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Literatur

30. Januar 2015

Fritz J. Raddatz im Interview: „Ich war eine sehr schnelle Ratte“

 Von 
Fritz J. Raddatz, Journalist, Verleger, Essayist, Erzähler.  Foto: dpa

Fritz J. Raddatz, Journalist, Verleger, Essayist, Erzähler, blickt mit 83 zurück auf seine „Jahre mit Ledig“ und auf das Glück, das er hatte im und mit dem Leben.

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Es ist exakt 15 Uhr. Ich stehe am Eingang des Hotels Grand Elysée in Hamburg. Fritz J. Raddatz ist noch nicht da. Das gibt es nicht. Er ist immer pünktlich bei Interviewterminen. Jetzt müsste er seit einer Minute da sein. Da fällt mir ein: Wir sind nicht hier verabredet. Ich gehe zur Rezeption, sage dort: „Wenn ein Herr Raddatz kommen sollte, sagen Sie es mir bitte. Ich bin im Kaminzimmer.“ Ich gehe durch einen großen Saal, biege nach rechts in einen Gang ab. Da sehe ich Fritz J. Raddatz. Er steht vor dem Kaminzimmer und wartet auf mich. Raddatz trägt ein dunkelbraun-grünlich gemustertes Tweed-Jackett, von einer Qualität, wie ich sie noch niemals berührt, geschweige denn getragen habe. Graugrünes Hemd, grüne Krawatte. Ein Gesamtkunstwerk aus unterschiedlichen Grüntönen. Ich entschuldige mich fürs Zuspätkommen, aber in Wahrheit hoffe ich, dass er den Anblick verzeiht, den meine C & A-Existenz ihm bietet. Raddatz wartet seit zehn Minuten. Er ist bester Laune. 

Ein tolles Buch. Sie erzählen von einem Ernst Rowohlt, der so lachen muss, dass ihm das Gebiss in einem hohen Bogen aus dem Mund in einen Bach fällt, aus dem sein Sohn Harry es wieder herausfischen muss …
„Jahre mit Ledig“ heißt das Buch. 

„Eine Erinnerung“ nennen Sie es.
Ich habe damals keine Tagebücher geführt. Das Buch ist ganz aus der Erinnerung geschrieben. Es hat mich angestrengt. Es fällt einem ja nicht nur Schönes, Heiteres ein, sondern da sind auch Schmerzen. Die man erfahren, und die man bereitet hat. Zum Teil war es eine finstere Reise in die Vergangenheit. Das Buch hat mich erschöpft. 

Davon ist nichts zu merken.
Das wäre ja noch schöner. Ein Autor soll den Leser nicht mit seinen Schwierigkeiten belästigen. Die Gräte des Buches ist die Beziehung zwischen zwei Männern, der eine älter, der andere viel jünger, die von Anfang an einander auf rätselhafte Weise zugetan sind. Ledig und ich sitzen in der Insel, dem Restaurant am Alsterufer, einander gegenüber. Ich war gekommen, um die große – dann schließlich dreibändige – Tucholsky-Ausgabe mit ihm zu besprechen. Nach einer Weile meint Ledig: „Hören Sie mal auf mit Ihrem ewigen Tucholsky. Wollen Sie nicht zu mir kommen? Wollen Sie nicht mein Stellvertreter werden, der stellvertretende Chef des Rowohlt-Verlages?“ Typisch Ledig: spontan, unüberlegt und großherzig. Er kannte mich nicht. Aber ihm gefiel etwas. Er wollte es haben. 

Ein Kind.
Ja: liebevoll, verletzlich, manchmal auch tückisch. Ledig war kein Intellektueller. Sein Engagement für „Lolita“, Genet oder Henry Miller kam aus dem Bauch oder aus einer, wie Kenner der menschlichen Anatomie wissen, noch etwas tiefer liegenden Region. Ich nehme an, Ledig wusste nicht, dass zur französischen Aufklärung nicht nur das Antiklerikale, sondern auch von Anfang an das Obszöne gehört hatte. Er glaubte, diese Verbindung gerade zu erfinden. Sein Einsatz für Genet zum Beispiel führte zu einer Vorstrafe wegen Verbreitung pornografischen Schrifttums, die ihm Probleme bei der Einreise in die USA bereitete. Die wurden später durch Gutachten des Sexualwissenschaftlers Hans Giese und des Psychiaters Bürger-Prinz aus dem Wege geräumt. 

Um welche Bücher von Genet ging es?
„Querelle de Brest“ und „Notre-Dame-des-Fleurs“. Man darf natürlich nicht über Genet in Deutschland sprechen, ohne den Merlin-Verlag von Andreas Meyer zu erwähnen. Der Verlag hat sich sehr um Genet – und nicht nur ihn – verdient gemacht. Wunderbare Ausgaben. Zum Beispiel die Gedichte oder die Aufsätze. Ich erinnere nur an den über Giacometti, der besonders eindringlich und schön ist. Eine Skulptur, schreibt Genet da, begreift man nur, wenn man sie be-greift. Man muss sie abtasten, muss sie streicheln. 

Zur Person

Fritz J. Raddatz, geboren am 3. September 1931, war Cheflektor beim DDR-Verlag Volk und Welt, dann stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlages. Raddatz war Feuilleton-Chef der „Zeit“, schrieb mehr als zwei Dutzend Bücher, u. a. über Georg Lukács, Karl Marx, Heinrich Heine, William Faulkner, Kurt Tucholsky, Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke. Er war Literaturprofessor, Essayist und Erzähler.
Sein letztes Buch, „Tage mit Ledig – Eine Erinnerung“, erscheint in diesen Tagen im Rowohlt-Verlag (155 S., 16,95 Euro). Er erzählt darin von Ernst Rowohlt (1887–1960), der 1908 den Rowohlt-Verlag das erste Mal gründete. Vor allem aber von dessen unehelichem Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt (1908–1992), unter dem und mit dem Fritz J. Raddatz 1960 bis 1969 den Rowohlt-Verlag leitete.
Auch Harry Rowohlt hat darin einen kurzen Auftritt. Der Schauspieler, Vortragskünstler und Übersetzer ist der 1945 geborene Sohn Ernst Rowohlts und dessen letzter Ehefrau Maria Pierenkämper (1910–2005).

Vor Gericht kam Ledig.
Es ist ein Unterschied, ob ein kleiner Verlag so etwas macht oder ob sich eine Machtmaschine wie Rowohlt für einen Autor und sein Werk einsetzt. Rowohlt war damals der größte belletristische Verlag der Bundesrepublik. Weit größer, einflussreicher, mächtiger als S. Fischer, Suhrkamp oder Hanser. Auch wegen „Lady Chatterley“ von D. H. Lawrence stand der Rowohlt-Verlag 1961 vor Gericht. Diese Bücher zu verlegen, war damals jedes Mal eine große Tat. Dafür brauchte es Mut. Den hatte vor allem Ledig. Meine Rolle war nicht unbedeutend, aber ich war nur der Einflüsterer. Ledig entschied. Ledig kam vor Gericht. 

Nabokovs „Lolita“ …
… war ganz allein Ledigs Idee gewesen. Ich hatte nichts damit zu tun. Bei anderen Büchern gab er, um, wie er sagte, „endlich Ruhe zu haben“, meinem Drängen nach. Zum Beispiel bei „Letzter Ausgang Brooklyn“ von Hubert Selby. Er hatte das nicht gewollt. „Mein Gott, Sie grauenhafter Kerl, das kann man nicht übersetzen“, schimpfte er. Aber dann ließ er mich doch machen. Das Buch erschien und wurde ein Erfolg. 

Ein gigantischer Erfolg war im Jahre 1963 Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“.
Rütten & Loening hatte das Stück 1961 angenommen, der Verlag trat aber, nachdem die Gütersloher Konzernzentrale – Rütten & Loening gehörte seit 1960 zu Bertelsmann – ihr Veto eingelegt hatte, davon zurück. So kam das Stück zum Rowohlt-Verlag. Ledig nahm es, schickte es Piscator. Die Uraufführung fand im Februar 1963 statt. Gleichzeitig kam das Stück als Buch – zum Ärger nicht nur der katholischen Kirche, sondern auch von Berthold Beitz und vieler anderer – heraus. Auf dem Theater ein Welterfolg. Ebenso als Buch. Es entfachte eine politische Debatte um die Rolle des Papstes und der katholischen Kirche im Nationalsozialismus und gegenüber der Judenverfolgung. Es war Ledigs Idee gewesen, Piscator das Stück aufführen zu lassen, den Regisseur, der schon in der Weimarer Republik politisches Theater gemacht hatte. Mit einem Mal gab es das in Deutschland wieder. 

1946 wurde ich geboren. Als ich zwanzig war, gab es jedes Jahr neue Filme von Bergman, Fellini, Truffaut, Godard, Woody Allen …
Pasolini. 

Was guckt ein heute Zwanzigjähriger? Ich finde nicht, dass es heute Filme gibt, die mit dem damaligen Angebot konkurrieren können.
Ich wusste nicht, dass ich einem Masochisten gegenübersitze, der noch immer ins Kino geht. Andererseits: Man muss sich ein wenig in den Konjunktiv setzen. Dieses „Früher gab es …“ und dieses „Früher war es …“ – das ist doch auch lächerlich. Es gibt sicherlich immer noch und immer wieder begabte Leute, die begabte Dinge machen. Was das Kino angeht, kann ich nicht mit Ihnen in die Startlöcher. Ich gehe nicht mehr ins Kino. Ich weiß nicht, ob „Lola rennt“ Diarrhoe mit der Kamera ist oder nicht vielleicht doch ein ganz guter Film. Was die heute Zwanzigjährigen machen, das weiß ich nur zu genau und Sie doch auch: Die posten sich. Wenn das noch so heißt. Sie twittern. Das ist eine ganz beschränkte Anzahl von Zeichen. Das ist eine andere Kultur. Die „Marienbader Elegie“ kann man aber nicht twittern. 

In allem eine andere Kultur?
Das beginnt bei der Kleidung. Es ist doch heute fast unmöglich, kein offenes Hemd zu tragen, das den Blick auf das Unterhemd freilegt. 

So wie ich.
Das muss heute selbst ein US-Präsident tun. Die darin sich ausdrückende Haltung reicht bis tief in die Kultur. Welche Bilder werden gezeigt, welche Bilder gelten etwas? Wenn es ganz hoch kommt, ist es Neo Rauch. Das kann ich nicht hoch nennen. Das ist nichts als Plakatkunst. Meine kulturelle Sozialisation ist für die jungen Leute von heute so fern wie das „Nibelungenlied“. 

Könnte es nicht sein, dass die Jungen heute etwas Neues entdecken? Vielleicht gerade in den Kurzformen?
Ich glaube nicht, dass die zwanghafte Kürze etwa beim Twittern eine neue Ästhetik hervorbringen wird. Das fördert nur Oberflächlichkeit, die vorgebliche Informationsfülle, der wir heute ausgesetzt sind – dabei wissen wir nicht einmal genau, was zum Beispiel in der Ukraine los ist, oder, um bei der Kultur zu bleiben, wer heute in den USA malt. Wer sind dort die jungen Autoren von heute? Wissen nur wir das nicht? Oder weiß man das nicht, weil sie untergehen in der Überfülle von angeblicher Information? Wir sind heute mit all diesen Medien dümmer, als wir ohne sie waren. Wir leben in einer Zeit des pseudo-informierten Analphabetentums. Was ich in den Medien lese oder höre, ist fast nur noch Schrott. Grass war in der NSDAP, weiß die taz – war er nicht. Tucholsky hat gesagt, die Karikatur darf alles, weiß 3sat – hat er nicht. Etwas „unglaubwürdig“ habe Vasari gelesen, was Roberto Zapperi über die Renaissance schrieb, weiß die Literarische Welt – vielleicht doch eher „ungläubig“? Ganze Sätze, die wir hören oder lesen, geben heute keinen Sinn mehr. „Sonst klingen unsere westlichen Werte nur nach freiem Handeln und Freihandel“ – schreibt die FAZ. Die Deutschen strebten „nach den Unbilden einer Diktatur“ nach Frieden – formuliert Die Zeit; was, bitte sehr, sind „Unbilden einer Diktatur“? (Auch „die Unbill“ wäre eine faule Frechheit). Ich könnte Sie jetzt ohne Probleme mit 50 Beispielen dieser Mischung aus Dummheit und Schlamperei langweilen. Was man wissen könnte, wird weggebürstet durch Schnelligkeit. Schnelligkeit taugt nicht für Kultur. Die braucht Zeit. Zeit, um die „Buddenbrooks“ zu lesen, zu verstehen, nachzulesen: Wie war das mit Tony und mit Herrn Grünlich? Das ist alles weg. Es ist ein ganz großer Radiergummi über das kulturelle Gedächtnis hinweggegangen. Jeden Tag wird mehr ausradiert. 

Und der russische Film, der jetzt den Golden Globe bekam?
Sie meinen „Leviathan“ von Andrej Swjaginzew. Er soll sehr interessant sein, aber ich habe ihn nicht gesehen. Kultur ist ein Gewebe. Kultur muss großgezogen werden wie ein junges Kätzlein. Kultur braucht ein Umfeld, das sich um sie kümmert, sie nährt und kritisiert. Geschieht das nicht, dann meint das Publikum zu ernten, in Wahrheit aber ist nichts da. Man hat sich nicht die Mühe gemacht und hat sich nicht die Zeit genommen, etwas wachsen zu lassen. 

Braucht man Zeit, braucht man Muße, um Genet zu verstehen?
Genet war ja, wie auch Henry Miller, deutlich. Manche würden sagen: überdeutlich. Muss ich unentwegt erfahren, wie groß der Schwanz war, wer sich da hat ficken lassen, und wer da gefickt hat? Das ist nicht schwer zu verstehen. Schwer zu verstehen ist bei Genet die abgrundtiefe Traurigkeit des Autors. Er ist kein fröhlicher Ficker, und keine seiner Figuren ist es. Das ist etwas ganz anderes als heutige Pornografie, die sich als Literatur ausgibt. Genets Bücher sind Sturzbäche von Tränen. Genet malt schwarze Pfützen, in denen sich aber kein heller Barockhimmel spiegelt mit niedlichen Engelchen mit Trompeten im Mund. Sie haben ganz andere Dinge im Mund. Der Dreck dieser Welt spiegelt sich in Genets Pfützen. Zorn und Traurigkeit – das ist das Millimeterpapier, auf dem Genet geschrieben hat. Das ist auch das Millimeterpapier, auf dem de Sade schrieb. Das ist ja alles nicht lustig. Auch wenn man immer mal wieder lachen möchte: Mein Gott, müssen jetzt acht es miteinander treiben? Genügen nicht sechs? Das ist ja auch schon anstrengend genug. 

Was hat das mit Zeit und Muße zu tun?
Wenn Sie durch den Text rasen, kriegen Sie den Subtext nicht mit. Sie merken auch nicht, ob das Bildungsgut, das da ein Autor, ein Künstler eventuell vor ihnen ausbreitet, nur Ausstattungsware ist oder wirklich erlebt und geformt. Das zu erfahren, brauchen Sie Muße. 

Muße hört sich so harmlos an. Wie sind Sie von der Muße auf Genet gekommen?
Ich sprach von der Muße. Sie kamen auf Genet. Ich nahm den Ball auf. 

Muße ist das Gegenteil von Arbeit.
Muße erfordert Kraft. Zur Muße muss man sich erziehen, man muss sie lernen. Durch Lektüre, durch die drei, vier oder gar fünf Sätze einer Symphonie, durch die genaue Betrachtung einer Zeichnung. Wenn Sie das ohne Muße aufnehmen, haben Sie es nicht aufgenommen. Hetzen lässt man sich. Muße nimmt man sich. Muße ist die wahre Arbeit. Sie brauchen Muße, um sich Beethovens Violinkonzert anzuhören, und sie sollten sich die Zeit nehmen, zum Beispiel eine Schneiderhan-Einspielung mit der von Anne-Sophie Mutter zu vergleichen. Oder der von Dawid Oistrach. Kultur ist wesentlich Hinschauen, Hinhören, Vergleichen. Das ist die Arbeit der Muße. 

Heute kann jeder, der einen Internetzugang hat – sei es im mongolischen Tschoibalsan oder auf Feuerland – auf Youtube geschätzte 80 bis 100 Einspielungen des Beethoven’schen Violinkonzerts miteinander vergleichen. Kostenlos. Oistrach, Heifetz, Mutter, Menuhin oder Patricia Kopatchinskaja.
Das tut doch kaum einer. Die hören ja nicht einmal mehr die Nachrichten zu Ende. Solche Vergleiche machte vielleicht Joachim Kaiser, als er noch arbeitete, oder Eleonore Büning von der FAZ macht sie heute. Sonst doch niemand. So wird in Wahrheit doch das ganze Technik-Zeug nicht genutzt. Man nimmt es, um zu sagen: „Hallo, ich bin am Strand. Ich mach jetzt ein Selfie von mir am Strand und ruf zurück!“ 

Muße – ist das nicht der Mann im Kaminzimmer mit Zigarre, Rotweinglas und einem guten Buch?
Das bin ich. Bis auf die Zigarre. Bei mir ist es ein Zigarillo. Was ist daran falsch? Es geht doch darum, was Sie lesen, und mit wie viel Liebe Sie lesen. Da stört der Rotwein nicht, und nicht der Kamin. Wenn Ihr Herz anfängt zu flackern und zu pochen, und Sie noch einmal zurückblättern, das ist Genuss und Spiel. Kultur ohne Genuss und Spiel ist keine Kultur.

Heiterkeit – da ist der Schmerz gleich dabei – und Liebe – die gibt es nicht ohne viel Trauer, viel Enttäuschung. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Sagt Schiller.
Sie haben nicht nur gelesen. Sie haben geschrieben, und Sie haben gelebt. Mit Schriftstellern und Künstlern. Sie haben mit ihnen gearbeitet, und Sie haben sie geliebt. Die wenigsten Leser haben so intensive Erfahrungen mit den Künsten.
Ich blicke auf ein privilegiertes Leben zurück. Ich kannte viele Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Künstler persönlich. Ich habe von ihnen auch gelernt. Ohne mehr und mehr, öfter und öfter in Paul Wunderlichs Atelier gewesen zu sein, wüsste ich doch nicht, wie eine Lithografie entsteht. Wie geht das, auf den Stein zu zeichnen? Wie fügt man eine neue Tinte hinzu für eine andere Version des Blattes, oder wie eine Gummiflüssigkeit, um eine andere Farbe wieder auszulöschen? Das lernt man, wenn man es macht oder doch wenigstens dabei ist, wenn es gemacht wird. Mit einem Autor Satz für Satz durchgehen – da lernen Sie, wie Literatur entsteht, gegen welche Alternativen sich das Wort, das jetzt da steht, durchgesetzt hat.

Wer hat schon diese Möglichkeiten?
Ich war und bin privilegiert. Das stimmt. Natürlich ist es schöner und intensiver, wenn sie mit einem Autor gearbeitet, wenn sie mal einen Abend lang sich mit Kurt Drawert über eines seiner Gedichte gerauft haben. Aber die Voraussetzung für Kultur ist das alleine nicht. Es gibt auch etwas, das man, verzeihen Sie, Begabung nennt. Einer meiner Liebhaber war ein hoch talentierter, viel zu früh verstorbener Archäologe. Wir waren zusammen in Rom. Er führte mich vor einen Palazzo: „Ist hier irgendetwas Besonderes?“, fragte er. Ich wusste nichts über den Bau. Aber ich sah ihn mir an. Rauf und runter, runter und rauf. Zeit! Muße! Der Giebel kam mir eigenartig, sehr besonders vor. Das sagte ich ihm. „Du hast keine Ahnung von Kunst“, rief er, „aber verdammt gute Augen. Der Giebel ist von Michelangelo. Und nur der.“ Das gibt es eben auch. Manche Menschen haben ein Gespür, ein Talent, ein Auge, ein Ohr. Das hat nicht jeder, aber man muss kein Künstler sein, um es zu haben. Auch Kulturschaffende wie Sie und ich können damit gesegnet sein.

Was kommt beim Künstler dazu?
Bei einem Spaziergang pflückte Wunderlich einmal ein Blatt von einem Baum, betrachtete die Maserung, hielt es mir hin und sagte: „Das können wir nicht.“ Aber der Künstler will eben doch so ein Blatt machen wie der liebe Gott. Das ist bei jedem Lyriker so, bei jedem Bildhauer.
Sie sprechen jetzt immer davon, dass man sich Zeit nehmen müsse, Muße brauche. Aber Raddatz – das war doch der mit den schnellsten Reflexen.
Es gibt zwei Raddatze. Diese Schnelligkeit, die ich ja bis zur Absurdität hatte, war entweder der Journalist oder der Herausgeber politischer Bücher. Die rororo-aktuell-Reihe war ja fast wie eine Zeitschrift. Die Logistik von der Textfabrikation – Dutschke musste eingeschlossen werden, damit er etwas zu Papier brachte – bis zum Verkauf musste genau durchgeplant werden. Man musste hinter jeder Kleinigkeit her sein. Da war Geschwindigkeit gefragt. Das konnte ich auch. Über den Zeit-Journalisten Raddatz kursiert in der Redaktion noch heute die Anekdote: „Papst tot – Küng anrufen.“ Als ich von dem Attentat auf Dutschke hörte, rief ich sofort Biermann an und bat ihn, mir etwas zu schreiben. Bis übermorgen. So entstand „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“. Ich konnte eben auch schnell sein.

Und als Lektor?
Da nahm ich mir Zeit. Wie oft habe ich zum Beispiel Walter Kempowski das erste Manuskript zurückgeschickt. Wie oft sind wir zusammen drübergegangen. Wie oft habe ich andere – Enzensberger, Kaiser, Rühmkorf – gebeten, sich ihre Manuskripte noch einmal anzusehen. Ohne diese sorgsame Spielintensität so vieler hätte es den Autor Walter Kempowski nicht gegeben. Das war auch eine Begabung.

Die offenbar schnell wahrgenommen wurde. Ledig engagierte Sie, weil er so etwas spürte.
Das ging schon los – da war ich nicht einmal zwanzig – bei Volk und Welt. Oder Augstein, der mich nicht kannte, und, nach eineinhalb Stunden Gespräch, mir eine Redakteursstelle bei einer Zeitung anbot, zu der es dann nie kam. Bei der Zeit sagte der damalige Chef des Wirtschaftsressorts und spätere Herausgeber Diether Stolze nach drei Minuten: Der ist es! und ging wieder in sein Büro. Ich weiß nicht, was es war. Jedenfalls bekam ich so meine Jobs. Das war Glück, und Glück war auch, dass es bei Rowohlt und bei der Zeit Positionen waren, in denen ich machen konnte, was ich wollte. Ich konnte mich entfalten. Man ließ mich. Das war wichtig.

Zu diesem Glück gehört auch der Zweifel. Das kann nicht wahr sein, denkt man.
Ich kann meinen Charakter hier doch nicht aufblättern wie man eine Banane pellt. Ich glaube, dass Zweifel und Ängste bei mir schon sehr früh wuchsen und wucherten – wie ein Pilz oder ein Krebs. Ich dachte wohl, ich muss weglaufen vor der Lebensangst. Das hängt sicherlich mit den letzten Kriegs- und den ersten Nachkriegsjahren zusammen. Wenn man damals nicht rannte, wurde man erschossen. Oder man konnte nicht klauen gehen, hatte nichts zu essen. Ich war eine Ratte, eine sehr schnelle Ratte. Um zu überleben. Darum heißt meine erste Erzählung, die im Deutschen „Kuhauge“ heißt, im Englischen „The Survivor“. Das ist gewiss ein Grundmotiv meines Lebens. Deshalb ist ja nicht alles so lustig, komisch und temperamentvoll, wie ich mich jetzt hier in diesem Gespräch zum Beispiel gebe. Es gibt große Abgründe in meinem Leben. Vor allem jetzt am Ende. Das, worüber wir gesprochen haben, das ist alles vorbei. Ich habe mein Leben gelebt. Ich habe es ausgelebt, leer gelebt. Mein Lebenshorizont ist ausgeschritten. Da kommt nichts mehr.

Sie sitzen quicklebendig und bewundernswert agil vor mir. Da ist nichts zu spüren, zu sehen von „ausgeschritten“.
Das sollen Sie ja auch nicht. Sie sollen doch nicht sehen, dass ich vielleicht in einer halben Stunde in Tränen ausbreche. Oder fix und fertig oder schweißnass bin. Sie müssen sich nicht die Nase zuhalten, schweißnass werde ich nicht sein. Ich bin auch ein guter Schauspieler, kein Ulrich Matthes, aber ein Lebensschauspieler immerhin. Ich werde niemandem sagen, wann bei mir wirklich Schluss ist. Aber ich weiß es.

Sie haben das Datum schon festgelegt?
Das werde ich Ihnen nicht verraten.

Warum in diesem geistig und körperlich hellwachen Zustand?
Aber das muss ich doch jetzt nicht erklären. Sie wissen ja, ich bin ein Anhänger des begleiteten Suizids. Ich finde das eine würdige Form, sein Leben zu beenden. Eben nicht zu warten, bis der Schlaganfall kommt. Ich sehe doch, wie mein heiß geliebter und sehr bewunderter Freund Joachim Kaiser in einer seltsamen Düsternis versinkt, in die kein Mensch mehr eindringen kann. Das lehne ich ab. Das finde ich unwürdig. Das will ich nicht. Ich will nicht warten auf die 38. Operation. Sieben bei Rühmkorf waren genug. Sechs davon waren schon zu viel. Ich will leben. Ich will nicht überleben. Man soll aufhören, wenn es noch geht. Dieses Ledig-Buch ist mein letztes Buch. Ich habe noch zwei fertige Manuskripte. Die liegen nicht beim Rowohlt-Verlag. Die liegen bei meinem Nachlassverwalter. Das war’s. Es ist genug. Selbst ein Gunter Sachs, als er merkt, dass er Sprachschwierigkeiten hat, schießt sich in den Kopf. So wollte er nicht leben. Respekt!

Sie hatten immer einen Entwurf von sich und sind dem gefolgt.
Ich hatte schon sehr früh einen Lebensentwurf von mir. Ich wollte … Da sind wir wieder bei der Libido. Die Libido findet ja nicht am Schwanz statt, sondern im Kopf. Sie ist Sehnsucht, Hoffnung, der Horizont, den man ausschreitet, oder den man – wie ich – ausgeschritten hat. Diesen Entwurf hatte ich. Ich habe ihn auch weit geworfen. Aber irgendwann muss Schluss sein. Da werden zwei, drei Leute traurig sein. Nein, der dritte fällt mir nicht ein.

Sie werden auch traurig sein.
Ich bin es jetzt schon.

Interview: Arno Widmann

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