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Literatur

16. Dezember 2009

Frank Schirrmachers "Payback": Der Steampunker im Computerzeitalter

 Von Christian Schlüter
FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher warnt in seinem neusten Buch "Payback" vor den Verführungskünsten der Neuen Medien.  Foto: dpa

Wir leben im Informationszeitalter, hat Frank Schirrmacher erkannt. Zu diesem bedrohlichen Befund hat er einen Ratgeber für alle von Kontrollverlust Geplagten geschrieben: "Payback". Von Christian Schlüter

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Das Buch

Frank Schirrmacher: Payback, Karl Blessing Verlag, München 2009, 240 Seiten, 17,95 Euro.

Frank Schirrmacher hat wieder ein Buch geschrieben. Wieder ist es ein Buch zu einem drängenden Thema. Und wieder ist der Titel besonders griffig. Mit "Payback" hat sich der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach seinen Abhandlungen zu den Themen Älterwerden und Familienglück des allgemeinen Computerwesens angenommen.

Wir leben im Informationszeitalter, lautet Schirrmachers Befund. Computer beherrschen unsere Berufs- und sonstigen Lebenswelten. Die Menschheit unterwirft sich dem Takt der Rechenmaschine, eine Mathematisierung und Taylorisierung der Gattung scheint unabwendbar. Aus Qualität wird Quantität und Inhalt durch Content oder Information ersetzt.

Wie bei jeder Kulturtechnik sind mit kulturellen und technischen Neuerungen immer Erleichterungen und Annehmlichkeiten verbunden, die sich als mehr oder weniger unentbehrlich empfehlen, neben denen es aber auch Anstrengungen und Zumutungen, ja massive Bedrohungen geben kann. Mit anderen Worten, der Computer ist die Lösung für eine Vielzahl von Problemen, die wir ohne ihn nicht hätten.

Neue Medien verführen und schmeicheln

Zur Seite der Unentbehrlichkeit weiß Schirrmacher zu berichten, dass Computer, Internet und all die anderen neuen Medien dem Menschen nicht einfach gegenübertreten, sondern ihn verführen und ihm schmeicheln - etwa, weil sie hübsch anzusehen sind, schnelle Erledigung und klare Ordnung versprechen, billiger als menschliche Arbeitskraft sind oder als kluge und sogar einfühlsame Berater erscheinen. Eine einzige Charmeoffensive!

Nun steuert die Allgegenwart digitaler Medien allerdings auf eine Überforderung des Menschen zu. Immerzu muss er reagieren, und das auf möglichst vielen Kanälen zugleich: "Multitasking ist Körperverletzung", prägt Schirrmacher eine griffige Formel. Und was den Wettlauf um die Informationsbeschaffung und -beherrschung angeht, sieht er ein Zeitalter des "digitalen Darwinismus" angebrochen - Google, Twitter, Facebook

Lassen wir jetzt einmal das Argument beiseite, dass es einem Menschen schon nicht möglich war, den umfassenden Papyrusbestand der Bibliothek in Alexandria lesend und verstehend zu erfassen: Worum geht es Schirrmacher eigentlich? Um den Kontrollverlust: Die Souveränität des Subjekts ist bedroht, eine Subjektivität freilich, die er sich selbst zugute halten mag oder nicht, die in jedem Fall aber dem vorvergangenen Jahrhundert entstammt.

Schirrmacher bekämpft also mit der Epistemologie des 19. Jahrhunderts den Maschinensturm des 20. und 21. Was wir daraus lernen können, reicht nicht an ein "Computer für Dummies" heran, hüllt dafür aber die schnöde Maschinenwelt ins kulturpessimistische Räsonnement. So wie sich Menschen mit dem Computer arrangieren, indem sie ihm die Gestalt einer Dampfmaschine geben: Eigentlich liest sich Schirrmachers Buch wie ein energisches, allerdings rein ästhetisches Plädoyer für den Steampunk. Hallo und willkommen in der schönen neuen Netzwerkwelt!

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