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Literatur

19. Januar 2015

Guantanamo: Wie er sich freut, die Sonne zu sehen

 Von 
Morgengebet in Camp IV, Guantanamo.  Foto: REUTERS

Das "Guantanamo Tagebuch" von Mohamedou Ould Slahis ist keines. Guantanamo ist kein Ort, an dem sich Tagebücher schreiben ließen. Es sind Aufzeichnungen, die er zu Papier bringen konnte, wenn er nicht gefoltert wurde.

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Ein Buch, das man nicht lesen kann. Ein Buch, das man immer wieder zur Seite legen muss, weil man so wütend wird und Zeile für Zeile die eigene Hilflosigkeit wachsen spürt. Die doch ganz und gar lächerlich sind im Vergleich zur Wut und zum Gefühl der Hilflosigkeit, die den Autor des Buches überwältigen müssten. Der aber ist merkwürdig ruhig. Keine Zeile schreit er hinaus. Er nimmt sich Zeit, wägt ab, ist genau. Er macht Witze. Er beobachtet seine Lage und wie er sich darin verhält.

Mohamedou Ould Slahi, geboren am 31. Dezember 1970 in Rosso, einem Dorf am Senegal-Fluss an der Südgrenze Mauretaniens, wird im Januar 2000 verhaftet. Er soll beim Millennium-Plot mitgemacht haben. So nannten die US-Geheimdienste drei terroristische Aktionen, die am 1. Januar des Jahres 2000 angeblich gemeinsam durchgeführt werden sollten: vier Orte in Jordanien sollten bombardiert werden, ebenso der Los Angeles International Airport und der US-Zerstörer The Sullivan. Die Anschläge in Jordanien und der auf den Flughafen von L.A. wurden von Polizeikräften verhindert. Der dritte scheiterte, weil das Boot, das den Sprenstoff an den Zerstörer bringen sollte, sank, bevor es explodierte.

Am 14. Februar 2000 wurde Mohamedou Ould Slahi, nachdem er mehrmals verhört worden war, aus der Haft entlassen. Es hatten sich keine Hinweise auf eine irgendwie geartete Mittäterschaft am Millennium-Plot finden lassen. Am 21. September wird er wieder verhaftet. Wieder Verdacht auf Millennium-Plot-Beteiligung. Am 15. Oktober wird er wieder entlassen. Beide Verhaftungen finden in Mauretanien statt, beide Male waren FBI-Beamte an den Untersuchungen und auch an den Verhören beteiligt. Kurz nach dieser zweiten Gefängnisentlassung Mohamedou Ould Slahis bittet ihn die Polizei, zu einer weiteren Befragung zu kommen.

Mohamedou Ould Slahi schrieb über Folter in den Momenten, in denen er nicht gefoltert wurde.  Foto: REUTERS

Er geht hin und ist seitdem ein Gefangener. Die CIA verschleppt ihn nach Jordanien, von dort nach Afghanistan. Seit Februar 2003 sitzt Mohamedou Ould Slahi in Guantanamo. Für die US-Behörden ist er einer der Drahtzieher von Al-Kaida. Nein, nicht für alle: Einer der mit der Anklage betrauten Staatsanwälte hat sich aus Mangel an verwertbaren Beweisen geweigert, die Anklage gegen ihn zu erheben. Von einem US-Bundesrichter wurde seine Freilassung aus dem Lager Guantanamo Bay angeordnet, diese ist aber nicht rechtskräftig und wurde nicht umgesetzt.

Mohamedou Ould Slahis gerade erschienene „Guantanamo Tagebuch“ ist keines. Guantanamo ist kein Ort, an dem sich Tagebücher schreiben ließen. Es sind Aufzeichnungen, die er zu Papier bringen konnte, wenn er nicht gefoltert wurde. Es sind Versuche zu beschreiben, wie gefoltert wird und wie Folter wirkt. Es werden keine Fingernägel herausgerissen. Es gibt keine Streckbänke oder eisernen Jungfrauen. Es langt, den Häftling stundenlang zu fixieren.

Zum Beispiel in einer gebeugten Haltung. Es genügt, ihn permanent unterkühlt, unterernährt zu halten, ihn durch vier Verhörteams tagelang, 24 Stunden lang, zu verhören. Schlafentzug ist ein ganz hervorragendes Mittel, Menschen zu zerstören. Wenn man ihn dazu noch anbrüllt, beschimpft, erniedrigt, wird er bald, nur um endlich Ruhe zu haben, alles gestehen. Hinzu kommen sexuelle Belästigungen. Beamtinnen, die ihre Blusen ablegen, sich an den Gefangenen schmiegen und ihm klarmachen, dass er es nicht mehr bringt.

Der Krieg gegen den Terror erzeugt Terroristen. Das wissen wir. Auf beiden Seiten. Das sehen wir hier. Mohamedou Ould Slahi sitzt immer noch in Guantanamo. Seine Folterer sind immer noch – wenn man das Wort anwenden möchte – frei.

Mohamedou Ould Slahi: Guantanamo Tagebuch. Hrsg. Larry Siems. Aus dem Englischen von S. Held. Tropen 2015, 459 S., 19,95 Euro.

Auch die deutschen Geheimdienstler, die ihn verhörten, während er, die Hände an die Füße gefesselt, vor ihnen auf dem Boden lag, sind noch nicht befragt, geschweige denn verhört worden.

Mohamedou Ould Slahi spricht Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Er ist Computerfachmann, hat in Mauretanien, in Deutschland und Kanada gelebt. Bald aber am längsten in einer Zelle in Guantanamo. Mohamedou Ould Slahi ist frei von Bitterkeit, trägt keine Wut in sich, nicht einmal Kälte. Er erzählt, wie er sich freute, auf dem Weg in und von den Verhören die Sonne zu sehen. Wie sie ihn tröstete, wie ihm der Glaube an seinen Gott aus der zerstörerischen Gewalt von Wut und Hass hilft.

Im Leser aber steigt die Wut. Er muss raus! Er muss mindestens einen ordentlichen Prozess kriegen. Das verdammte Guantanamo muss dicht gemacht werden. Sofort! Wie hilflos man ist! Nichts als Ausrufezeichen und keine Tat.

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