Im Refrain von Bob Dylans Song "Ballad Of A Thin Man" wird immer wieder die gleiche ratlose Frage in den Raum gestellt: "Something is happening here and you don´t know what it is. Do you, Mister Jones?" Mister Jones weiß es nicht. Er ist einer, dem die Dinge geschehen und der mit Verwunderung die Veränderungen wahrnimmt; fürs große Infragestellen aber ist er nicht gemacht.
In dem neuen Roman von Thomas Glavinic wird ebenfalls und fast gleichlautend eine abgrundtiefe Ratlosigkeit kundgetan: "Etwas passiert, sagte er. Ich kann nicht erklären, was. Etwas geht vor sich." Es ist nicht Mister Jones, dem die Dinge hier undurchsichtig werden, sondern seinem Namensverwandten Jonas. Eine Figur selben biblischen Namens ist den Lesern von Thomas Glavinic schon aus dessen Roman "Die Arbeit der Nacht" vertraut: Darin wacht dieser Jonas eines Tages als letzter und einziger Mensch auf Gottes Erden auf. Ein Alptraum.
Nun jedoch beginnt der Alptraum wie ein Märchen. Ein Mann gewährt Jonas drei Wünsche. Der hält zwar nichts von dem faulen Zauberer, aber ein Spielverderber will er auch nicht sein. Weil er seinen beiden Söhnen vermutlich in der Vergangenheit das eine oder andere Märchen vorgelesen hat, weiß er, dass es auf dieses Angebot letztlich nur eine vernünftige Antwort gibt: Er wünscht sich, alle zukünftigen Wünsche erfüllen zu dürfen. Er möchte hinter die Geheimnisse der Existenz und mehr noch des Todes kommen. Er will wissen, was es mit dem Sterben und dem Jenseits auf sich hat.
Gelegenheit macht Hybris: "Vor allem möchte ich verstehen! Ich will die Dinge und Verhältnisse verstehen, wenigstens ein wenig, ich verstehe sie nämlich nicht, ich habe von Grund auf nichts von der Welt verstanden, habe keine Antworten, und nichts außer weiterzuleben fällt mir ein." Die Sehnsucht nach Erkenntnis führte schon einmal zur Vertreibung aus dem Paradies.
Die Eröffnungssequenz dieses seltsamen, dieses magisch zwischen Realität und Traum flirrenden Romans öffnet die Büchse der Pandora. Denn nun beginnt Jonas´ Unbewusstes mit seiner mächtigen Arbeit, und "Das Leben der Wünsche" - so der Titel des Romans - müsste genauer "Das Eigenleben der Wünsche" heißen. Alles gerät außer Kontrolle.
Es wäre ein Feuerwerk an verwickelten Situationen zu erwarten, absurde Komik und slapstickhafte Situationen. Aber nichts dergleichen. Thomas Glavinic, man bemerkt es nicht sofort, ist ein bestechender Stilist. Seine Kunst besteht in der Harmlosigkeit seines Erzähltons: Die realistische, dann immer surrealer werdende Geschichte wird in eine so naiv anmutende, Hauptsätze aneinanderreihende Sprache gepackt, dass man zunächst eingelullt wird. Dann aber ist man über das Geschehen um so erschrockener.
Jonas arbeitet in einer Werbeagentur. Er ist kein Zyniker, nimmt aber seine Umwelt auch nicht besonders ernst. Ein bisschen haltlos erscheint er, auch wenn es ihn mit Familie und Job in einen gewöhnlichen Alltag verschlagen hat. Jonas ist durchaus ein gläubiger Mensch, nur glaubt er weder an Jesus noch an den lieben Gott, sondern allein an die Erlösung durch eine Frau.
Im speziellen Fall ist es seine Geliebte Marie, aus deren Bett er ein wenig versöhnter mit dem Leben ersteht, während ihn mit seiner Frau Helen eine geschwisterliche Nähe verbindet. Jonas ist Mitte dreißig, aber auf gewisse Weise wirkt er jungenhaft: Er hat sich nicht gänzlich arrangiert und wäre gerne frei, seinen Sehnsüchten all den unüberschaubaren Raum zu geben, der durch seine Ehe auf Abstellkammergröße zusammengschrumpft scheint. "Nein, er war nicht glücklich. Ja, er wollte Helen nicht verlieren. Ja, er wollte Marie haben, unbedingt. Wo war der Ausweg."
Er muss nach dem Ausweg nicht allzu lange suchen. Als die Gewissheit, in Marie die Frau seines Lebens gefunden zu haben, immer stärker reift, geschieht etwas, das man in engen Zusammenhang setzen muss zu Jonas´ schicksalhafter Begegnung mit dem fremden Mann zu Beginn des Romans: Helen liegt tot in der Badewanne, und Jonas´ heimlichster Wunsch scheint sich auf unheimlichste Weise erfüllt zu haben. Es ist dies nicht die einzige Katastrophe, die Glavinic trancehaft schildert - ohne von der verstörend unaufgeregten Grundgestimmtheit des Textes auch nur ein Stück weit abzurücken.
Erzählt wird mit einer gespenstischen Ruhe, selbst als Jonas in eine Unglücksmaschinerie hineingerät: Ein Mann wird vor seinen Augen vom Lastwagen erfasst und durch die Luft gewirbelt; eine Gondel stürzt ab; einem Tankwart wird, während Jonas das alles aus nächster Nähe verfolgt, von einem Räuber in die Stirn geschossen. Ein Flugzeug, auf das er gebucht war und in das er doch nicht einsteigt, zerschellt noch beim Start. Er folgt einem Phantom in einen tiefen Wald, wo er schließlich der Gefahr seines unüberlegten Tuns gewärtig wird und panisch ins nächste Dorf flieht; einer Gruppe von drei Ausflüglern, zwei Männer und eine Frau, hastet er nach auf einen Berg, wo er tatenlos mit ansehen muss, wie die Männer die Frau bedrängen - je näher er ihnen rückt, desto weiter entfernen sie sich. Mit seinen Wünschen muss es nicht allzu gut bestellt sein. Es scheint eher so, als würden in seiner Seele lauter Verwünschungen lauern, die er nicht in Zaum halten kann.