Im Jahr 1989 wurde erstmals offiziell zugegeben, dass es ihn gab: den britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Inzwischen ist auch bekannt, wer ihn jeweils leitet (derzeit Jonathan Evans), gibt es eine Homepage, auf der man sich über Karrierechancen informieren kann - "wir sind stolz darauf, abwechslungsreiche, dankbare und anspruchsvolle Karrieren anbieten zu können" -, und eine autorisierte Geschichte, die sich der MI5 im vergangenen Jahr sozusagen selbst zum 100. Geburtstag geschenkt hat.
"MI5 - Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes" wurde von dem renommierten Historiker Christopher Andrew recherchiert und geschrieben. 400000 Akten durfte er einsehen. Im Vorwort zeigt er sich allerdings nicht durchweg glücklich mit den Eingriffen vor der Veröffentlichung: Einige Geheimhaltungen, so formuliert er, "verdienen meiner Meinung nach eine Prüfung durch den parlamentarischen Nachrichtendienstausschuss".
Als Leser kann man nicht wissen, was man da nicht wissen soll - allerdings bleibt auf diesen in der deutschen Übersetzung gut 900 Seiten genug Stoff, der spannend, lustig und lehrreich ist. Andrew ist ein munterer, gelegentlich scharf ironischer Erzähler, der ein Auge hat für die Absurdität mancher geheimen Aktion.
Als der britische Geheimdienst im Jahr 1909 gegründet wurde - zu Anfang war er noch nicht in einen Inlands- und einen Auslandsdienst (MI6) geteilt -, geschah dies aus dem Geist der Paranoia. Diese wurde, unter anderem, geschürt von dem zu seiner Zeit berühmten Schreiberling William Le Queux, der mit dem Fortsetzungsroman "Die Invasion von 1910" in der Daily Mail die Briten scharenweise dazu brachte, verdächtige (deutsche) Personen und Vorkommnisse zu melden. Bei einem Radfahrer reichte es schon aus, dass er auf Deutsch fluchte, während er eine Straßenkarte studierte und sich Notizen machte.
Die ersten Geheimdienst-Jahre bieten überwiegend Komödienstoff, auch auf der gegnerischen Seite. Ein tatsächlicher deutscher Spion, der in Philosophie promovierte Max Schultz, lud zu Festen auf sein Hausboot, auf dem die deutsche Fahne wehte, und versuchte, mit seinen Gästen ganz zwanglos über die Kriegsmarine zu reden. Bei einer Schießübung traf er seine Haushälterin, sie zeigte ihn an, und Schultz bat dann auch seinen Anwalt, Informationen über die britischen Streitkräfte zu beschaffen.
Doch der Mann ging zur Polizei und wurde gebeten, Schultz eine Falle zu stellen. Bald gehörte es ohnehin zu den Hauptbeschäftigungen der britischen, deutschen und russischen Geheimdienstler, sich gegenseitig zu desinformieren. Und zu ahnen oder, besser, herauszufinden, wann man selbst reingelegt werden sollte. Andrew bietet spektakuläre Beispiele für Erfolge und Misserfolge.
Zögern oder zugreifen?
Mit der Operation "Mincemeat" etwa gelang es den Briten im Zweiten Weltkrieg, den Deutschen einen falschen Landepunkt für eine Invasion der Alliierten zu suggerieren: Man ließ eine Leiche, die man vorher penibel mit einer fingierten Identität ausgestattet hatte, mit scheinbar brisanten Papieren an der spanischen Küste antreiben. Die Deutschen zögerten nicht, sich für die Papiere zu interessieren. Im Kalten Krieg wiederum zögerten die Russen im falschen Moment: Einen MI5-Agenten, der überlaufen wollte, hielten sie für eine Falle. Das Trauma der Briten aber trug zu dieser Zeit und noch lange den Namen "Magnificent Five" oder "Cambridge Five": Kim Philby, Donald Maclean, Guy Burgess, Anthony Blunt and John Cairncross waren in den 30er Jahren als Doppelagenten angeworben worden und spionierten viele Jahre für die Russen. Mehr als 20 000 Seiten an Geheimdokumenten und Berichten sollen sie nach Moskau geschickt haben. Spionieren und Gegenspionieren ist eine langwierige Angelegenheit, und sie hat sich keineswegs erledigt, wie man gerade in den USA sieht.
Anfang der 80er Jahre aber entwickelten die Russen eine gefährliche Paranoia: Der Geheimdienst glaubte fest an Pläne für einen nuklearen Erstschlag des Westens. Man versuchte, Belege zu finden, indem man in Großbritannien etwa die Blutspendedienste überwachte: "verstärkte Ankäufe von Blut" und steigende Blutpreise seien ein Hinweis, so eine Anweisung aus Moskau. Dort wusste man offenbar nicht, dass die Briten kostenlos spenden.
Es ist leicht, sich zu amüsieren über solches Dilettieren. Je näher Andrew aber der Gegenwart kommt, desto weniger Grund gibt es für Heiterkeit. Andrew kann erzählen, wie der Geheimdienst indiskretes Wissen gegen die Politik auszuspielen versuchte. Oder wie er, umgekehrt, warnen wollte und nicht gehört wurde.
Heute gilt die Aufmerksamkeit und Arbeitskraft des MI5 vor allem der Terrorismusabwehr. Einiges konnte er verhindern. Von den U-Bahn-Anschlägen am 7. Juli 2005 in London aber wurde er überrascht. "Wie Sie uns helfen können", heißt eine Rubrik auf der Homepage, "Auf was Sie achten sollten", eine weitere.
Übrigens ist das Spionieren ein Hort der Gleichberechtigung: Im MI5 liegt der Frauenanteil derzeit bei 47 Prozent, zwei Chefinnen hatte der Dienst bereits. Und eine Befragung seiner Angestellten ergab, dass die Jobzufriedenheit erheblich ist. - Auf der Homepage erfährt man auch, wie man sich bewirbt. Die gerade in den USA gefassten mutmaßlichen russischen Spione sollen ja recht großzügig Spesen gemacht haben.