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Georg Kleins neuer Roman: Würmchens Sommer

"Roman unserer Kindheit" treibt das Spiel zwischen Fantasterei und Realität so weit wie noch nie zuvor bei Georg Kleins schmalem Werk. Ein fabelhaftes, dunkles Sommerferien-Buch. Von Judith von Sternburg

Roman unserer Kindheit heißt sein neues Buch: Georg Klein.
"Roman unserer Kindheit" heißt sein neues Buch: Georg Klein.
Foto: J.Bauer

Wie nicht anders zu erwarten, bietet Georg Klein dem Leser seines neuen Romans wieder das völlig Unerwartete. Natürlich wird man einiges wiedererkennen. Es muss so sein, und es ist so, dass in einer so geheimnisvollen wie offen vor uns liegenden Umgebung sonderbare Figuren mit einigem Elan einer rätselhaften Mission folgen. Vorangegangene Abenteuer schickten etwa Agenten in Stadtlabyrinthe oder eine gemischte Runde in ein Hochhaus. Gegen das neue Buch wirkt das geradezu übersichtlich.

"Roman unserer Kindheit", glücklicherweise für den Leipziger Buchpreis wenigstens schon einmal nominiert, ist nicht nur der mit Abstand umfangreichste aller bisherigen Kleins. Und er führt nicht bloß die bisher irrwitzigste seiner Erzählerfiguren ein, ein "schlimmes Früchtchen", gegen das Oskar Matzerath, der seinerseits schon im Bauch der Mutter einen guten Überblick hatte, geradezu ein harmloser Bengel ist (nach der Lektüre, wenn man wieder auf dem Teppich steht, relativiert sich das etwas). Sondern "Roman unserer Kindheit" treibt auch das Spiel zwischen Fantasterei und einer geradezu greifbaren Realität so weit wie noch nie zuvor im schmalen Wunderwerk des heute in Norddeutschland lebenden, aber (1953) in Augsburg geborenen Schriftstellers.

Dort dürfte das Buch auch spielen. Im Mittelpunkt steht zudem eine Gruppe Kinder in den frühen sechziger Jahren, so dass das Autobiografische um die Ecke lugt. Es ist aber eigentlich eine zwangsläufige Entwicklung angesichts der vorangegangenen Klein-Helden. Deren Konzentration auf den Augenblick und Sinn fürs gefährliche Abenteuer hatte den einmaligen, sich später irgendwie verwässernden kindlichen Ernst schon in sich. Nun also ohne Umschweife Kinder. Noch dazu im "ungeheuren Imperium der Sommerferien". In ihrer anfänglichen paradiesischen Länge und letztendlichen fatalen Begrenzung öffnen sie schon als Wort den Zugang zu einer Vergangenheit, in der Süße und Bitternis zugleich klarer und geheimnisvoller zutage traten als heute. Das Ergebnis ist aber nicht nostalgisch, sondern scharfsinnig.

Die Kinderchen sind keine Helden

Und so fängt es an: "Es blutet und blutet. Und weil diese Kinder - da mitten in meinem Sommer! - noch allesamt mit starken Augen geschlagen sind, so lange, bis ihnen die aufstrebenden Götter, bis ihnen der kleine Schrecken des Sex und das Schwarzweiß des Fernsehens den Blick lindern werden, sieht der Ältere Bruder das Blut von der Ferse auf den Asphalt tropfen, als liefe ihm eine Wabe seiner Seele aus." Denn diese Kinderchen wurden nicht als Helden ausgesucht, weil sie süßer oder besser sind als Erwachsene. Sondern weil ihre Äugelchen noch nicht an alles gewöhnt sind. Der Leser wird dafür an die Diminutive noch nicht gewöhnt sein. Darauf muss er sich aber einstellen.

Der, der sich bei einem Fahrradunfall so böse verletzte, wird nach den Ferien aufs Gymnasium wechseln müssen, wo schon des Namens wegen "mit dem Schlimmsten" zu rechnen ist. Als Anführer einer Hof-Bande ist der Ältere Bruder (wie meist bei Klein hat bald jeder seinen Spitznamen weg) nicht nur Respektsperson, sondern auch Geschichtenerzähler. Das stellt sich als wichtiger heraus, als es zuerst den Anschein hat. Neben der Erzählerin - es ist anzunehmen, dass es sich um ein weibliches Wesen handelt - scheinen es seine von Brüdern und Freunden atemlos angehörten Abenteuererzählungen zu sein, die in zauberischer Wechselwirkung die Handlung vorantreiben.

An Sonnen- und Regentagen, so die Kapiteltitel in der ersten Hälfte, stromern die Kinder durch ihre Neue Siedlung. Die Erzählerin schaut sich aber auch bei den Erwachsenen um: einerseits in der den Kindern fremden, faden Welt der Eltern, die für unsereinen (längst erwachsen) aber in wunderbar virtuosen Szenen lebhaft vor Augen geführt wird, andererseits in einer Combo (Kriegs-)Versehrter. Sie scharen sich um den "Mann ohne Gesicht" und verfolgen einen Plan, der dem Leser nur schleierhaft bleiben kann.

Denn um die Kinder herum entwickelt sich ein rätselhaftes Bedrohungsszenario, das die Erzählerin in zahllosen Andeutungen aus dem Nichts entstehen lässt. Dass es eben aus dem Nichts entsteht, hätte einen früher misstrauisch machen müssen (wie vorne im Buch das Kleist-Motto: "Glaubt ihr, so bin ich euch, was ihr nur wollt .."). Wie die Dinge aber stehen, bebt man einem Showdown entgegen, dessen Anlass völlig im Dunklen liegt. In der Tat folgt den Sonnen- und Regentagen eine über viele Kapitel sich hinziehende "Sommernacht". Die Handlung kommt einem halt- und knochenlos vor? Dann darf man kein "bucklig Würmchen" zu Wort kommen lassen beziehungsweise muss mürrisch ein anderes Buch lesen.

Eine Wundertüte der Erzählkunst

Zugleich breiten Klein und seine impertinente, fiese, possierliche, unzuverlässige, witzige, wirklich winzig kleine Erzählerin eine Wundertüte der Erzählkunst aus - kein Vergleich zum Mist in den allseits beliebten Wundertüten aus dem Lädchen. Dabei werden Motive wie Invalidentum (Versehrungen bis hin zum Vampirbiss), Verlegenheit (Kleist-Lesern sehr vertraut) oder allen Ernstes das Witzeerzählen eingeführt und wird munter auf der Klaviatur der Tonfälle geklimpert.

Hier die Kinder unter sich, und wer je in einem Hof gespielt hat, wird das wiedererkennen. Da der Blick in die Köpfe der einsamen Erwachsenen: die Mutter, die so gerne allein ist und Kaffee trinkt (schon zwickt ihr Herz, überhaupt erweist es sich als gefährlich, erwachsen zu sein); der alte Arzt, der "das marzipangefüllte Stück seines Lebenskuchens" in der Besatzungszeit in Paris erlebt hat; der Mann ohne Gesicht, den Mäuschen beraten. Dann der nächste Schrecken, ein totes Tier, ein lebendiges Sofa, ein Gespenst.

Immer fein eingewoben ist das Zeitkolorit, die hübschen neuen Henkelkörbchen beim Händler, das Auto, bei dem Kenner sicher im Bilde sein werden. Und immer dient das sprachlich Gezierte doch ganz der Präzision, und immer geht eine völlig künstlich hergestellte Authentizität daraus hervor. Eine solche Hülle und Fülle an Erzählkunst, die schon an Angeberei grenzt - aber alles gelingt -, hat es selbst bei Georg Klein noch nicht gegeben. Man spürt, wie gut er sich das überlegt hat, wie klug er etwa die artifizielle Echtheit nicht durch zu viel wörtliche Rede gefährdet (wörtliche Rede unter Kindern: quasi unmöglich abzubilden).

Wenn man dann aber über das Buch nachdenkt und dabei an spielenden Kindern vorbeispaziert, dann haben sie rein gar nichts mit den Kindern aus dem Roman gemein. Wir haben uns reinlegen lassen. "Hat wieder schaurig schönen Spaß gemacht", ruft uns die Erzählerin noch zu. Das Aas.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  16 | 3 | 2010
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