Literatur

29. September 2012

Günter Grass: Grass provoziert erneut mit Gedichten

 Von Matthias Hoenig, dpa
Günter Grass bleibt für Israel unbequem.  Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Zum 85. Geburtstag meldet sich Günter Grass literarisch zurück: Sein neuer Gedichtband „Eintagsfliegen“ enthält berührende Texte übers Altern und den Tod - und eine Liebeserklärung an Deutschland. Politisch provoziert und irritiert Grass - nicht nur zu Israel.

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Götingen –  

Bei „reichlich Rotwein und Käse“ gab einst Max Frisch sich und dem damals jungen Günter Grass einen Rat: „Bis ins Alter zornig zu bleiben und nicht - wie erwartet wird - im alles mildernden Abendlicht weise zu werden. Fortan folgte ich seinem Rat.“ Diese Lebenshaltung bekennt der deutsche Literaturnobelpreisträger in dem kurzen Gedicht „Guter Rat“.

Es ist eines von 87 berührenden, aber auch irritierenden und provozierenden Texten des neuen Lyrikbandes „Eintagsfliegen“, den Grass pünktlich zur Frankfurter Buchmesse und zu seinem bevorstehenden 85. Geburtstag (am 16. Oktober) vorlegt. Der Band kommt am Wochenende in den Buchhandel, er lag der Nachrichtenagentur dpa vorab vor.

Schon wieder Israel

Israel, schon wieder Israel, werden manche seufzen. Ein halbes Jahr, nachdem Grass der Atommacht vorhielt, den brüchigen Weltfrieden zu gefährden und auf ein Erstschlagrecht gegen Iran zu pochen, provoziert der Autor erneut mit einem Gedicht die Regierung in Tel Aviv. Als „Vorbild“ lobt er den israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu. Der wurde, weil er über das Atomforschungsprogramm Israels 1986 gezielt englische Medien informierte, zu 18 Jahren Haft verurteilt - nachdem ihn der israelische Geheimdienst Mossad nach Rom gelockt und von dort nach Israel entführt hatte.

„Nur solche Helden sind in einer Welt vonnöten, / die Frieden säuselt und Vernichtung plant“, dichtet Grass über Vanunu und ruft mehr oder minder zum militärischen Geheimnisverrat in aller Welt auf - auch in Kiel, wo U-Boote für Israel gebaut werden. Medienberichten zufolge sind sie atomwaffenfähig. Den Mossad nennt Grass nicht beim Namen, schreibt aber von einer „Gang“, „die ungehemmt selbst Mord nicht scheut“.

Irritierend wirkt die Parteinahme für Oskar Pastior. Jenen rumäniendeutschen Schriftsteller und Büchnerpreisträger, dessen Mitarbeit von 1961 bis 1968 für den berüchtigten rumänischen Geheimdienst Securitate erst 2010 bekanntwurde - vier Jahre nach dem Tod Pastiors.

In den Feuilletons wurde damals diskutiert, wie das Verhalten Pastiors zu bewerten sei. Manche, so jetzt auch Grass, sahen als Grund größte Angst vor erneuter Haft - und später Scham. Schließlich saß Pastior in stalinistischen Zeiten jahrelang in Lagern und hatte darüber heimlich Gedichte verfasst. Andere sprachen von Feigheit. Ob Pastior wegen eines Spitzelberichts Mitschuld am Freitod eines jungen Autors trug, ist ebenfalls umstritten.

Grass hat selber sein Päckchen zu tragen. Seine kurze SS-Zeit vor Kriegsende als 17-Jähriger verarbeitete er freiwillig, aber erst nach 60 Jahren in seinem autobiografischen Meisterwerk „Beim Häuten der Zwiebel“, was auch Mut verlangte. Manche Medien stürzten sich auf Grass, er sah Häme, Boshaftigkeit und Vernichtungswillen.

Den posthumen Kritikern Pastiors wirft Grass nun vor, über den früher Gelobten den Stab zu brechen und sich selbst als unfehlbar zu gerieren. „Beide gehören wir dem verruchten Jahrgang an“, beginnt Grass seinen „verspäteten Schutzbrief für Oskar Pastior“ - eine Deutung, dass sie beide Opfer ihrer Zeit waren. Das sehr einfühlsame und wahrhaftiges Mitgefühl ausstrahlende Gedicht endet damit, dass Grass Pastior in den Arm nimmt: „vielleicht gelingt es uns, sprachlos zu weinen.“

Die Bandbreite der politischen und persönlichen Lyrik reicht sehr viel weiter. Europa, Griechenland, der Verschleiß an Bundespräsidenten, die Beschwerden des Alters und der immer näher rückende Tode, die Sportschau am Samstag, der Verlust von Freunden und namentlich seines langjährigen Lektors Helmut Frielinghaus werden lyrisch aufgearbeitet - mal laut, mal leise, mal skurril, mal unter der Gürtellinie. Etwa wenn Grass das von der katholischen Kirche nicht mehr als schwere Sünde bewertete Onanieren aufspießt: „Selbst unser Papst darf schamlos nun tun / was er von früh an tat: Erlöst lächeln / sehen wir ihn, von Sünden und Ablaß befreit.“

Liebe zu seinem Land

„Trotz allem“, so ein Titel, liebt Grass Deutschland. Auch wenn er den Nationennamen meidet, stattdessen „mein Land“ schreibt. Dass sein Land, hochverschuldet, andere Länder zum Sparen zwingt, Waffen exportiert, sozial auseinanderdriftet, ist ihm Ärgernis. In der letzten Strophe bringt Grass noch einmal sein Selbstverständnis als kritischer Bürger zum Ausdruck, der für Demokratie kämpft und schonungslos Missstände anprangert: „Meiner Liebe gewisses Land / dem ich verhaftet bin / notfalls als Splitter im Auge.“

Es wäre unter Wert, wenn Kontroversen über einige politische Gedichte die stilistische und thematische Fülle der „Eintagsfliegen“ übertönen. Leise Sprachgewalt findet wortgenau ihren beklemmenden Ausdruck, etwa in „Unterwegs im November“ oder „Stiller Abschied“. Das letztgenannte Gedicht liest sich wie eine Mahnung vor Euthanasie, die als human und kostengünstig verkauft würde: „Kurz vor dem letzten Pieks / dürfen uns anvertraute Senioren / die Muster geblümter Säcke wählen.“ Gemeint ist der eigene Leichensack. Es gibt aber nicht nur Moll-Töne. „Was Freude bringt“: „Kastanien / die im Oktober / feucht in der Hand liegen“ (...) „Frühtau / der im August / das Netzwerk der Spinnen versilbert.“

Farbensatt hat Grass jedes Gedicht des schönen Leinenbandes illustriert, mit eigenen aquarellierten Federzeichnungen von Eintagsfliegen. Der Untertitel „Gelegentliche Gedichte“ deutet den Schaffensprozess an, macht aber auch eine Schwäche offensichtlich. Der Leser erliest sich ein Wechselbad der Gefühle, ein Panoptikum vom Politischen bis zum ganz Persönlichen - anders als in den früheren thematischen Lyrikbänden „Letzte Tänze“ oder „Dummer August“. So dürfte jeder Leser seine eigenen Favoriten oder auch Ärgernisse finden. Langweilig aber ist die Lektüre nie.

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