kalaydo.de Anzeigen

Georg-Büchner-Preis: Zwei Seelen, ach, in seiner Brust

Er berauscht sich an der Präzision der Technik und ist doch ein Autor der Stille. Der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher erhält den Georg-Büchner-Preis. Von Anton Thuswaldner

Der Österreicher wird ausgezeichnet.
Der Österreicher wird ausgezeichnet.
Foto: dpa

Als der gebürtige Salzburger Walter Kappacher anfing zu schreiben, erfüllte er alle Erwartungen seiner Zeit. Er hatte seine Lehrjahre als Motorradmechaniker verbracht, hatte in einem Reisebüro gearbeitet und konnte, als er 1975 seinen ersten Roman "Morgen" veröffentlichte, auf ein Leben zurückblicken, aus dem sich engagierte Literatur machen ließ. Im Roman "Die Werkstatt" vermochte man das Öl und den männlichen Schweiß förmlich zu riechen, und der Lärm der Motoren bildete den Sound einer temporeichen Ära. Hier schrieb einer, der weit weg war vom Milieu des Akademischen, und das rechnete man ihm als Bonus an.

Die Faszination der Technik war viel später noch spürbar: in dem Roman "Silberpfeile" (2000), der wieder im Rennfahrermilieu angesiedelt ist und unvermutet politisch wird. Unschuldig waren die Ingenieure, denen es um Geschwindigkeit und nichts anderes ging, keineswegs. Sie standen im Dienst eines Regimes, das ihre Ergebnisse für die Produktion der V2-Rakete zu nutzen wusste.

Zwei Seelen wohnen wohl in der Brust des Walter Kappacher. Einerseits berauscht er sich an Motoren und der Präzision der Technik. Seine Romane "Die Werkstatt" (1975) und "Der lange Brief" (1982) bedürfen dringend des Autos und des Tempos, um Personen zu porträtieren, die mit einer Obsession leben. Aber daneben gibt es den Autor der Stille, der von Zeitgenossenschaft nichts wissen will und sich zurückzieht. Sein euphorisch besprochener Roman "Selina oder Das andere Leben" (2005), angesiedelt in der Toskana, singt das Lied der Natur und der Einfachheit, ohne jemals den Ton der Öko-Verschmocktheit anzuschlagen. Dieses Buch hat Kappacher endgültig als den bescheidenen Literaten festgesetzt, als den Propheten des unspektakulären In-Sich-Gekehrtseins. Dabei waren Kappacher-Figuren doch immer schon eigensinnige Sturschädel. Sie machten nicht gern mit mit den anderen, wirkten als Einzelgänger wie Fremdkörper unter lauter Gleichgesinnten.

Sein jüngster Roman "Der Fliegenpalast" zeigt uns Hugo von Hofmannsthal als unglücklichen Sonderling (erschienen im Residenz Verlag, Salzburg 2009, 172 Seiten, 17,90 Euro). So witzig wie in diesem historisierenden Porträt jedoch war Kappacher noch nie.

"Er brach ab, zerknüllte den Briefbogen. Zeit fürs Abendessen." So geht es zu bei einem der maßgebenden Intellektuellen aus Österreich. Hofmannsthal, berühmt und gefeiert, befindet sich in "Der Fliegenpalast" in einer tiefen Krise. Überstürzt reist er aus der Schweiz ab, um sich zurückzuziehen in den Kurort Fusch im Salzburger Land. Dort im Gebirge, fern von allen Verlockungen und Ablenkungen, hofft er wenigstens eines seiner zahlreichen Projekte zu einem Abschluss zu bringen. Er quält sich mit dem Drama "Timon", keine Szene will ihm gelingen. Er macht sich Notizen, aus denen nichts weiteres entsteht. Das "Turm"-Drama macht keine Fortschritte, und das Nachwort zu Stifters "Nachsommer" kommt über ein paar Aufzeichnungen nicht hinaus. Dann meldet sich noch der Protagonist aus Hofmannsthals Andreasroman, "als wollte auch der wissen, wie es in seinem Leben weiterginge".

Der einst als Junggenie verehrte Schriftsteller bringt keinen Fuß mehr auf den Boden. Dafür lebt er von seiner reichen Vergangenheit. Der fünfzigjährige Hofmannsthal gibt bei Kappacher keine verehrungswürdige Figur ab. Er ist eitel, ein wacher Geist und Sensibilität sind in Wehleidigkeit umgeschlagen. Die Gegenwart gehört ihm nicht, die Zukunft schon lange nicht mehr. Jede noch so harmlose Unternehmung gerät zum Desaster. Als er sich einmal dazu aufrafft, eine größere Wanderung zu unternehmen, verirrt er sich heillos. Die Gegend, die er seit Kindheitstagen kennt, kommt ihm ins Monströse verändert vor. "Er wünschte sich in die Stallburggasse, in seine kleine Stadtwohnung in Wien. Jetzt dort die Treppe hinuntersteigen und im Café Bräunerhof einen Schwarzen trinken." Der große Geist - ein rechter Kleinbürger.

"Der Fliegenpalast" ist kein historischer Roman um einen bedeutenden Literaten, sondern erzählt wieder einmal eine jener typisch österreichischen Geschichten vom Scheitern. Hofmannsthal gibt nur seinen Namen her, um einem existentiellen Drama ein starkes Rückgrat einzuziehen.

Die Fakten stimmen genau. Die Überlieferung aus Hofmannsthals Fusch-Phase des Jahres 1924 jedoch erweist sich als derart mangelhaft, dass Kappacher sich den Freiraum nimmt, die Lücken kraft seiner Imagination zu füllen. Es geht ihm nicht darum, einen großen Namen zu denunzieren. Hofmannsthals Wert sinkt nicht, wenn er zweifelt und verzweifelt und lauter kleine Fluchten sucht, die ihn entlassen aus der Mühsal, ein bedeutendes Werk zu schaffen. Schlimm genug, wenn einer an den eigenen Ansprüchen zerbirst und sich ein Nest in der Vergangenheit baut, als er noch eins war mit sich und der Welt.

Mit diesem Roman hat sich der heute 70-jährige Walter Kappacher endgültig etabliert, und die Zuerkennung des Büchnerpreises scheint genau dies unterstreichen zu wollen. Kappachers Werk beweist, dass es nicht genügt, am Puls der Zeit zu bleiben. Kappacher hat sich um Moden nie gekümmert, hat vielmehr seine eigene zerrissene Stimmung zum Stoff seiner Literatur gemacht. Das zeigte sich schon in dem ersten Roman "Morgen", wo einer, der mit Freunden unterwegs ist, die das rasche kurze Glück suchen, ganz auf sich allein gestellt und in sich gekehrt bleibt. Er gehört nirgends dazu, bleibt im größten Wirbel ein Verstoßener aus eigenem Antrieb.

Mit dem Georg-Büchner-Preis an Walter Kappacher wird ein präziser Spracharbeiter geehrt. Seine Sätze entwickeln sich in einem ruhigen Fluss, der dem Leser die Tugend der Langsamkeit abnötigt. Wer über einen solchen Text hinweghastet, fliegt sofort hinaus. Kappacher-Literatur ist eine Übung in Geduld und Genauigkeit. Und genau diese benötigen wir in unserer schnelllebigen Zeit.

Autor:  ANTON THUSWALDNER
Datum:  27 | 5 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.