Dass Jonas aber zu wahrer Empathie fähig ist, zeigt sich bei Anne: Sie, seine ehemalige Freundin, die an Krebs leidet, kann er retten - sich selber und seine Liebe allerdings nicht.
Die Erlebnisse bündeln sich zu einem apokalyptischen Szenario. Die Unglücksfälle ziehen immer größere Kreise, und die Merkwürdigkeiten folgen der Logik des Traums. Jonas gräbt sie aus Begierden und Alltagssorgen, die tief in ihm abgelagert sind. Und so gerät man mit diesem Helden tiefer hinein in eine Unterwelt aus Tag- und Alpträumen, bösen Ahnungen und katastrophischen Andeutungen. Dem Apokalyptiker Jonas stürzt das Leben aus seiner Verankerung, und man weiß nicht, ob es seine Anmaßung, sein schlechtes Gewissen, seine Naivität sind, die ihn in diese innere Hölle treiben. Das nämlich scheint der einzige Ausweg des Lesers: Zu denken, dass das meiste, was geschieht, nur im Innern des Helden sich abspielt, dass es zwischen der Wirklichkeit und der Fiktion seines eigenen Wunsch- und Trieblebens einen Unterschied geben möge. Ob es das aber tut? Man kann sich nicht sicher sein.
Diese Ungewissheit über 300 Seiten aufrecht zu erhalten, aus der bezwingenden, zwanghaften Struktur dieses Romankonstrukts nicht durch Ironiegesten oder Kommentierungen herauszutreten, das ist das große Geschick von Thomas Glavinic. Man sollte diesen Autor und seine Sprache auf keinen Fall unterschätzen: Er bewahrt sie, gerade weil sie so schlicht ist, vor Eindeutigkeit.
Er gesteht dem Leser in diesem existenziellen Drama keine Lösung zu, sondern konfrontiert uns mit der Ambivalenz unserer eigenen Fantasien und Ängste. Die Arbeit der Nacht produziert das Leben der Wünsche. Das wunschlose Glück wäre vielleicht: einfach nur "weiterzuleben". Jonas beklagt sich zu Beginn des Romans über das Gleichmaß seines Lebens und seine Ahnungslosigkeit den großen Fragen gegenüber; aber schließlich dürfte er sich genau danach sehnen.
Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Roman. Hanser Verlag. München 2009, 319 Seiten, 21,50 Euro.