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Literatur

12. Januar 2016

Ganna-Maria Braungardt: Ganoks kleines Theater

 Von Inna Hartwich
Ganna-Maria Braungardt an ihrem Arbeitsplatz in Berlin-Pankow.  Foto: Inna Hartwich

Eigentlich wollte sie Kernphysikerin werden. Dann fing sie an, Sätze zu zerlegen. Ein Hausbesuch bei Ganna-Maria Braungardt, die heute die Werke von Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, von Ljudmila Ulitzkaja und vielen anderen aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt.

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Schnell hat sie noch eine E-Mail verschickt. An ihre Autorin, ihre Freundin Ljudmila Ulitzkaja, die sie seit zwei Jahrzehnten kennt, an deren Büchern sie bis zu einem Jahr sitzt und an Worten herumtüftelt. Auch bei Ulitzkajas neuem Buch geht es um Namen. Um russische Kosenamen, ohne die das Russische nicht das wäre, was es ist. Ohne die das Deutsche, zumindest der deutsche Leser, aber wunderbar auskommen würde. Wie nur wird aus Alexander ein Schurik und aus Anna eine Njuta? Jeder russische Vorname hat gefühlt zehn Kosenamen. Reine Verwirrung, scheinbar. Ein Spiel. Eine Herausforderung.

Ganna-Maria Braungardt, diese ruhige Frau von 59 Jahren, nimmt sie gern an. Sie tut das mehr als ihr halbes Leben lang. Eigentlich schon seit ihrer Kindheit, als sie in der dritten Klasse, damals an einer DDR-Schule mit erweitertem Russisch-Unterricht, zum ersten Mal mit der Sprache in Kontakt kam, die zu ihrem alltäglichen Begleiter wurde. Vornamen sind da schnell geklärt, eine Kleinigkeit.

Auch ihr eigener ist für viele ein Rätsel. Ganna? Müsste das nicht eigentlich Gunnar heißen und sie ein Mann sein? Ganna-Maria Braungardt lächelt leise, als sie sich aufs Sofa in ihrem Arbeitszimmer in Berlin-Pankow gesetzt und den Tee in Tassen mit chinesischen Drachenmotiven verteilt hat. Unbewusst stattete bereits ihre Mutter, eine bekannte DDR-Schauspielerin – 1956 am Theater in Crimmitschau, einem sächsischen Industrienest engagiert –, sie mit etwas Osteuropäischem aus.

Scheu und stets präzise

In „Joseph Kerkoves dritte Existenz“ von Jakob Wassermann taucht das Mädchen Ganna auf, „eigentlich eine unsympathische Figur, die meine Mutter bei mir mit dem Zusatz Maria wohl etwas geraderücken wollte“, erzählt Braungardt. Ein Name aus Ostgalizien, der auf das jüdische Hanna hindeutet. Ein Kulturraum, den die Berlinerin nach und nach entdeckt. Ein Raum, der auch die Geschichte der Sowjetunion widerspiegelt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts, des Leids und des Unglücks. Das, worüber Ljudmila Ulitzkaja in ihren Romanen schreibt, das, wofür auch die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, für ihre monumentale journalistisch-literarische Sammlung über den „homo sovieticus“.

Beide Autorinnen schreiben auf Russisch, ihre deutsche Stimme verleiht ihnen Ganna-Maria Braungardt. Scheu und stets präzise. „Ich hatte fast vergessen, dass auch Alexijewitsch dieses Mal auf der Shortlist stand. Aber sie ist die richtige dafür. Ihre Bücher sind wichtig, gerade in der heutigen Zeit, wo Schwarz-Weiß dominiert, das Grau des roten Menschen aber, dieses Widersprüchliche, Verwirrende, kaum noch in Betracht gezogen wird.“

Sie verstehe ihn ja auch nicht recht, den roten Menschen, verstehe nicht, wie schnell die Putinsche Propaganda auch heute noch bei den Leuten wirke, als hätte jemand einen Knopf betätigt. Sie lehnt sich zurück, versinkt in ihren Gedanken. Um sie herum reihen sich Bücher aneinander, die Regale reichen fast bis zur Decke. Rechts mehr als 50 schwarze Bände der sowjetischen Enzyklopädie, Tschechow, Nabokov, Solschenyzin; links die unterschiedlichen Wörterbücher des Russischen.

Thomas Mann und Hesse las die Mutter vor

Schon als Kind war sie von Büchern umgeben. Aber nicht von Märchen oder Kindergeschichten. Die Mutter las der Tochter Thomas Mann und Hermann Hesse vor. Und schenkte ihr zu Weihnachten, als das Mädchen in der 8. Klasse war, Tolstois „Krieg und Frieden“. „Mit Wörterbüchern quälte ich mich da durch, und gab ganz auf, als die französischen Passagen kamen.“ Nicht einmal ein halbes Jahr später, krank im Bett, machte sich die heranwachsende Ganna an Gorkis „Kindheit“ ran, diesmal fast ohne Wörterbuch. Doch Literatur, Theater, geschweige denn Schauspielerei? Bei einer Mutter und einem Vater, die ihr Leben auf den Bühnen der Republik verbrachten?

Für Ganna-Maria Braungardt steht früh fest: „Die Tochter von... wollte ich nie sein.“ Das eigensinnige Kind will sich absetzen – und entscheidet mit 14: „Ich werde Kernphysikerin und studiere das Fach in der Sowjetunion!“ Da ist sie längst an einer Ostberliner Mathematik-Spezialschule, an der sie sich nicht wohl fühlt und diesem Gefühl für kurze Augenblicke entkommt, indem sie – heimlich – an einer Russisch-Olympiade teilnimmt. Zweiter Platz, eine Reise nach Moskau, das erste Dolmetschen bei einer Kremlbesichtigung. „Mir hat das unglaublich viel Spaß gemacht.“ An Physik aber hält sie noch länger fest, auch wenn sie mit einer Freundin die größte Freude an Grammatikaufgaben findet. „Lange Thomas-Mann-Sätze zu zerlegen, das war unser Hobby.“

Nur einige Schülerinnen und Schüler in der DDR erhalten das Privileg, im Ausland zu studieren – in einem der sozialistischen Bruderländer. Viel Auswahl gibt es nicht. „Mathe in Polen, Zahntechnik in Ungarn und Ökonomie der Energiewirtschaft in der Sowjetunion fiel auf unsere Schule“, sagt Braungardt. Sie hört Energie und überhört Ökonomie, ein Fehler, wie sie in ihrem Vorbereitungsjahr in Halle feststellt. Sie will wechseln: Journalistik? Philosophie? „Zu viel Marxismus-Leninismus, öde.“

Zur Sache

Übersetzungen von Ganna-Maria Braungardt:

Die Bücher von Swetlana Alexijewitsch, zuletzt die Neuausgabe von „Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg“, Hanser Berlin 2014, 304 S., 22,90 Euro.

Die Bücher von Ljudmila Ulitzkaja, zuletzt „Die Kehrseite des Himmels“, Hanser, München 2015. 224 S., 19,90 Euro.

Soeben erschien Grigorie Kanowitschs Roman „Kaddisch für mein Schtetl“, Aufbau, Berlin 2015. 509 S., 19,99 Euro.

Eher zufällig landet sie bei Russische Sprache und Literatur in Rostow am Don, ihr damaliger Freund, ein Jura-Student, geht nach Woronesch, Südrussland. Ein Jahr später kann Braungardt ihm folgen. „Allerdings mussten wir in den Sommerferien heiraten, sonst wäre der Umzug nicht möglich. Kinder aber durften wir in der Sowjetunion nicht bekommen, da wären wir sofort ausgewiesen worden.“

Fünf „ganz wunderbare Jahre“ verbringt sie am Philologischen Institut in Woronesch. Hat Unterricht bei Lehrern, die für Universitäten in Moskau oder das damalige Leningrad zu aufrührerische Thesen vertreten und deshalb in die Provinz versetzt werden. Zurück in der DDR, an der Akademie der Wissenschaften, will auch Braungardt, gefüllt mit allerlei Gedanken über die neue sowjetische Literatur, etwas Eigenes zustandebringen. Über Gorkis „Das Leben des Klim Samgin“, ein eher unbekanntes Stück über die Auseinandersetzungen in der russischen Intelligenzija und religiöse Traditionen der russischen Sekten, will sie promovieren. Die Vorgesetzten finden das „gar nicht schön“, sie solle doch was über das Bauernthema bei Gorki machen. „Das wiederum fand ich nicht schön.“

Sie wechselt wieder und landet beim Verlag Volk und Welt, bei dem sie als Lektorin für Literaturen aus Mittelasien und dem Kaukasus zuständig wird und wo sie dem Übersetzer Thomas Reschke begegnet. Ein Vorbild, bis heute. Er traut der Slawistin erste Übersetzungsstücke an: Viktor Astafjews „Der traurige Detektiv“ zur Probe, Sergej Kaledins „Stiller Friedhof“ ganz. Braungardt ist in ihrem Element. Über Kaledin lernt sie Ljudmila Ulitzkaja kennen. Sie übersetzt sie, wird zu einer Vertrauten. „Es ist immer eine Bastelarbeit mit ihren Texten, aber die Worte, die sie schreibt, die Sprache, die sie verwendet, das ist etwas, in dem auch ich mich gut wiederfinden kann.“

Als die DDR Geschichte ist, geht auch Braungardt, mittlerweile Mutter von zwei Kindern, einen eigenen Weg. Freie Literaturübersetzerin, ein Risiko, das sie nie bereut hat, so wenig wie die Tatsache, keine Kernphysikerin geworden zu sein. Sie, die keineswegs auf der Bühne stehen wollte, hat eine andere Art Bühne für sich gefunden. Bei Texten – nach und nach kommen Autoren wie Tschingis Aitmatow, Boris Akunin, Polina Daschkowa hinzu – nimmt sie eine Rolle ein, ohne sich selbst in den Vordergrund zu schieben. „Das ist mein kleines Theater: einen guten deutschen Text zu erschaffen, ohne den Geist des Originals zu verlieren.“ Auch das Dolmetschen gibt sie nicht auf, eine Rarität unter den literarischen Übersetzern. Mal geht es mit ihren Autoren auf Lesereise, mal steht sie an der Staatsoper in Berlin an der Seite des Russen Dmitri Tschernjakow und dolmetscht in seinen „Parsifal“-Proben. „Da muss ich noch mehr so tun, als gäbe es mich nicht, mich noch mehr verstecken als bei den Büchern.“

Dann aber kehrt sie zurück an den Rechner. Genießt die Einsamkeit in Pankow. Mit den Sätzen, den Schimpfwörtern, all den Schuriks und Njutas. Einen eigenen russischen Kosenamen hat sie natürlich auch längst bekommen: Ganok. Spitzbübisch klingt das und passt zu der Frau, die sich wie ein kleines Kind darüber freut, einen russischen Satz auseinander genommen und ihn auf Deutsch wieder zusammengesetzt zu haben.

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