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Literatur

12. Oktober 2014

Friedenspreis Jaron Lanier Internet: „Der ,High-Tech-Frieden‘ braucht eine Art von Humanismus“

Friedenspreisträger Jaron Lanier in der Paulskirche.  Foto: AFP

Aus der Dankesrede des US-amerikanischen Informatikers, Musikers und Schriftstellers Jaron Lanier, der am Sonntag im Frankfurter Römer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht bekam.

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Frankfurt a. M. –  

Der Internet-Pionier Jaron Lanier ist am Sonntag in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Nachrichtenagentur dpa dokumentiert Auszüge aus seiner Dankesrede mit dem Titel „Der ,High-Tech-Frieden‘ braucht eine Art von Humanismus“ nach dem Wortlautmanuskript der deutschen Übersetzung:

„Ich habe immer noch größere Freude an Technologie, als ich ausdrücken kann. Die virtuelle Realität kann Spaß machen und wunderschön sein. Trotzdem stehe ich hier, so kritisch. Denn Widersprüche und Mehrdeutigkeiten zu vermeiden, heißt, die Realität zu vermeiden. (...)

Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde. Das Wesen des Buches ist Beweis dafür, dass individuelle Erfahrung existenziell für die Bedeutungsebene ist, denn jedes Buch ist anders. (...)

Ausgerechnet wenn digitale Unternehmen glauben, sie täten das Bestmögliche, optimieren die Welt, stellen sie plötzlich fest, dass sie ein gewaltiges Imperium der Spionage und Verhaltensmanipulation leiten. Man denke an Facebook, das erste öffentliche Unternehmen dieser Art, das von einem einzigen sterblichen Individuum kontrolliert wird. Facebook steuert heute zum großen Teil die Muster sozialer Verbindungen in der ganzen Welt. (...)

Der Friedenspreisträger

Jaron Lanier, geboren 1960 in New York City, gehört als Internet-Pionier zu den wichtigsten Konstrukteuren der digitalen Welt. Er gilt als der Vater des Begriffs der „virtuellen Realität“. Heute betreut er als Wissenschaftler ein Projekt mehrerer Universitäten zur Erforschung des „Internets 2“ und arbeitet als Forscher für Microsoft Research.

Mit seinen Büchern „Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht“ (2010, Suhrkamp) und „Wem gehört die Zukunft?“ (2014, Hoffmann und Campe) zählt er zu den prominentesten Kritikern der digitalen Welt.

Big Data schürt die algorithmische Konzentration von Reichtum. Zuerst ist es in der Musik- und Finanzbranche passiert, doch der Trend greift auf jeden zweiten Schauplatz menschlicher Aktivität über. Algorithmen erzeugen keine Garantien, doch sie zwingen nach und nach die breite Gesellschaft dazu, Risiken zu übernehmen, von denen nur ein paar wenige profitieren. (...)

Manchmal frage ich mich, ob wir unsere Demokratien an Technologie-Firmen outgesourct haben, damit wir nicht selbst zur Rechenschaft gezogen werden können. Wir geben unsere Macht und unsere Verantwortung einfach ab. (...)

Wenn wir den Fantasien von künstlicher Intelligenz widerstehen, können wir zur neuen Formulierung einer alten Idee kommen, die in der Vergangenheit viele Formen hatte: «Humanismus». (...)

Doch der springende Punkt, die grundlegende Position, von der wir nicht abweichen dürfen, ist: Wir müssen anerkennen, dass es Raum für Alternativen gibt. Das Muster, das wir heute sehen, ist nicht das einzig mögliche Muster, es ist nicht unabwendbar.

Unabwendbarkeit ist eine Täuschung, die die Freiheit aushöhlt (...).

Der neue Humanismus behauptet, es ist richtig zu glauben, dass Menschen etwas Besonderes sind, nämlich dass Menschen mehr sind als Maschinen und Algorithmen. (...)

Wir glauben an uns selbst und aneinander, aber es ist eben nur Glaube. Es ist ein pragmatischerer Glaube als der traditionelle Glaube an Gott. Er führt zum Beispiel zu einer faireren und nachhaltigeren Wirtschaft und zu besseren, zurechnungsfähigeren Technologien.“ (dpa)

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