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Literatur

13. Dezember 2012

Hans Christian Andersen: Erstes Andersen-Märchen entdeckt

 Von Hannes Gamillscheg
Märchenbuch von Hans Christian Andersen.Foto: dapd

Der verloren geglaubte erste Text des dänischen Märchenerzählers Hans Christian Andersen, „Das Talglicht“, ist durch Zufall im dänischen Nationalarchiv aufgetaucht.

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Kopenhagen –  

„Es siedete und brauste, das Feuer flammte unter dem Topf, das war die Wiege des Talglichts“. So klingt der erste Satz des vermutlich ersten Märchens, das Hans Christian Andersen je geschrieben hat. Jetzt, rund 190 Jahre nach dessen Entstehen, entdeckte ein Lokalhistoriker das Erstlingswerk des dänischen Dichters, der später mit Erzählungen vom „Hässlichen Entlein“ und der „Kleinen Meerjungfrau“, von der „Nachtigall“ und dem „Schweinehirten“, von der „Prinzessin auf der Erbse“, „des Kaisers neuen Kleidern“ und vielen anderen Weltruhm erlangte. Das Schreibheft mit dem kurzen Prosastück lag ganz unten in einer 15 kg schweren Kiste im Landesarchiv in Odense, wo der berühmteste aller Dänen im Jahr 1805 zur Welt kam.

Als „sensationell“ stuft der Andersen-Forscher Ejnar Askgaard den Fund ein: Zeige er doch, dass sich der Dichter schon in Jugendjahren mit Märchen beschäftigte, noch ehe er mit Gedichten und Theaterstücken seine Schriftstellerkarriere begann.

Den ersten Märchenband, der Klassiker wie „Das Feuerzeug" und „Der kleine Klaus und der große Klaus" enthielt, veröffentlichte er erst 1835. Das nun entdeckte „Talglicht“ ist wesentlich früher entstanden, vermutlich anfangs der Zwanzigerjahre des 19. Jahrhunderts, als Andersen noch zur Lateinschule ging. Es ist, unterstreichen die Experten, ein Jugendtext, noch nicht auf dem Niveau der reiferen und formvollendeten Märchen, die ihn, in rund 120 Sprachen übersetzt, weltweit berühmt machten.

Literaturhistorisch interessant

Und doch ist der neue Fund ein echter Andersen: Es ist die Geschichte einer aus Gänsetalg gezogenen Kerze, geschaffen, um Licht zu verbreiten, dann von schwarzen Fingern begrapscht, zur Unkenntlichkeit beschmutzt und an ihrem Schicksal zweifelnd – bis sie durch die Verbindung mit einem Feuerzeug ihre Berufung erkennt und ihre Umgebung erhellt.

Märchen, in denen tote Gegenstände wie lebende Wesen auftreten und menschliche Eigenschaften ausweisen, zählen zu Andersens Kennzeichen. Und das Thema des verkannten Genies, das erst nach langer Mühsal seiner Bestimmung zugeführt wird, bearbeitete er in vielen seiner Märchen. Offensichtlich beschäftigte es auch schon den Jungdichter. „Und das Talglicht hatte seinen rechten Platz im Leben gefunden und gezeigt, dass es ein wahres Licht war, und es leuchtete lange zur Freude für sich und seine Mitgeschöpfe.“

Andersen, der mit 14 Jahren allein von Odense nach Kopenhagen gezogen war, widmete das Märchen der Pfarrerswitwe Madam Bunkeflod, die er als Kind häufig besuchte, ihr vorlas und deren Bücher er borgte. „Das war ein Dankbarkeitsbeweis an eine Frau, deren Heim überaus große Bedeutung für ihn hatte“, deutet Askgaard die Widmung des „ergebenen H.C. Andersen“.

Irgendjemand aus dem Umkreis der Witwe muss den Text dann an die Familie Plum, eine andere Pfarrersfamilie in Odense, weitergegeben haben. In einer Archivkiste mit der Aufschrift „Geschlecht Plum“ entdeckte jedenfalls der Historiker Esben Brage, der Sippenforschung betrieb, rein zufällig das Prunkstück in einer Mappe. „Ich sah den Namen H.C. Andersen und dachte: Hoppla, das ist etwas Besonderes“, sagte er der dänischen Tageszeitung Politiken, die am Donnerstag ihre gesamte Titelseite dem sensationellen Fund widmete.

Letzter Fund vor 90 Jahren

Brage alarmierte den Archivverwalter, der zog Dänemarks führende Andersen-Experten bei, und die Fachleute bekräftigen „mit großer Wahrscheinlichkeit“, dass der Text aus der Feder des später so berühmten Dichters stammt. „Literaturhistorisch ist das höchst interessant“, meint der Forschungsbibliothekar Bruno Svindborg.

Gelegenheitsgedichte, die Andersen aus besonderen Anlässen für seine Gönner schrieb, tauchen immer wieder in Nachlässen auf. Doch es ist nahezu 90 Jahre her, dass man letztmals einen unbekannten wesentlichen Text in einem Archiv fand. Damals tauchte das kurz vor Andersens Tod 1875 verfasste Erinnerungswerk „Ein Lebensbuch“ in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen auf.

Diesmal ist es ein Text des Debütanten, der die Forscher entzückt. „Den ersten Versuch des Märchendichters zu lesen, war wie ein Rausch, ein enormes Erlebnis“, sagt Ejnar Askgaard – auch wenn der Dichter stilistisch noch einiges zu lernen hatte. „Die Sprache ähnelt den Aufsätzen, die Schüler Andersen in der Lateinschule verfasste“, urteilt der Forscher.

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