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Literatur

12. Januar 2016

Gedichte zu Zeitungsbildern: Der Vers als ätzendes Politikum

 Von 
Ohne Worte: Gregor Gysi mit Figuren von Ottmar Hörl.  Foto: epd

Martin Jürgens’ lyrische Bildbeschreibungen machen so einiges klar, auch auf das Treiben der Welt blicken sie mit Hinterlist.

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Denn weil kein Bild bloß Bild ist, zeigt sich in diesem Buch der Blick als böser Blick. Ihm unterliegen Pressefoto und Plakat, Privataufnahme oder auch Artefakt. Für seine ganz persönlichen Ansichten von Bildern hat Martin Jürgens immer wieder „Lyrische Lesarten“ erdacht. Angefangen mit dem Tageszeitungsfoto, auf dem Hände, die nach einem Brotlaib greifen, das Milliardendefizit in den Sozialkassen illustrieren sollen.

Wenn man einmal glatt, also wie auch immer darüber hinwegsieht, dass die Tageszeitungsbilderproduktion eine sowieso äußerst prekäre Angelegenheit ist, dann verdichtet dieser Lyrikband den Irrsinn der Welt. Wo auch immer er sich zeigt. Und er zeigt sich gleichrangig, ob im artigen Diener von dem Papst (Benedikt). Oder in einem Büro des Weißen Hauses, wo die amerikanische Administration am Monitor der Exekution Bin Ladens zusieht. Oder wenn die SPD auf Vordermann gebracht wird. Oder, „Am Ende steht es fünf zu zwei“, der BVB über die Bayern triumphiert. Berlin, Olympiastadion, 12. Mai 2012.

Anrufung des großen B.B.

Es geht also nicht immer um den Irrsinn, sondern auch das Unerwartete in der Welt. Auch geht es um das Dumme im Zufall und wie es sich blamiert bis zur Kenntlichkeit. Gerade der Schnappschuss ist ja keiner. So erwischt es alte Opelaner, die, anstatt zu streiken, sich einen schlanken Fuß machen: „Vorwärts und längst vergessen,/ Was endlos aus Nächtigem quoll.“ Oder der Hohn erwischt den ehemaligen Politiker Fischer und nicht nur mit Blick auf des „Bauches Fülle, Hüftgold, Nackenspeck“, sondern ob der „Ernte dieses Lebens“.

Es schaut Lyrik hinterlistig hin. So zeigt sich die Würde als das Nichtswürdige. Angeblich großzügigem Geben ist das durchtriebene Nehmen direkt anzusehen. Und wenn das Buch ausgreift, auf die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 zurückkommt, dann weitet sich der Blick nicht nur ins Historische, dann wird nachdrücklich deutlich, dass es sich bei der poetischen Strategie um die Anrufung des großen B. B. handelt, um die Anleihe bei dessen „Kriegsfibel“. „Hieroglyphen“ – Bilderschriftzeichen, so nannte Bert Brecht seine dialektische Bilderunterschriftenaktion.

Das Buch

Martin Jürgens: Frau Merkel sieht auf ihrem Schuh ein Streifenhörnchen, das sich putzt. Neofelis Verlag 2015. 166 Seiten sowie eine CD mit musikalischen Vignetten. 19 Euro.

Es wird Brechtkenner geben, die in der Aktualisierung und Rekonstruktion einen anachronistischen Zug ausmachen. Hinaus läuft es auf die Demontage der politische Klasse. Sie, die Demontage, hat die propagandistischen Auftritte des einen Verteidigungsministers wie des anderen, seines Nachfolgers im Visier, ob vor der Kulisse des Hindukuschs oder der eines Reihenhauses in Itzehoe.

Schaurig verweist der Bildtext auf den Schrecken der Schlachtung eines Opfers des IS, des auch fotografierenden Journalisten James Foley, dessen Ermordung Inbegriff einer Bilderstrategie war: „Um dieser Bilder willen,/ Die zeigen, wie er stirbt,/ Stirbt dieser Fotograf.“

Jürgens’ Collageverfahren ist immer demontagewillig, nein, nicht partout, man sehe, was der Autor zu Vermeer, Courbet oder dem Pergamonaltar zu sagen hat. Aber wehe den Mächtigen der Welt. Sie sind hier die Verachtungswürdigen dieser Erde (was allerdings nicht für Lenin gilt).

Kein Bild ist neutral, ein jedes ist eine Bearbeitung der Welt. Bilder konstruieren die Ansichten der Welt, sie sind Weltanschauungsmaterial, ob nun Obama vor Rembrandts „Nachtwache“ pompös erscheint oder die Kanzlerin total unvorteilhaft. Seit 2009 hat Jürgens in der Zeitschrift „konkret“ die lyrische Bildbeschreibungstradition wieder aufleben lassen.

Für das Buch wurden den Versen musikalische Vignetten von Gerhard Kappelhoff und Ernie Rissmann beigegeben. Sie betonen einen Duktus, der nicht nur im dialektischer Widerspruch besteht. Denn Absicht ist die Dekonstruktion. Wie bei ihr üblich, geht sie mit ihren Gegenständen nicht etwa nur ins Gericht. Sie geht gnadenlos ins Gericht. Das gilt auch für die Demonstration der Staatschefs auf den Straßen von Paris, als Reaktion auf die terroristische Mordserie vor einem Jahr: „Die Mächtigen beim Zeichensetzen“.

Aber war das alles nur Lug und Trug? Eine Kampagne war es, zweifellos, auch Selbst-Suggestion. Durchschaut man jetzt deren Konstruktion, dann ebenfalls den Umstand, dass auch die Dekonstruktion einen Ruf zu verlieren hätte, wenn sie nicht auch lyrisch zersetzte. Diese Verse hier sollen den Bildern ein Ätzbad sein. Im Nachwort spricht Hermann Kinder vom „Unfug der Welt“.

Das ist ein freundlich-versöhnliches Wort. Jürgens verdichtet: „Kein Bild ist, was/Es zeigt, arschklar.“

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