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Peter-Sloterdijk-Biographie: Größe und Weite

Um es kurz zu machen: Hans-Jürgen Heinrichs’ intellektuelle Biografie „Peter Sloterdijk“ wäre besser nicht geschrieben beziehungsweise veröffentlicht worden. Hier stimmt beinahe kein einziger Satz, jeder Ton, den Heinrichs anschlägt, klingt falsch...

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk.
Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk.
Foto: Getty Images

Wer sich mit Peter Sloterdijk schon einmal zum Gespräch getroffen hat, wird sich möglicherweise gewundert haben, wie sehr sich der nicht zuletzt auch fernsehbekannte Philosoph aus Karlsruhe darüber beklagt, in Deutschland nicht angemessen behandelt zu werden. Er meint damit die Zunft der akademischen Philosophie im Allgemeinen und den Philosophen Jürgen Habermas im Besonderen, die ihm bis heute die Anerkennung verweigerten und über Seilschaften sogar die große Karriere verhindert hätten. Die Kränkung sitzt tief, Sloterdijk lamentiert stundenlang, bevor er mit seinem Gegenüber endlich ins Gespräch kommt...

Erstaunlich und kaum auszudenken, welchen Weg sich der Karlsruher Denker selbst zugedacht hat, wenn der bislang doch so erfolgreich beschrittene nur eine von anderen erzwungene Abweichung war. Fällt es da noch ins Gewicht, dass Sloterdijk jetzt die für einen Philosophen ganz außergewöhnliche Ehre zuteil wird, bereits zu Lebzeiten eine Art intellektueller Biografie zu erhalten, wuchtig, dick und schwer, erschienen im renommierten Hanser Verlag. Was haben sich die Beteiligten eigentlich dabei gedacht? Eine letzte Anstrengung noch – und dann ist Sloterdijk endlich Meister aller Klassen?

Wie auch immer, vorneweg sei die Anmerkung gestattet, dass das Buch besser nicht geschrieben beziehungsweise veröffentlicht worden wäre. Hier stimmt beinahe kein einziger Satz, jeder Ton, den Heinrichs anschlägt, klingt falsch, alles ist zu groß und hervorragend und damit vollkommen schief geraten. Da hat einer dem anderen statt eines Freundschafts- doch eher einen Bärendienst erwiesen. Auf den ersten Seiten überwiegt noch die Hoffnung, auf die einander gereihten Maßlosigkeiten möge bald eine ironische Volte für etwas Entspannung sorgen, aber nein: Heinrichs steht vor dem von ihm selbst geschaffenen Philosophendenkmal stramm – und lässt nicht mehr locker.

Gleich zu Beginn, wir haben gerade mal 20 Zeilen gelesen, kommt Heinrichs auf den französischen Philosophen Jacques Derrida zu sprechen, der wie auch Sloterdijk gerne lange Vorträge gehalten habe: Gleich Derridas „erster Satz – er könnte von Sloterdijk entliehen sein – verhieß den Ungeduldigen nichts Gutes...“ Halten wir fest, dass Derrida sich bei Sloterdijk einen Gedanken ausgeliehen haben könnte. Eine nette Verkehrung der Wirklichkeit. Aber weil Sloterdijk eine so große Nummer zu sein scheint, nennt Heinrichs gleich noch den Theaterregisseur Peter Stein sowie den Komponisten Karl-Heinz Stockhausen, die ja bekanntlich auch gerne längere Sachen machen.

Reigen der Lange-Sachen-Macher

Und weil das nicht reicht, sondern der Reigen der Lange-Sachen-Macher internationaler klingen muss, taucht – wir sind immer noch auf der ersten Seite – noch der Name John Cage auf. Und weil das immer noch nicht alle verstanden haben könnten, wird noch einmal – da haben wir gerade umgeblättert – ganz deutlich gesagt: Die Philosophie, für die Sloterdijk stehe, sei mit „keinem Wort besser und schlichter zu charakterisieren, als mit dem der Weite“. Und dann erfahren wir, dass Sloterdijk nicht nur ein großer und weiter, sondern auch ein unzeitgemäßer Denker ist, weil er, der Fernsehberühmte, in unserer medienverhangenen Zeit das Chatten und Zappen voll doof findet.

Ach ja, und „eine besonders feinfühlige, lustvolle und literarische Suche nach Helligkeit“ ist das Sloterdijksche Unternehmen auch noch. Es strebt in die „Höhe“, ist artistische Kunstfertigkeit“ und atmet „Universalität“... Heinrichs ist nicht mehr zu bremsen und hat gerade mal zwei Seiten geschrieben. Aber keine Sorge, in diesem Ton geht es immer so weiter. In philosophischer Hinsicht arbeitet Heinrichs dabei das Motiv des Geboren-werdens oder des Zur-Welt-kommens heraus, dessen „anthropologische Bedeutung“ erst Sloterdijk angemessen wahrgenommen habe, „trotz so prominenter Vorläufer wie Nietzsche, Otto Ranke, Heidegger und Hannah Arendt“.

Erhellend immerhin sind Heinrichs’ Ausführungen, als er auf das nach wie vor bestechende Erstlingswerk Sloterdijks zu sprechen kommt, „Die Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), die Heinrichs als den Versuch beschreibt, die Kritische Theorie aus ihrer negativistischen Erstarrung zu befreien. Doch zumeist kommt der Biograf über eine dicht an Sloterdijks verführerischen Begriffen angelehnte Paraphrase nicht hinaus, besonders deutlich etwa in den Ausführungen zu dessen durchaus inspirierender „Sphären“-Trilogie. Wie müssen wir denn nun diese Theorie des offenen Fließraums, des ich-erfüllten Klangraums, des gestimmten, auch pränatalen, mütterlich umschlossenen Resonanzraums denken?

Und auch da, wo Heinrichs zum Ende seines Buchs auf die Debatten zu sprechen kommt, die Sloterdijk ausgelöst hat, etwa die berühmte Elmauer Rede über die Menschenzucht oder seine Ausführungen zum kleptokratischen Staat („Die Revolution der gebenden Hand“), gelangt Heinrichs nicht über das bereits Gesagte hinaus. Da, wo Sloterdijk nach allen Anfechtungen immer noch erklärte, er habe einfach Recht, spricht es Heinrichs ihm ergeben nach. Kurzum, seine Biografie liest sich wie ein sehr langer Liebesbrief. Der Rezensent hofft inständig und bang, der so Angebetete möge darauf auch etwas Huldvolles erwidert haben.

Hans-Jürgen Heinrichs: Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens. Hanser Verlag 2011,376 S.,24,90 Euro.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  25 | 5 | 2011
Kommentare:  6
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