Im traditionsreichen Hörsaal VI der Frankfurter Goethe-Universität, in dem einst Theodor W. Adorno Vorlesungen hielt und Studenten protestierten, las Uwe Timm nun eine Szene aus seinem Roman "Heißer Sommer" vor.
Eine Veranstaltung soll gesprengt werden, aber seit anderthalb Seiten sind die Studenten am Diskutieren. Jetzt steht einer auf und "fordert einen neuen Diskussionsleiter, und zwar sofort. Viele klopfen, einige zischen. Jemand ruft: So geht das nicht. Der Diskussionsleiter will darüber abstimmen lassen, ob das so geht oder nicht." Eine knappe Seite später: "Der Diskussionsleiter will erst darüber abstimmen lassen, ob er die Abstimmung leiten soll oder nicht. Jemand ruft: Erst muss abgestimmt werden, ob abgestimmt werden soll." Wieder eine Seite später: "Jemand sagt: Das ist ein Lernprozess. Niemand widerspricht."
Das Publikum im wie immer während dieser Poetikvorlesung knallvollen Saal kicherte. Timm machte darauf aufmerksam, dass das komische Potenzial von "Heißer Sommer" zur Zeit seines Erscheinens Anfang der siebziger Jahre nicht erkannt wurde. Sich das vorzustellen, fällt schwer. Eine Schulzeit in den achtziger Jahren konnte man durchaus damit verbringen, darüber zu lachen, dass etwas ausdiskutiert werden muss (weil die Lehrer, die wir duzen sollten, das immer sagten). Seit es sich weitgehend ausdiskutiert hat, kommt es einem übrigens nicht mehr nur lustig vor.
Jedenfalls belegt der Erfolg der Passage, was Timm sagte: Bücher haben ein Ende, aber mit ihnen selbst ist es noch lange nicht vorbei. Sie liegen da und warten auf uns. In seiner letzten Vorlesung, die logischerweise "Vom Ende" handelte, nahm er sich zum Beispiel Adalbert Stifters nicht mehr so viel gelesene Geschichte "Der beschriebene Tännling" vor, bewährte sich wieder als einer, der nicht anders kann als gut zu erzählen, und schilderte, wie Stifter in einer zweiten Fassung das Ende rigoros abänderte. Kellers "Grüner Heinrich" diente natürlich als das bekanntere Beispiel "zwei Fassungen, zwei Welten". Einerseits klang hier erneut die Allmacht des Autors an, der über Leben und Tod entscheidet. Andererseits ist das Ende Melancholie, so Timm. Der fertige Text steht vor uns "in trauriger Klarheit", es ist jetzt endgültig erklärt oder nicht erklärt, was man zuvor gelesen hat. Der Anfang, mit dem Timm ja auch angefangen hatte, sei noch ein Spiel, ein Würfeln, das Ende eher ein Willkürakt.
Der Autor selbst stellte sich als weniger mächtiger, eher defensiver Erzähler dar. Er wisse oft nicht, wie eine Erzählung von ihm enden werde. Dann sei er selbst gespannt darauf.
Der Abschluss der Poetikdozentur war zugleich der Abschied von Hörsaal VI. Viele murren, einige zischen. Der 50. Poetik-Gastdozent, Durs Grünbein, wird dennoch auf dem Campus Westend vortragen. Uwe Timm erinnerte an die Lust des Anfangs. Das hat aber Zeit bis zum 1. Dezember.
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