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Literatur

12. Oktober 2014

Friedenspreis an Jaron Lanier: „Nach der Party wird aufgeräumt“

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Nach dem offiziellen Teil: Jaron Lanier spielt auf der Mundorgel Khaen.  Foto: dpa

Bei der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche: Europa-Politiker Martin Schulz lobt den Internet-Pionier und -Kritiker Jaron Lanier. Jaron Lanier spielt die Mundorgel Khaen.

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Es war eine eigentümliche Situation am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche. Friedenspreisträger Jaron Lanier, Internetspezialist, Buchautor, Musiker, fiel es gewiss nicht schwer, dieses Publikum von seiner Skepsis gegenüber einem sorglosen Umgang mit dem Internet zu überzeugen. „Wir behandeln Computer wie religiöse Objekte“, sagte er, und die der Buchmesse nahestehenden Zuhörer nahmen es gerne zur Kenntnis.    

Dass er aber selbst als Pionier spricht, als nach wie vor begeistert Beteiligter, nicht als Renegat, das war schon schwieriger zu verdeutlichen. Nicht so sehr, was er sagte, sondern wer es sagte, war hier ja von Belang. „Widersprüche und Mehrdeutigkeiten zu vermeiden“, so Lanier, „heißt, die Realität zu vermeiden.“ Die leise Kritik im Vorfeld, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sich zwar endlich der digitalen Welt zuwende, dann aber gleich wieder einem ihrer Kritiker, geht insofern ins Leere.

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Sein Laudator Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, hatte bereits klargestellt: Lanier, ein „digital native“ (was beim Jahrgang 1960 enorm ist), sei „nicht kulturpessimistisch, schon gar nicht technologiefeindlich, sondern er mahnt aus der Position eines kenntnisreichen, zur Sache selbst aber loyalen Oppositionellen“. Und: „Wer meint, Lanier hätte sich frustriert abgewendet von der digitalen Welt, der irrt gewaltig. Nein, er ist mittendrin im Diskurs, verfolgt dabei aber einen hohen moralischen Ansatz, es besser zu machen.“

Schwungvoll rief Schulz dazu auf, mit Blick auf das 21. Jahrhundert wie über das Klonen, die Sterbehilfe oder Lebensmittelzusätze auch über die digitale Zukunft zu diskutieren. „Nach der Party kommt nun die Phase des Aufräumens, nach dem Tohuwabohu muss der Zustand der weitgehenden Regellosigkeit beendet werden“. Eine solche Debatte dürfe nicht alleine den Technikexperten und Nerds überlassen werden. Er begreife nicht, weshalb es zu diesem Thema noch keinen Ethikrat gebe.

Lanier selbst beschrieb er als „Patchwork-Identität“, die nur auf den ersten Blick postmodern, auf den zweiten aber am Humboldt’schen Bildungsideal orientiert sei. Das stellte Lanier unter Beweis, indem er sich nach seiner Dankesrede als veritabler Khaen-Spieler erwies. Und die aus Laos stammende Mundorgel als Vorläuferin sowohl der Kirchenorgel als auch im übertragenen Sinne des Computers apostrophierte. Seine Wendung von der Suche nach einer Freiheit, die „abwechslungsreich und stabil“ sein solle, vertritt er leibhaftig nach Kräften.

Er hätte auch nichts dagegen gehabt, noch ein bisschen  zu erzählen. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, beendete die Veranstaltung dann sanft, während auch das Publikum in Stimmung kam und Rufe nach mehr Musik laut wurden.

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