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Literatur

10. Januar 2016

Frans Eemil Sillanpää "Hiltu und Ragnar": Im See zur Ruhe legen

 Von 
Finnische Fischer beim Auslegen eines Netzes.  Foto: © epd-bild / Klaus Radtke

Ein Herr bedient sich eben: Frans Eemil Sillanpääs tragische Erzählung „Hiltu und Ragnar“, erstmals ins Deutsche übersetzt.

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Zumindest solle man dieses Buch nicht jungen Frauen zu lesen geben, aber auch für Männer sei es „keine angenehme Lektüre“: So berichtet Panu Rajalas Nachwort zu „Hiltu und Ragnar“ von Frans Eemil Sillanpää von der Rezeption der recht umfangreichen Erzählung in ihrem Erscheinungsjahr 1923. In dieser Geschichte des späteren finnischen Literaturnobelpreisträgers (1939 erhielt er ihn zugesprochen) geht das fürs Leben gänzlich ungeschulte, tragisch unbedarfte Mädchen Hiltu in den See, nachdem es vom jungen Hausherrn seiner allerersten Dienststelle belästigt wurde. Und nachdem, vor allem, es nach dem grapschenden Bedrängen, Küssen, Fummeln seine erste Monatsblutung bekommt, ihm noch niemand erklärt hatte, was es damit auf sich hat. Hiltu erinnert sich an den Blutsturz der früh verstorbenen Mutter, glaubt, dass der Tod sie schon ruft, legt sich lieber selbst im See zur Ruhe.

Polizisten bergen die Leiche, Ragnar gegenüber erwähnen sie eine Obduktion: „Ragnar war äußerst erleichtert, als ihm klar wurde, dass dem Mädchen nichts passiert war, was man bei einer Untersuchung hätte sehen können.“ Und vielleicht wird es ihm auch noch gelingen, den Wein zu ersetzen, den er mit Bekannten getrunken hat, ehe seine Mutter wiederkommt.

Von einem gehätschelten jungen Mann, dem kein moralischer Kompass mitgegeben wurde; von seiner Mutter, die das regelmäßige „Problem“ mit den Dienstmädchen durch das Anheuern eines besonders unattraktiven zu beseitigen glaubt; und von diesem Kind aus bettelarmer Familie, das keine Chance hat zu reifen, erzählt Sillanpää hier. In seinem Roman „Frommes Elend“ begegnet die Leserin Hiltu bereits, dort macht sie sich auf den Weg zu ihrer Dienststelle. Der Guggolz-Verlag ließ die nachtdunkle, lakonische Elends- und Kriegsgeschichte verdienstvollerweise neu übersetzen, als Finnland 2014 Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Das Buch

Frans Eemil Sillanpää: Hiltu und Ragnar. Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen. Guggolz 2015. 128 Seiten, 18 Euro.

Wiederum überträgt nun Reetta Karjalainen die stellenweise ironisch angereicherte Nüchternheit Sillanpääs in kühl-präzises, zart altmodisches Deutsch.

Man begegnet auf der Stelle Frau Rektor und ihrem Sohn, als dieser sie zum Zug und ins Abteil bringt. Die Mitreisenden werfen sich Blicke zu, denn der „Tonfall der beiden ähnelte dem Tonfall eines verwöhnten Kranken“. Ragnar bleibt allein in der Villa, er ist entschlossen, die Abwesenheit der Mutter zu nutzen, das Unglück nimmt also seinen Lauf – für das neue Dienstmädchen, das der Frau Rektor doch so ideal erschien mit seiner Kindlichkeit und diesem Blick, der immer „weit und etwas lau“ war.

Sillanpää legt es nicht aufs Mitfühlen an. Er hält Abstand zu seinen Figuren, nimmt aber ihre Psychologie genau. Oder eigentlich: die Beschreibung ihrer eigenartigen Verloren- und Verwirrtheit in dieser Welt.

Hiltu ist bereits eines von diesen verzweifelt herumhantierenden Geschöpfen, „als ob das noch so gewissenhafte Herumhantieren etwas helfen könnte“. Sie ahnt schon, wie es mit so einem Frauenleben bestellt ist – jedenfalls mit dem eines notgedrungen dienstbaren weiblichen Wesens. Ragnar fühlt sich mal ausgesprochen männlich, die Dinge beherrschend (ha, sie weint, wegen ihm!), mal nimmt er forsche Gedanken sozusagen gleich wieder zurück, ist seiner Entschlüsse unsicher. Und eigentlich ist ihm das „Gleichgewicht der Gedankenlosigkeit“ das Angenehmste.

Bezahlen tut seine sittliche Indifferenz das Mädchen. Das hat sich seit 1923 nicht geändert.

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