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Literatur

15. Januar 2016

Fotoband „Krieg ohne Krieg“: Wo Menschen sich durchschlagen

 Von 
Gennadiy Alexandrovic Hannikov, 82-jähriger Veteran des Zweiten Weltkriegs. Aufgenommen 2009.  Foto: Meinrad Schade

Meinrad Schades so nüchterner wie berührender Fotoband „Krieg ohne Krieg“ bildet die Zeit nach der Zerstörung ab.

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Der Schweizer Fotograf Meinrad Schade hat sich darauf spezialisiert, über Bande zu spielen. Er ist ein Kriegsreporter, der sich von keiner Armee der Welt einbetten lässt und nicht dorthin geht, wo die Bombenkrater noch rauchen. Der sich ausschließlich in den Zwischenzeiten auf den Weg macht zu vom Krieg versehrten Zwischenzeit-Räumen; und immer ist irgendwo Zwischenzeit in einem Zwischen-Raum, ist irgendwo „Krieg ohne Krieg“.

Der russische Schriftsteller Michail Schischkin formuliert es für das ehemalige Sowjetreich (in einem Text für Schades Buch): „In unserem Imperium war das immer so – sobald man sich daran gewöhnt hat, welche historische Periode unter der gängigen Bezeichnung ,nach dem Krieg‘ gemeint war, begann schon wieder ein neuer Krieg.“ In den Nachfolgestaaten der zerfallenen Sowjetunion ist es bis heute nicht anders. Anderswo auf der Welt ist es ebenfalls nicht anders – so dass Meinrad Schade weitergezogen ist und sich dem Israel-Palästina-Konflikt zugewandt hat.

Aber jahrelang hat der Fotograf, geboren 1968 in Kreuzlingen, Studium der Biologie, dann Ausbildung zum Pressefotografen, die Länder bereist, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind. Er hat dort ordensgeschmückte Veteranen fotografiert und Bilderwände mit den Vermissten eines der vielen kleinen und mittelgroßen Kriege. Er hat Menschen fotografiert, Flüchtlinge zum Teil seit Jahren, die sich durchschlagen.

Grosny, Tschetschenien, 2003.  Foto: Meinrad Schade

Junge Leute, die Wache stehen an Ehrenplätzen für Gefallene. Junge Männer, die das Marschieren üben. Junge Frauen, die sich für Freund oder Mann auf einem Kanonenrohr präsentieren. Junge Paare aus Semipalatinsk (heute: Semei), die scheinbar nirgendwo lieber ihre fröhlichen Hochzeitsbilder machen lassen als vor dem Denkmal für die Opfer der sowjetischen Atomtests. Meinrad Schade schaut oft von der Seite und aus dem Hintergrund drauf. Er sagt: „Die Nebenschauplätze sind mein Territorium.“

Der von Nadine Olonetzky im Schweizer Verlag Scheidegger & Spiess sorgfältig herausgegebene Band – mit vier klugen, essayistischen Zwischentexten – hat den Deutschen Fotobuchpreis 2016 in Silber erhalten. Seine Bildtexte sind stets penibelst nüchtern gehalten. Er ist trotzdem oder auch deswegen ein herzzerreißendes Dokument darüber, wie der Mensch den Menschen fertigmacht und wie selbst der nur indirekt vom Krieg Betroffene – und vor langem schon Betroffene – sich doch nie vollständig erholen kann.

Zum Beispiel in der Gegend um das ehemalige sowjetische Atomtestgelände „Polygon Semipalatinsk“ in Kasachstan, wo bis 1989 insgesamt 456 Atomtests gemacht wurden, der größere Teil von ihnen oberirdisch. Viele Menschen wussten es damals nicht besser – und wurden auch nicht aufgeklärt, nicht gewarnt –, so dass sie neugierig und von allzu nah die Pilzwolken betrachteten. Schade hat vor allem die nächste Generation fotografiert: Zwei wuchtige Brüder, die rechts und links neben ihrer Mutter stehen und ihrer geistigen Behinderung wegen ohne sie verloren wären, aber die Mutter ist schon 80. Ein Blinder mit fast Elephantenmensch-ähnlichen Wucherungen im Gesicht. Ein Kleinkind mit Wasserkopf. Ein Mann mit häufigen Schwächeanfällen, den dann auch die alte Mutter wieder nach Hause schafft. Auf Schades Fotografie sieht man ihn im Mittelgrund einer fast leeren flachen Landschaft sitzen, seine Mutter, selbst einen Stock haltend, greift gerade seine Hand, die weniger verkrüppelte, um ihn hochzuziehen.

Kiew, Ukraine, 2007: Im „Nationalmuseum zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“.  Foto: Meinrad Schade

Über die Landschaften in Meinrad Schades Bildern schreibt der Fotografie-Professor Fred Ritchin treffend, sie seien „jeder Kraft und Anmut beraubt“. Das gilt selbst für eine Pferde-in-der-Steppe-Aufnahme, die ganz unromantisch ist: vorne trockener, zertrampelter (und radioaktiv belasteter) Boden, in der Bildmitte, aber schon klein, grasende Pferde.

Über das Land, in dem er geboren wurde, schreibt Schriftsteller Schischkin: „Seine Größe hat es verloren. Die Armseligkeit ist geblieben.“ Und der größte Teil dieser Armseligkeit folgt bewaffneten Auseinandersetzungen auf dem Fuß. Schade hat also Flüchtlingslager und Flüchtlinge fotografiert, von denen im Westen nie geredet wurde. Menschen, die einmal mehr ihre Habseligkeiten zusammenpacken, weil sie zurück sollen zum Beispiel ins zerstörte Grosny. Menschen, die in einem Zimmer ohne Dach wohnen. Menschen, die in einer ehemaligen Zementfabrik wohnen. Alle von ihnen in Zwischen-Räumen, die hoffnungslose Dauer-Räume wurden.

Meinrad Schade: Krieg ohne Krieg. Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion. Scheidegger & Spiess 2015. 264 S., 54 Euro.

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