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Literatur

14. November 2012

Gerhart Hauptmann zum 150.: Ein deutscher Bürger seiner Zeit

 Von Wilhelm von Sternburg
Gerhart Hauptmann. Foto: ullstein bild

Der Dichter, Dramatiker, Narziss Gerhart Hauptmann wurde vor 150 Jahren geboren. Seit Schiller und vor Brecht hat es keinen anderen Bühnenautor gegeben, dessen Dramen eine solche Aufführungsflut erlebt haben.

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Der Dichter, Dramatiker, Narziss Gerhart Hauptmann wurde vor 150 Jahren geboren. Seit Schiller und vor Brecht hat es keinen anderen Bühnenautor gegeben, dessen Dramen eine solche Aufführungsflut erlebt haben.

Am 15. November 1862 wurde Gerhart Hauptmann in Schlesien geboren. Seine Dramen haben über Jahrzehnte hinweg immer wieder die besten Regisseure und Schauspieler zu Deutungen herausgefordert. Und die Zuschauer haben es ihnen gedankt. Hauptmann schrieb auch Romane, Novellen und Gedichte, aber jenseits der Geschichte vom „Bahnwärter Thiel“: Es sind seltsame Prosatexte und Reime, die heute wohl nur noch die Lesestunden wahrer Hauptmann-Enthusiasten füllen.

Seine Dichterlaufbahn beginnt mit dem sozialen Drama „Vor Sonnenaufgang“ (1889), erreicht 1892 ihren sensationellen Höhepunkt mit der Aufführung des Schauspiels „Die Weber“ und endet mit der Uraufführung der „Iphigenie auf Aulis“ 1943 in Wien. Hauptmann hat dem literarischen Naturalismus auf der Bühne den Durchbruch verschafft.

Der in Deutschland seit 1867 überaus erfolgreiche Norweger Ibsen reißt der bürgerlichen Heuchelei die Maske vom Gesicht, Hauptmann aber stellt das massenhafte Elend des industriellen Zeitalters und die sozialen Tragödien des Kleinbürgers auf die Bühne. Die ungeheure Wirkung seiner Schauspiele beruht auf einer Wucht, die schon beim wilhelminischen Publikum Tränen und Empörung auslöst, auf dem volkstümlichen Witz der Figuren, auf der ironischen Entlarvung einer von Vorurteilen und Materialismus geprägten Gesellschaft. Peter Sprengel, der wohl beste Hauptmann-Kenner unserer Tage, weist in seiner neuen Biographie mit Recht darauf hin, „dass in der Ausbalancierung der dramatischen Gegensätze eine der entscheidenden Qualitäten dieses Autors und ein wesentlicher Grund für den Erfolg dieses Klassikers der Moderne zu erblicken“ ist.

Um die Jahrhundertwende ist Hauptmann für seine Landsleute zum Denkmal geworden. Der Gipfel der Ehrungen ist 1912 mit der Verleihung des Literaturnobelpreises erreicht. Auch danach bleiben die Uraufführungen seiner neuen Stücke gesellschaftliche Ereignisse. Vor allem die von Otto Brahm und Max Reinhardt geleiteten Berliner Theater bleiben neben der Wiener Burg Schauplatz aufregender Hauptmann-Aufführungen. Aber der Erfolg ist nicht mehr so rauschend. Der Expressionismus, dem sich der Dichterfürst verweigert, lässt ihn bald hinter sich.

Schlesien und seine Menschen haben ihn geprägt. Im Riesengebirge lässt er sich 1901 seine Burg Wiesenstein errichten. Kurz bevor ihn die russischen und polnischen Sieger 1946 herauskomplementieren wollen, zieht der 83-Jährige es vor, dort zu sterben.

Wein hilft beim Dichten und beim Vergessen

Sehnsuchtsort bleibt lebenslang der europäische Süden – hier lebt er fast jedes Jahr über Monate. Auf Hiddensee verbringt er unzählige Sommerwochen, wandert mit dem Sonnenaufgang in Franziskanerkutte denkend und schwärmend am Ostseeufer, und im Keller seines Inselhauses lagern beachtliche Mengen Wein. Er hilft beim Dichten und beim Vergessen.
Hauptmann ist kein Rebell, und Mut beweist er nicht als Untertan, sondern als Künstler. „Die Weber“, dieses grandiose Werk, das ihn über Nacht berühmt macht, birgt mit Blick auf seinen Schöpfer ein Missverständnis. Er ist zwar ein Bewunderer Lassalles und befreundet mit August Bebel, aber im Tagebuch notiert er 1894 mit Blick auf die SPD, die nach der Uraufführung in Hauptmann einen Vorkämpfer sieht: „Lasst mich aus dem Spiel“.

Die Zensur verbietet eine öffentliche Aufführung, Kaiser Wilhelm II. kündigt sein Abonnement. Was Hauptmann keineswegs davon abhält, die Nähe der wilhelminischen Eliten zu suchen. Den Ersten Weltkrieg begleitet dieser als Humanist gefeierte Dichter mit chauvinistischen Gedichten. In den Weimarer Jahren ist er Republikaner, am Ende Hindenburg-Bewunderer, und als Hitler herrscht, da sitzt er mit Goebbels und anderen Nazi-Größen in den Theaterlogen. „Seltsames und schönes Auge“, hält er nach einer Begegnung mit Hitler im Notizbuch fest. Er lässt sich vom Dritten Reich vereinnahmen, lobt öffentlich das „Genie“ des Führers. Nicht allzu häufig, aber unüberhörbar.
Ehrlos geworden

Heimlich verzweifelt er an seiner Epoche

Er ist ein deutscher Bürger seiner Zeit. Als seine jüdischen Kollegen und Freunde fliehen oder ihrem physischen Untergang entgegensehen müssen, schweigt er. Sein Bewunderer und Freund, der jüdische Kritiker Alfred Kerr, ruft ihm aus dem Exil zu: „Hauptmann, Gerhart, ist ehrlos geworden.“ Der Dichter reagiert nicht anders als die meisten seiner Landsleute. Nur in den Notiz- und Tagebüchern verzweifelt er an den Gewaltexzessen seiner Epoche.

Er ist ein Familienmensch. Über alle Frauengeschichten und Ehekämpfe hinweg steht er zu seinen vier Söhnen. Der jetzt veröffentlichte, interessante Briefwechsel zwischen ihm und seinem ältesten Sohn Ivo zeigt ein überaus hilfreiches, besorgtes und sympathisches Familienoberhaupt, auch wenn er seinem in Paris studierenden Malersohn vor den Einflüssen der französischen Impressionisten warnt. Die Moderne wird für diesen so bedeutenden Reformer des europäischen Theaters nach der Jahrhundertwende ohnehin zum Menetekel einer sinnentleerten Gesellschaft.

Bis kurz vor seinem Tod ist Hauptmann künstlerisch ungemein produktiv. Allen Widrigkeiten der Zeit zum Trotz schreibt er herrliche Dialoge und Verse, verliebt sich in Hexameter, Jamben und Trochäen, veröffentlicht neue Stücke und Romane. Die Centenar-Ausgabe von 1962 umfasst elf Bände mit insgesamt 13000 enggedruckten Seiten. Ein großer Künstler war Hauptmann zweifellos. Ein Berühmter ist er geworden, der sich narzisstisch auf sein Dichtertum zurückzog, wenn es galt seine viel gehörte Stimme gegen Barbarei und Krieg zu erheben. 150 Jahre nach seinem Eintritt in die Welt ist es im modernen Theaterbetrieb stiller um ihn geworden. Ohne seine großen Dramen aber wären wir zweifellos ärmer und unwissender geblieben.

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