Auf 180 Seiten bricht das neueste Buch der amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Bruce C. Greenwald und Judd Kahn mit einer ganzen Reihe von Grundannahmen der Globalisierungsdebatte. Darunter auch solchen, die von Gegnern und Befürwortern geteilt werden. Es geht vor allem um folgende Ansichten:
1. Globalisierung ist die Zukunft, eine unaufhaltsame, wachsende Realität.
2. Globalisierung ist die dominierende Macht der Welt.
3. Die Arbeiter überall auf der Welt müssen sich der Globalisierung anpassen.
4. Das Gleiche gilt für die Betriebe.
5. Der globalisierenden Macht der Finanzmärkte wird niemand sich entgegenstellen können.
Punkt fünf galt bis vor wenigen Monaten als das erste Gebot der Globalisierung. Der Herr, dein Gott - das waren die Finanzmärkte. Es schien keine Macht zu geben, ihren Einfluss zurückzudrängen. Nun sind sie selbst kollabiert und die, die noch vor ein paar Monaten die Unterwerfung unter das Finanzkapital predigten, müssen es nun beaufsichtigen.
Wenn es heute um die Neuordnung der Finanzmärkte geht und um die Gesetze, denen sie zu folgen hat, kann es nicht schaden, einen Blick auf die Tatsachen zu werfen: Direktinvestitionen im Ausland zum Beispiel haben zwischen 2000 und 2006 deutlich nachgelassen. Das gilt für die USA wie für die Entwicklungsländer, für Europa wie für Asien. Wenn die Direktinvestitionen im Ausland ein Indikator für Globalisierung sein sollen, dann ist es nicht weit her mit ihr, meinen Greenwald und Kahn.
Was ihren ersten Punkt angeht, so machen die Autoren klar, dass es schon immer Wellen der Globalisierung gegeben hat, denen Phasen folgten, in denen die Weltwirtschaft sich wieder auf Teilmärkte zurückzog. 1950 zum Beispiel lag der Anteil des Welthandels am weltweiten Bruttosozialprodukt bei 13 Prozent. 1920 waren es 18 Prozent. Seit 1975 wächst der Anteil wieder. Im Jahr 2000 lag er bei 30 Prozent.
Die Autoren rechnen damit, dass die derzeitige Globalisierungswelle ihren Scheitelpunkt überschritten hat. Es wird wieder zu einer stärkeren Regionalisierung und Lokalisierung kommen. Der Grund ist, so die Autoren, einfach: Es ist der steigende Anteil von Dienstleistungen am Bruttosozialprodukt. Die sind nämlich kaum zu transportieren. Es gibt tatsächlich die viel beschworenen indischen Röntgenärzte, die für billigstes Geld im Auftrage amerikanischer Krankenhäuser Röntgenaufnahmen auswerten. Aber es sind nur ein paar hundert, und das seit Jahren. Dienstleistungen sind lokal. Sie müssen lokal erbracht und bezahlt werden. Wenn ihrAnteil an der Weltwirtschaft steigt, sinkt der der globalisierenden Faktoren. "Mit der Zeit wird die Welt lernen, mehr Dienstleistungen zu handeln, wie sie seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts lernte, immer mehr Güter zu handeln, aber das ist ein langer Prozess, und in der Zwischenzeit, wird das Anwachsen des Dienstleistungssektors erst einmal ein Zurückgehen der Globalisierung bedeuten."
Zum zweiten Punkt meinen die Autoren: Noch immer entscheidet über das Schicksal eines Landes nicht die Globalisierung, sondern das Land selbst. Die Autoren glauben nicht an Wirtschaftshilfe. Selbst der Marshall-Plan sei nicht der entscheidende Hebel für den Aufschwung Westeuropas gewesen. Sie halten auch den Freihandel nicht für ein überall probates Mittel der wirtschaftlichen Entwicklung. Entscheidend sind die jeweiligen lokalen Gegebenheiten. Gegen die lässt sich nicht erfolgreich wirtschaften. Globale Rezepte sind in den Augen der beiden Autoren per definitionem schlechte Rezepte.
Was Punkt drei angeht, so registrieren die Autoren natürlich, dass zum Beispiel im Jahre 2007 nur noch halb so viele Menschen in der amerikanischen Automobilindustrie arbeiteten wie 1970. Aber sie bestehen darauf, dass die Durchschnittsqualität der Arbeitsplätze sich in den vergangenen dreißig Jahren deutlich verbessert habe. Es kann - so die Autoren - nicht davon die Rede sein, dass die Chinesen den Amerikanern die guten Jobs wegnehmen.
Das betrifft, das belegen die Zahlen, gerade nicht nur die Angestellten, sondern auch die "Blaumannbeschäftigten". In diesem Bereich haben die höher qualifizierten Jobs deutlich mehr zugenommen als die minder qualifizierten. Auch was die Lohnentwicklung angeht, sprechen die Zahlen eine andere Sprache als die Furcht. Zwischen 2000 und 2006 stiegen die Löhne in den USA um 2,7 Prozent, zwischen 1983 und 2000 um 1 Prozent. Zwischen 1970 und 1983 sanken sie um 6 Prozent. Wenn die Globalisierung denn doch eine große Rolle gespielt haben sollte, dann hat sie die Lohnentwicklung nicht negativ beeinflusst.
Greenwald und Kahns Buch könnte zu einem Vademecum des realistischen Umgangs mit den Entwicklungen der letzten Jahre werden. Es gibt die Globalisierung. Sie konzentriert sich aber auf wenige Bereiche. Geld muss nach wie vor auf lokalen Märkten verdient werden.
Bruce C. Greenwald, Judd Kahn: Globalization - the irrational fear that someone in China will take your job, John Wiley & Sons, USA, 186 S., 25 Euro.