so Hank: "Deutsche Sparer, die wegen satten sieben Prozent Zinsen nach Island gingen, lassen sich von jenen Deutschen herauspauken, die mit drei Prozent bei ihren heimischen Sparkassen zufrieden waren." Es ist einfacher, als wir dachten: Zusammenbrüche gehören nicht nur zur Wirtschaft. Wir werden nun mal nur aus Schaden klug.
Rainer Hank: Der amerikanische Virus - Wie verhindern wir den nächsten Crash? Karl Blessing Verlag, München, 239 S., 16,95 Euro.