Eine Familien-Biografie ist ein hybrides, schwer zu umreißendes und anspruchsvolles Gebilde, zumal, wenn sie der Familie Mendelssohn gilt. Julius H. Schoeps, der diese Biografie verfasst hat, muss sich als ein umfassend gebildeter Mensch beweisen und betätigen, denn die Mendelssohns legen die Latte hoch: Ihre Familienbiografie durchmisst und berührt ein weites Feld an Spezialgebieten von inner- und interreligiösen Debatten der Aufklärung über die langen Vorgänge um die deutsche Reichsgründung, Musik der deutschen Romantik, Wirtschaftsgeschichte des Bankenwesens im 19. Jahrhundert bis hin zur Kunst des 20. Jahrhunderts und der Provenienzforschung einschlägiger Kunstsammlungen.
Schoeps lässt die Geschichte der Mendelssohns mit dem Philosophen Moses Mendelssohn beginnen, weiter zurück reichen die Quellen kaum, und weil die religiösen Konfliktlagen der spätbarocken Gesellschaft in Deutschland überaus komplex, beziehungsreich und lebensrelevant waren, vertieft sich Schoeps zunächst in allerlei religiöse Themen und Reibungen, die aus heutiger Sicht nicht immer leicht nachvollziehbar sind; er lädt das mit anekdotischen Einsprengseln auf, so dass über das erste Kapitel hinweg ein zuweilen etwas langatmiger und fast folkloristisch betulicher Ton vorherrscht. Das täuscht natürlich, denn was da aus ferner Zeit herüberragt, war purer, alltagsrelevanter und existenziell bedeutsamer Zeitgeist; und wie wir gerade heute wieder sehr genau wissen, können Fragen, die sich an religiöse Themen anlagern, zum Drängendsten gehören, was Menschen bewegt.
Das Erbe der Mendelssohns. Biographie einer Familie. Von Julius H. Schoeps. S. Fischer Verlag 2009, 496 Seiten, 29,95 Euro.
Das zweite Kapitel widmet sich der deutschen Frühromantik, so weit sie die Mendelssohnsche Familiengeschichte berührt, und das tut sie überraschend intensiv, und im dritten Kapitel ist es dann Felix Mendelssohn Bartholdy, der zum Zentrum der historischen Erzählung wird. Schoeps wird dadurch nicht zum Musikwissenschaftler, aber er weiß viel zu erklären über die historischen Umstände, unter denen Mendelssohn Bartholdy Musik schreibt und über die Kontexte, in die sie aufgenommen wird.
Und ganz nebenher wird die Familie immer komplexer, denn wir müssen nun lernen, fortan die Mendelssohns von den Mendelssohn Bartholdys zu unterscheiden und diese wiederum von den Mendelssohn-Bartholdys (mit Bindestrich) und fürderhin auch noch von den (von) Mendelssohn Bartholdys, also dem geadelten Zweig der Familie, wobei sogar eine recht subtile Unterscheidung zwischen einem eingeklammerten "von" und einem nicht eingeklammerten gemacht wird.
Dazu kommt, dass die Palette der Vornamen überraschend klein ist: Arnold, Fanny und Paul, Franz tauchen häufiger auf und erfordern eine wache Aufmerksamkeit, sonst purzeln plötzlich Zeitalter und Themen durcheinander. Insofern ist die Sechs-Generationen-Genealogie der Mendelssohns auf einer der vorderen Seiten recht hilfreich.
Auffällig ist, dass die im engeren Sinne kulturellen Themen nach dem Fanny-und-Felix-Kapitel zwar nicht verschwinden, aber zunehmend eher wie Schaumkronen auf einem Meer wirtschaftlicher Aktivität erscheinen. Die Hauptarbeit der Mendelssohns von der Mitte des 19. Jahrhunderts an ist das Bankenwesen, und das Zentrum dieser Aktivität ist die Stadt Berlin, so dass es noch zu einer überaus kenntnisreichen Verflechtungsarbeit von preußischer beziehungsweise deutscher Wirtschaftsgeschichte, Berliner Stadtgeschichte und Mendelssohnscher Genealogie kommt, nebst Einblicken in die Geschichte des Bankenwesens.
Die religiösen Aspekte, die einen Familienzusammenhalt und auch einige seiner Konfliktlinien stiften, verliert Schoeps nie aus den Augen. Es gibt ein von ständigen Bedeutungsverschiebungen begleitetes Hin und Her zwischen protestantischen, katholischen und jüdischen Familienteilen, aber im Kern bleibt eine historisch beglaubigte und aktuell stets virulente Verbindung zum jüdischen Kontext.
Für Schoeps zeigt der sich besonders in dem starken Impuls der Gemeinnützigkeit und großzügigen Spenden- und Zuwendungsbereitschaft für bedeutende öffentliche Aufgaben, die die im preußisch-deutschen Großbürgertum angekommenen Mendelssohns der diversen Familienzweige im 19. und 20. Jahrhundert erkennen lassen. Deutsch-patriotische Gesinnung steht dem nicht im Wege und ist in dieser Familie immer leicht synchronisierbar mit Weltläufigkeit. Was leider zur Folge hat, dass sich Schoeps´ Einlassungen streckenweise wie ein verschwenderisches Name dropping lesen.
Einen Schwerpunkt hat die Familienchronik in der Erörterung des Kunstsammler- und Mäzenatentums sowie darin, wie dieser Impuls zusammen mit den Sammlungen, Stiftungen und Initiativen, die daraus entstanden, in den deutschen dreißiger Jahren unter die Räder kamen.
Auch die Familiengeschichte der Mendelssohns läuft Mitte der dreißiger Jahre aus mit der Arisierung des Bankhauses Mendelssohn und Co., beziehungsweise mit dessen Übernahme durch die Deutsche Bank. Es ist der "Vorabend der Katastrophe", den Julius H. Schoeps als Endpunkt seiner ausführlichen Familiengeschichte nimmt wohl wissend, dass es nicht genügen würde, für die Katastrophe selbst ein neues Kapitel aufzublättern.