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Literatur

19. Juni 2009

Friedenspreis: Endlich!

 Von ARNO WIDMANN
Der 1939 in Triest geborene Autor hat als Germanist begonnen. Foto: getty

Claudio Magris erhält den Friedenspreis. Eigentlich hätte er schon seit 1986 den Preis erhalten müssen - als sein Buch "Donau. Biographie eines Flusses" erschien. Von Arno Widmann

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Seit 1986 sein Buch "Donau. Biographie eines Flusses" erschien, hätte Claudio Magris den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen müssen. Der 1939 in Triest geborene Autor hat als Germanist begonnen. Er hat die Habsburger Monarchie nicht als Kerker der Völker, nicht nur als ein in die Moderne ragendes Relikt feudaler Vergangenheit betrachtet, sondern sie als eine der Brutstätten der Moderne erkannt.

Mit seinem jüngsten großen Roman "Blindlings" - wie fast alle seine Bücher auf deutsch bei Hanser erschienen - ist Magris zu einem der bedeutendsten lebenden Romanautoren geworden. Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist in den letzten Jahren selten gewaltiger und zugleich subtiler dargestellt worden. Eines seiner Bücher heißt "En gros und en détail", es versammelt kleinere Arbeiten, die er zuvor in Zeitungen veröffentlichte.

Symphonieorchester & Piccolo

Der scheinbar beiläufige Titel meldet aber den großen, ja hochfahrenden Anspruch der Magris-schen Schriftstellerei an. Er will beides: das Symphonieorchester und die Piccoloflöte. Er will es nicht aus Kraftmeierei und Virtuosentum. Er will es aus Liebe zur Wahrheit. Er weiß, er hat erfahren, dass ohne den großen Schwung, ohne die Bereitschaft, sich ins Pathetische zu vergaloppieren, nichts zustande kommt.

Er wurde Professor, weil es ihm peinlich gewesen wäre zu sagen: Ich bin ein Autor. Das ist vorbei. Aber noch immer erschrickt er, wenn jemand ihm sagt: Du bist ein Dichter. Er erschrickt, weil er dabei an Pindar und Hölderlin denkt, an Dante und Leopardi. Daneben kommt er sich klein vor. Er ist aufgewachsen in der Verehrung des Großen und Schönen. Er erlernte das Handwerk der Kritik, das sich nicht kümmert um Ruhm und Glanz, sondern sie ruhig und kalt analysiert. Es dauerte lange, bis es ihm nicht mehr peinlich war bei seinen Texten mindestens so sehr auf deren Klang wie auf ihre Bedeutung zu sehen, und es dauerte bis 2005, bis er eine Wortsymphonie wie "Blindlings" nicht nur zustande brachte, sondern auch zu veröffentlichen wagte.

Claudio Magris ist der ideale Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Er hat in seinen Büchern beim Blick auf das Große und Ganze nie vergessen darauf hinzuweisen, wie zerstörerisch das oft für das Kleine ist. Er weiß aber auch, dass der Blick aufs Ganze nötig ist. Er vergisst dabei nie, dass dieser Blick nur zu leicht der Neigung zum Totalitären erliegt. Claudio Magris misstraut darum dem Großen wie dem Detail und so bleibt ihm nichts als sich auf beide einzulassen. In der Hoffnung, dass sie einander relativieren, dass sie jedenfalls uns klarmachen, welche Opfer jeder für sich fordert.

Der Blick von Triest auf Europa erschien uns lange als einer von der Peripherie aus. Claudio Magris half uns dabei zu begreifen, dass wir durch die Brille von Jalta sahen. Er tat das nicht als Prediger des Umsturzes, aber doch als einer, der nicht einsah, warum Europa auf ewig am Eisernen Vorhang enden sollte. Europa, schrieb er einmal, sei ein Gefühl des Zusammenhangs. Es gibt nicht viele Autoren, die unser Gefühl des Zusammenhangs so erweitert haben.

Wer seine Bücher lesend mit Claudio Magris unterwegs ist, dem weitet sich seine Heimat zur Welt, und die Welt - so lernt er schnell - ist nicht zu groß für den kleinen Raum eines Cafés in Triest. Dass wir weit hinaus reichen, weiter als wir uns einbilden, wenn wir nur einen Blick werfen auf Eltern und Großeltern, Freunde und Freundinnen, dafür hat Claudio Magris uns auch die Augen geöffnet.

Wir werden durch Lektüre keine aufmerksameren, klügeren, gar besseren Menschen. Aber es gibt Bücher, die entfachen in uns den Wunsch es zu werden. Wir schämen uns dieser Sentimentalität. Aber wir lieben sie auch. Denn wir werden den Verdacht nicht los, dass wir ohne diese Momente der Schwäche längst versteinert wären. Magris' Bücher ziehen uns die Panzerungen vom Leib. Sie machen uns empfindlich. Empfindlich nicht nur für die Eleganz einer ausschwingenden Satzperiode, für den Takt von Rede und Gegenrede, für die beschämenden Mängel unserer gar zu eng gezogenen Kenntnisse und Aufmerksamkeiten, sondern auch für die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der anderen. Mit vier Worten: Claudio Magris' Prosa entwaffnet.

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