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Literatur

10. Juni 2015

Florian Kreutzer: Stigma „Kopftuch“: Unter Kolonialherren

 Von Dirk Pilz
Krankenschwester mit Kopftuch, bei einer DRK-Blutspende-Aktion in Berlin.  Foto: dpa

Rassismus ist hier keine Entgleisung einzelner, sondern eine „strukturelle Dimension sozialer Ungleichheit“. Florian Kreutzers aufrüttelndes Buch über alltägliche Feindsinnigkeit und das Stigma „Kopftuch“.

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Die endgültige Überwindung des Rassismus ist eine politische Utopie. Aber die Erhaltung und Entwicklung einer offenen, multikulturellen, sozial gerechten und demokratischen Gesellschaft erfordert die tagtägliche Durchkreuzung von Rassismus in unseren sozialen Praktiken.

Das sagt Florian Kreutzer, Soziologe an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. Er sagt es im Rahmen einer Studie, die unter dem Titel „Stigma ‚Kopftuch‘. Zur rassistischen Produktion von Andersheit“ erschienen ist. Und er sagt es mit guten Gründen und vollem Recht. Denn Rassismus ist keine Ausnahme, sondern die Regel, weil ein rassistischer Hintergrund unsere Handlungen immer dann vorliege, so Kreutzer, wenn wir jemanden „aufgrund einer allgemeinen, stereotypen Zuschreibung und Gruppenzugehörigkeit benachteiligen und herabmindern“.

Das Buch

Florian Kreutzer: Stigma „Kopftuch“. Zur rassistischen Produktion von Andersheit. Unter Mitarbeit von Sümeyye Demir. Transcript Verlag, Bielefeld 2015. 234 S., 29,99 Euro.

Und das tun wir „fast unweigerlich“, weil unsere Gesellschaftsordnung und damit unser Handeln hierarchisch nach „oben“ und „unten“, nach „drinnen“ und „draußen“ strukturiert sind. Insofern gibt es nicht die offene Gesellschaft, die zu erhalten wäre – sie will vielmehr erst entwickelt werden.

Derzeit nämlich beteiligen wir uns alle an der Produktion von Rassismus, weil wir alle an einer hegemonialen und kolonialen Ordnung teilhaben. Und wer ist wir? Wir ist die Mehrheitsgesellschaft in diesem Land. Rassismus ist für Kreutzer dabei aus keinen „biologischen“ Faktoren abgeleitete Weltanschauung: „Die diskriminierenden Merkmale werden erst durch rassistische Handlungen, Definitionen und Zuschreibungen erzeugt und stereotypisiert.“

Rassismus ist keine unabwendbare Naturtatsache

Kreutzer fragt damit nicht danach, wer Rassist ist, sondern wie man es ist – und wie man ihn überwinden kann. Rassismus ist folglich keine Entgleisung einzelner, sondern eine „strukturelle Dimension sozialer Ungleichheit“. Um zu verhindern, dass Rassismus „in der Banalität des Alltags verschwindet“ oder zur unabwendbaren Naturtatsache wird, unterscheidet Kreutzer zudem zwischen Alltagshandlungen, die keinen signifikanten Einfluss auf das weitere Leben haben, und Gestaltungsentscheidungen, die soziale Ordnungen schaffen.

Diesen strukturellen Rassismus in der deutschen Gegenwartsgesellschaft kann Kreutzer anhand von repräsentativen Interviews mit zwanzig kopftuchtragenden deutschen Frauen türkischen Migrationshintergrunds zeigen, die von Sümeyye Demir geführten wurden. Diesen Frauen, so ein zentrales Ergebnis, bleibt oft nur die Wahl zwischen Assimilation oder Ausgrenzung – und das ist keine Wahl, die für eine offene Gesellschaft spricht. Es weist vielmehr auf eine Gesellschaft, die einem „kolonialen Muster“ folgt.

Insofern erweist sich die „Kopftuch-Debatte“ nicht als ein Streit über Unterdrückung von Frauen oder die vermeintliche Rückständigkeit des Islam, sondern über Herrschafts- und Machtstrukturen. Man kann diesem Buch nur eine breite Leserschaft wünschen.

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