Literatur

27. Dezember 2012

Fritz J. Raddatz: Vom Prachtleierschwanz

 Von Martin Halter
Der Schriftsteller und Feuilletonist Fritz Joachim Raddatz. Foto: dpa

Habermas als Primat, Mosebach als Flamingo: Fritz J. Raddatz hat ein possierlich-satirisches Tierleben herausgebracht - doch sein „Bestiarium der deutschen Literatur“ reicht nicht an die Tagebücher heran.

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Der Raddatz aus der Gattung der Prachtleierschwänze gilt Ornithologen als „der beste Sänger unter den Vögeln“; seine Balztänze sind berüchtigt, seine Verteidigungsstrategien exotisch. Wird er von Feinden oder Rivalen angegriffen, betäubt er sie „mit einer übelriechenden Substanz, um dann mit stolzgeschwungenen langen Schwanzfedern in Siegerpose den Kampfplatz zu verlassen.“ Man muss nicht lange rätseln, wer sich in diesem koketten Selbstporträt als Paradiesvogel aufplustert: Fritz J. Raddatz war der eitelste Pfau im deutschen Literaturzoo, bevor er über Goethes Bahnhof stolperte.

Vor zwei Jahren gelang ihm mit seinen „Tagebüchern 1982-2001“ein triumphales Comeback. Selbst Frank Schirrmacher lobte den „großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik“; nur artverwandte und schlecht weggekommene Nebenbuhler wie der „scheußliche“ Hellmuth Karasek sprachen missvergnügt von tausend Seiten Klatsch und Häme. Jetzt versucht Raddatz mit einem „Bestiarium der deutschen Literatur“ an den Erfolg seiner Tagebücher anzuknüpfen. Der alte Prachtleierschwanz wetzt seinen losen Schnabel an 76 toten und lebenden deutschsprachigen Schriftstellern von Achternbusch bis Juli Zeh. Aber wie sehr er auch hackt und schnäbelt und sein Gefieder spreizt: Anders als sein Diarium ist sein Bestiarium bloß eine flügellahme Literatursatire.

Raddatz bleibt unter seinen Möglichkeiten

Seit Beginn des letzten Jahrhunderts haben große Autoren wie Apollinaire, Claudel und Borges immer wieder Kollegen im Spiegel der Tierwelt karikiert; Franz Bleis „Großes Bestiarium der Literatur“ (1920/24) erlebte bei Rowohlt unzählige Auflagen.
Blei beschrieb sich darin als Trüffelfisch, der im Boudoir „nicht ganz einwandfreie Kunststückchen mit Flossen und Schwänzchen“ vollführt, eine Anspielung darauf, dass der Entdecker und Förderer von Autoren wie Kafka, Musil und Robert Walser sich sein täglich Brot mit pikanten Petitessen und bibliophilen Erotika verdienen musste. Raddatz ist wie Blei ein Hansdampf in allen literarischen Gassen: Kritiker und Essayist, Snob und Dandy, selbstgefällig und larmoyant, aber fast immer geistreich und charmant. Mit seinem Tierleben freilich fällt er nicht nur hinter die witzigen Grobheiten Bleis zurück, sondern bleibt auch ein wenig unter seinen eigenen Möglichkeiten.

Seine Tagebuchnotizen waren ein wunderbares Panoptikum der deutschen Nachkriegsliteratur, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, voll scharfzüngiger Sottisen, amüsantem Tratsch, schmerzlichen und peinlichen persönlichen Erfahrungen. Sein Bestiarium ist hingegen nur ein harmloses „Schmunzel-Brevier“, zusammengestückelt aus Rezensionen, Anekdoten und zoologischer Fachliteratur (neben Brehm und Grzimek studierte Raddatz „diverse Wissenschaftsbeilagen in Tages- und Wochenzeitungen“).
Wenn er Uwe Johnson als Pottwal, Böll als Panzernashorn oder Siegfried Lenz als Trockenqualle charakterisiert, hat er die Spielregeln des literarischen Bestiariums offensichtlich missverstanden: Es geht nicht darum, Dichtern erwartbare Wappentiere zuzuweisen oder gar mit naturkundlichem Fachwissen zu glänzen, sondern neue literarisch-zoomorphe Metamorphosen zu erfinden und augenzwinkernd, aber konzis und präzis zu kategorisieren.

Entsprechend zahm kommt Raddatz’ Dichter-Fauna daher. Dürrenmatt, im Tagebuch noch als „etwas dumm“ geschmäht, taucht nun als lustige Weinbergschnecke, der „Scharlatan“ Enzensberger als flatterhafter Falter, Handke, das „ekelhafte Insekt“, als Moschuskrake auf. Selten nur gewinnen Raddatz’ Urteile jene pointierte Schärfe, die das Motto – Tucholskys berühmtes „Was darf die Satire? Alles“ – verspricht.

Gut getroffen

Habermas etwa ist nicht übel getroffen als Primat, der sich mit seinem unverständlichen Grunzen zum Clanchef aufschwingt. Martin Mosebach erinnert tatsächlich an einen gravitätischen Andenflamingo, Peter Härtling an eine behäbige Raupe, die stets denselben Halbseidenfaden spinnt, und Jelinek hat ja vielleicht wirklich etwas von einer verirrten Möwe, die sich von Käse- und Quarkresten ernährt.

Menschen mit Tieren zu vergleichen, ist manchmal heikel. Leicht verrutscht das sarkastische Bonmot zur Infamie, so wie in Bleis Bestiarium der – von Carl Schmitt beigesteuerte – Steckbrief des „Fackelkraus“. Raddatz’ Spott ist meist ungiftig, greift aber, gerade bei Frauen, schon mal ungalant daneben; so wenn er „das Lewitscharoff“ als schwerfälliges Riesenkänguru und „Damenimitator“ beschmunzelt. Die Paarungsfrequenz des Großen Pandabären Frisch und die Kuckuckskinder des Großen Kormorans Walser nötigen ihm deutlich mehr Respekt ab.

Zweifellos das Schönste an dieser Tierstimmenimitation sind jedoch die Illustrationen: Wo Raddatz mit eitlem Behagen possierliche Belanglosigkeiten aufspießt, stichelt und ätzt Klaus Ensikat mit spitzer Feder.

Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Rowohlt, Reinbek 2012. 144 Seiten, 19,95 Euro.

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