Französische Soziologie, das ist für viele hierzulande noch immer Pierre Bourdieu. Sein berühmtestes Buch, "Die feinen Unterschiede", kündigt im Untertitel eine "Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft" an. Es schildert das Leben als ständigen Kampf um soziale Vorteile, für den man je nach Klassenzugehörigkeit und entsprechendem Habitus besser oder schlechter gerüstet ist. Die Kämpfenden allerdings wissen nicht, was sie tun. Unbewusst stellen sie ihr Handeln - ob sie nun Gemüse kaufen, einen Radiosender einstellen oder eine Partei wählen - in den Dienst der Reproduktion sozialer Ungleichheit. Welche Gründe die Menschen auch immer für ihre Wahl dieses Gemüses, dieses Radiosenders oder dieser Partei angeben, Bourdieu beansprucht zeigen zu können, dass das individuelle Handeln letztlich durch die Klassenlage bestimmt wird.
Nur vor dem Hintergrund der Popularität dieses Ansatzes auch in Frankreich ist verständlich, warum ein zuerst 1991 erschienenes Buch, das nun unter dem Titel "Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft" endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegt, die französische Soziologie geradezu revolutioniert hat. Einer seiner Autoren, Luc Boltanski, ist lange Jahre enger Mitarbeiter Bourdieus gewesen - bis er das Forschungsprogramm einer kritischen Soziologie, die unbewusste Machtverhältnisse aufzudecken versucht, durch das einer Soziologie der Kritik ersetzt hat, die die Akteure ernst nimmt und ihre komplexen Praktiken der Rechtfertigung und der Kritik ins Zentrum stellt.
Luc Boltanski / Laurent Thévenot: Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer. Hamburger Edition, Hamburg 2007, 496 Seiten, 40 Euro.
Dass diese Umstellung sich als äußerst fruchtbar erwiesen hat, lässt sich jetzt nachvollziehen: In "Über die Rechtfertigung" breitet Boltanski gemeinsam mit Laurent Thévenot die theoretischen Grundlagen des neuen Ansatzes aus; in "Der neue Geist des Kapitalismus" (dt. UVK 2003) hat er diesen Ansatz gemeinsam mit Ève Chiapello auf die Geschichte und Gegenwart des Kapitalismus angewendet und ihm damit eine historische Dimension gegeben; und in seinem neuesten, auf ebenso produktive wie provokante Weise Empirie, Philosophie und Anthropologie verknüpfenden Buch "Soziologie der Abtreibung" (dt. Suhrkamp 2007) fragt Boltanski nach den Widersprüchen, in die sich moderne Gesellschaften und ihre Mitglieder durch diese tabuisierte Praxis verstricken.
Aber was heißt es überhaupt, die Akteure ernst, ja beim Wort zu nehmen, und welchen Erkenntnisgewinn wirft ein solcher Perspektivenwechsel ab? Zunächst einmal kommt so in den Blick, wie viel Aufwand wir im Alltag betreiben, um Situationen zu deuten, unser Handeln zu rechtfertigen und uns zumindest provisorisch zu einigen. Dies läuft alles andere als chaotisch oder ungeregelt ab; und dahinter stehen nicht immer Eigeninteressen und Machtverhältnisse. Boltanski und Thévenot zeigen, auf welche Rechtfertigungs- und Argumentationsmuster wir uns in als problematisch empfundenen Situationen berufen, um uns von der konkreten Situation zu distanzieren und in einen Austausch von Gründen einzutreten.
Entscheidend ist die pluralistische Struktur der von den Autoren vorgestellten Grammatik der Rechtfertigung: Wenn Menschen einen Streit zu schlichten versuchen, beziehen sie sich dabei nicht immer auf ein und dasselbe Prinzip, etwa das der Verteilungsgerechtigkeit. Vielmehr gibt es eine Reihe von Prinzipien, die an der Spitze unterschiedlicher Rechtfertigungsdiskurse stehen. In einer neuen, teilweise idiosynkratischen Terminologie beschreiben Boltanski und Thévenot, wie sich diese Diskurse zu gemeinsamen Welten' verdichten, in denen Subjekte und Objekte jeweils in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen.
In ihrem vielleicht gewagtesten Argumentationsschritt überschreiten sie die Grenzen von Philosophie, Ratgeberliteratur und Alltagsdiskurs, um ihrer Grammatik der Rechtfertigung eine Topik zur Seite zu stellen: Die Klassiker der politischen Philosophie haben die Repertoires der Rechtfertigung, auf die wir gewöhnlichen' Menschen uns im Alltag beziehen und deren geschickte Manipulation eine anschwellende Flut von Ratgebern lehrt, in exemplarischer und systematischer Weise ausbuchstabiert. Ohne es zu wissen beziehen wir uns auf von Rousseau inspirierte Argumentationsmuster, wenn wir Korruption und Kumpanei und damit den Übergriff häuslicher' Beziehungen auf die Politik kritisieren.
Ob eine bestimmte Kritik oder Rechtfertigung akzeptabel ist, lässt sich deshalb nicht kontextfrei, sondern nur in einer bestimmten Situation und mit Bezug auf die entsprechende Rechtfertigungsordnung klären. Die Kritiker müssen sich auf die normative Logik des jeweiligen Diskurses einlassen und etwa zeigen, dass dem einschlägigen Prinzip nur zum Schein genüge getan wird, während das Handeln in Wirklichkeit' einem anderen Prinzip - etwa dem familiärer Bande - folgt.
Die Pluralität der Begründungsformen erlaubt allerdings auch eine radikalere Kritik, die nicht nur die Anwendung, sondern das Prinzip der Rechtfertigung selbst in Frage stellt, etwa indem die Arbeitsverhältnisse in einem Betrieb mit dem Ideal gleichberechtigter Staatsbürgerschaft konfrontiert werden. Die Einnahme einer kritischen Außenposition ist nicht länger Privileg der Soziologen, sondern allen Akteuren möglich.
Dass die Rechtfertigung neben Gewalt, Liebe und Routine nur ein Handlungsmodus unter anderen ist, wird auch von Boltanski und Thévenot betont; in welchem Verhältnis sie aber zueinander stehen und was geschieht, wenn Gewalt und Routine die Rechtfertigungsverhältnisse überwuchern oder verdrängen, wird von den Autoren ebenso wenig thematisiert wie die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen kritisiert, gerechtfertigt und an Kompromissen gebastelt wird. Vielleicht muss die Soziologie der Kritik doch wieder ein Stück weit kritische Soziologie werden, um den Praktiken der Rechtfertigung und der Kritik zu ihrem Recht zu verhelfen.