Goethe - vergessen und vergammelt? Brasiliens Justizministerium dementierte umgehend: Die wohl größte Sammlung von Goethe-Werken Lateinamerikas werde im Ministerium in Brasília "angemessen aufbewahrt und konserviert". Aber ein Experte, der der angesehenen Zeitung Folha de S. Paulo zufolge die Kollektion untersuchte, war anderer Meinung: Er mochte den Bedingungen, unter denen die Bücher - die meisten zwischen 1780 und 1860 gedruckt - aufbewahrt werden, nur die Note "ausreichend" geben. Die Zeitung beschreibt die 4138 Titel umfassende Sammlung drastischer: "Überzogen mit Schimmel und ohne Ordnung in einem Raum der Bibliothek des Ministeriums aufgehäuft".
Fernando Rodrigues da Silveira, ein germanophiler Arzt aus Rio de Janeiro, hatte die Sammlung der Werke von und über Johann Wolfgang von Goethe zusammengetragen. Nach seinem Tod 1970 bot seine Tochter sie zum Verkauf an. Alfredo Buzaid, Justizminister der damaligen Militärdiktatur, fand Gefallen daran. Das Ministerium bezahlte 80.000 Cruzeiros, heute wären das etwa 32.000 Euro. Dass sich nach 1974, als Buzaid aus dem Amt schied, noch jemand für die Bände interessiert hat, ist nicht verbürgt.
"Es ist möglicherweise die wichtigste Goetheana-Bibliothek ganz Lateinamerikas", zitiert die Zeitung Willi Bolle, Literaturprofessor an der Universität von São Paulo, "sie enthält eine Reihe von Originalausgaben und Editionen von besonderer künstlerischer Ausstattung." Die Sammlung enthält auch Bücher auf Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.
Die Nachricht von den im Ministerium "versteckten" - so die Folha de S. Paulo - Büchern wurde nur zwei Tage nach der Nominierung Brasiliens als Gast der Frankfurter Buchmesse 2013 bekannt. Sie ist umso kurioser, als einen Steinwurf vom Justizministerium entfernt eine nagelneue, technisch bestens ausgestattete Bücherei halb leer steht. Die seit 1962 projektierte Nationalbibliothek Brasília wurde 2006 fertig gestellt und eingeweiht, aber ihren Betrieb nahm sich erst zwei Jahre später auf, mit einer viel bespöttelten zweiten Einweihung.
Der von Oscar Niemeyer entworfene Bau liegt nahe an den Ministerien, aber fern von den Lesern. Ihrem großartigen Namen zum Trotz hat die Nationalbibliothek Brasília nur einen Bestand, wie ihn in Deutschland mittlere Stadtbibliotheken haben: 100.000 Medien. Auszuleihen ist davon freilich noch kein einziges Buch. Anderthalb Jahre nach der (zweiten) Einweihung sind bisher nur 11.000 Bände katalogisiert.