Literatur

26. März 2009

Golo Mann zum 100.: Schwermütiges Kind in schwieriger Zeit

 Von HARRY NUTT
Der deutsche Historiker und Schriftsteller Golo Mann im März 1979 in seinem Haus in Zürich-Kilsberg, das er von seinem Vater Thomas Mann übernahm. Foto: dpa

Er war schwul und depressiv. Und mit seinem aufgeschlossenem Konservatismus war er seiner Zeit voraus. Am 27. März wäre Golo Mann 100 Jahre alt geworden. Ein Portät. Von Harry Nutt

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Zur Sache

Golo Mann, geb. am 27. März 1909 in München, gestorben am 7. April 1994 in Leverkusen, war das dritte Kind von Thomas Mann und seiner Frau Katia. Im linken intellektuellen Milieu der 60er und 70er Jahre wirkte Golo Manns hellsichtiger Konservatismus unzeitgemäß. Heute gilt es, einen Vordenker und Stilisten neu zu entdecken. Zu Manns wichtigsten Werken gehört seine Biographie Wallensteins.

Von Tilmann Lahme ist jetzt eine ausgezeichnete Biographie mit dem Titel "Golo Mann" im S. Fischer Verlag erschienen (551 Seiten, 24,95 Euro).

Ferner eröffnet heute Abend im Schwulen Museum Berlin (Mehringdamm 61) eine Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags von Golo Mann.

Eine von Altersflecken übersäte Hand fasst sacht an den Türrahmen, während der Blick in milder Gelassenheit auf den Fotografen gerichtet ist. Nicht freundlich, nicht kokettierend. Das trotz des Alters noch glatte Gesicht vermag eine jahrzehntelange Schwermut nicht zu verbergen.

Der Name auf dem Klingelschild ist nicht der Seine. Thomas Mann steht auf der kleinen Messingplatte. Viele Jahre nach dem Tod des Vaters scheint Golo Mann es nicht ohne dezente Selbstironie zu präsentieren. Der akustische Signalgeber an der Haustür als Zitat eines familiären Dramas.

Am 27. März 1909 wurde Golo Mann als drittes der sechs Kinder von Thomas und Katia Mann geboren. Keines der Geschwister, sieht man einmal von der von allen geliebten Nachzüglerin Elisabeth ab, hatte es sonderlich leicht im Haus des patriarchalischen Nobelpreisträgers.

Die Gunst der Mutter war ebenfalls schwer zu erwerben. Sie möge ihn nicht besonders, bekannte Golo Mann mit 18 einem Studienfreund, und er war schon fast 40, als er die erste Anerkennung von Vater Thomas Mann für seine Arbeit an der im amerikanischen Exil herausgegebenen Zeitschrift Maß und Wert bekam.

Das seltene Gut Respekt verbrauchte im Hause Mann der Vater weitgehend für sich allein. Sogar der ältere Bruder Klaus, mit dem Golo sich gut verstand, hatte wenig Schmeichelhaftes über das Kind Golo zu berichten. "Von skurriler Ernsthaftigkeit, konnte er sowohl tückisch und unterwürfig sein. Er war diensteifrig und heimlich aggressiv; dabei würdevoll wie ein Gnomenkönig."

Angelus Gottfried Thomas Mann, Golo genannt, hat es seinen Geschwistern wohl auch nicht leicht gemacht, ihn zu mögen. Er war ein schwieriges Kind; altklug, zugleich devot und ungeschickt. Von früher Jugend an plagte ihn, was man zunächst ein Nervenleiden nannte. Depressionskrankheiten begleiteten ihn sein Leben lang. Golo war bereits Schüler des konservativen Internats Salem, als die Sache mit den Nerven ein handfestes klinisches Erscheinungsbild aufwies.

Sie fiel zusammen mit dem, was man in den Kategorien entwickelter Sexualaufklärung als Coming out bezeichnen würde. Zwar hat sich Golo Mann nie offen zu seiner Homosexualität bekannt, aber der zwischenzeitlich geäußerten Vermutung, er habe ein völlig asexuelles Leben geführt, widerspricht sein Biograf Tilmann Lahme anhand vieler Belege ausdrücklich.

Verliebte sich Golo Mann zunächst aus schwärmerischer Distanz in junge Männer, so unterhielt er später wechselnde, meist nur kurze Zeit dauernde Beziehungen. Allein zu seinem Freund Manuel Gasser, Mitbegründer und Feuilletonredakteur des schweizerischen Blattes Weltwoche, hielt Golo Mann eine Jahrzehnte währende Verbindung.

Gasser war es denn auch, der Golo Mann 1937 in die Homosexuellenszene Zürichs einführte. Solchen populären Verkehr zu pflegen, schrieb Mann in einem Brief, darauf habe ihn erst Gasser gebracht, ein Dienst, für den er ihm sehr dankbar sei. Bis dahin habe er sich falschen, unbeholfenen Illusionen hingegeben und das Ideal da gesucht, wo es nicht zu finden sei.

Wahrscheinlich wäre es Golo Mann nicht recht gewesen, dass zu seinem 100. Geburtstag nun sein Sexualleben ausführlich dargestellt und im Schwulen Museum in Berlin mit einer Ausstellung bedacht wird. Es ist das große Verdienst Tilmann Lahmes, dass intime Details der Lebensgeschichte Manns auf keiner Seite als Indiskretion kommuniziert werden. Manns Homosexualität war ein prägender, keineswegs dominierender Teil der Entwicklungsgeschichte eines großen deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Die Würde, aber auch die Skurrilität eines Gnomenkönigs, die seinem mondänen Bruder Klaus aufgefallen war, suchten sich später andere Ausdrucksformen. Nichts fiel Golo Mann trotz seiner hinreichenden Talente zu, nichts machte er sich einfach. Es lag nahe, dass er sich im Beruf des Vaters und des älteren Bruders ausprobierte.

Unter dem Pseudonym Michael Ney erschien 1927 in einer Anthologie die Novelle "Aus dem Leben des Studenten Raimund", ein radikal autobiographischer Text Golo Manns, in dem dicht gedrängt die Motive des 18-jährigen Autors gebündelt sind: der Weltschmerz des Schülers, der unerreichbare Vater, die quälenden Depressionen. Unter seinem Namen ist die Novelle nun erstmals in dem Aufsatzband "Man muss über sich selbst schreiben" erschienen, sein Credo in der Entstehungszeit der Raimund-Novelle.

Das tat er zunächst aber nicht. Golo Mann ging nach Heidelberg und studierte Philosophie bei Karl Jaspers. Fast alles, was er tat, war von Zaudern und Grübeln begleitet, oft schwankend zwischen Niedergeschlagenheit und Selbstüberschätzung. "Daran, dass ich ein gescheiter Kerl bin, ist kein Zweifel", vertraute er 1931 seinem Tagebuch an, "aber mir fehlt ein bestimmtes Talent."

Also versuchte er es weiter mit der Philosophie. Jaspers nahm seine Dissertation 1932 unter dem Titel "Das Einzelne und das Ich in Hegels Philosophie" zwar an, übte aber scharfe Kritik. Manns Vater, "unser aller Vorbild, was den Aufbau eines Gedankenwerkes betrifft (...), würde entsetzt sein, wenn er das läse." Das schmerzte.

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