Am 11. November 2009 wird Hans Magnus Enzensberger achtzig Jahre alt. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach feierte man seinen Geburtstag schon jetzt mit einem dreitägigen Symposion. Man sei mit dieser Hommage an den Dichter zu früh dran, gab der Lyriker und Literaturwissenschaftler Dirk von Petersdorff zu, der die Tagung organisiert hatte. Aber das passe nicht schlecht zu einem wie Enzensberger, der immer früher als andere die neuesten Tendenzen des Zeitgeists gewittert habe.
Das Festritual in Marbach gehorchte einer Dramaturgie, die man von Wahlparteitagen in den USA kennt. Während Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sein Werk analysierten, hielt sich der Jubilar in den Kulissen der Marbacher Schillerhöhe verborgen, ehe er dann auf dem Höhepunkt der Tagung höchstpersönlich die Bühne betrat und sich zu seinem Leben befragen ließ. Enzensberger hätte die auf dem Symposion vorgetragenen Einschätzungen seines Lebenswerks freilich nicht fürchten müssen, denn was da über den Abwesenden gesagt wurde, war ziemlich schmeichelhaft und entsprach durchaus dem Selbstbild, das der Dichter von sich kultiviert.
Die Tagung trug den Titel "Hans Magnus Enzensberger und die Ideengeschichte der Bundesrepublik", womit die These vorgegeben war, dass der Dichter und Publizist seit Mitte der fünfziger Jahre maßgeblich zur intellektuellen Geschichte der zweiten deutschen Republik beigetragen habe. Er sei der Jürgen Habermas der deutschen Lyrik, lautete eine der griffigen Formeln, die in Marbach die Runde machten. Auch Bezüge zu anderen Angehörigen seiner Alterskohorte, die man die Flakhelfergeneration genannt hat, wurden hergestellt, und dazu passt gut, dass 2009 mit den achtzigsten Geburtstagen von Dahrendorf, Habermas und eben Enzensberger auch der sechzigste Geburtstag der Bundesrepublik gefeiert wird. Eine jüngere Generation von Wissenschaftlern, die anders als die einstigen Flakhelfer ihre prägenden Erfahrungen unter den Bedingungen einer liberalen Demokratie gemacht hat, schickte sich auf dem Symposion an, mit wohlwollender Distanz die Leistungen wie die Irrtümer der intellektuellen Gründerväter der deutschen Nachkriegsdemokratie zu begutachten.
Die These, Enzensbergers Leben und Werk sei repräsentativ für die Ideengeschichte der Bundesrepublik, ist nicht neu; Jörg Lau hat sie schon in seinem 1999 erschienenen Buch "Hans Magnus Enzensberger - Ein öffentliches Leben" vorgetragen. Lau selbst hatte zwar wegen der Arbeit an einem anderen Buchprojekt die Teilnahme am Symposion absagen müssen, seine Diagnosen haben sich aber als so haltbar erwiesen, dass sich die Diskussion in Marbach im Wesentlichen in den von ihm vorgezeichneten Bahnen bewegte. Dabei ist es gar nicht einfach, all die Terrains zu überblicken, auf denen sich Enzensberger getummelt hat: Er ist als Lyriker aufgetreten, hat sich als politischer Publizist, Medientheoretiker, Kulturkritiker, Gesellschaftsanalytiker, Literaturkritiker, Zeitschriftengründer und Buchherausgeber einen Namen gemacht, und sein erfolgreichstes Buch, "Der Zahlenteufel", will Kindern die Angst vor der Mathematik nehmen.
Die dominierende Lesart von Enzensbergers intellektueller Biografie lautete lange Zeit: Er habe in den fünfziger Jahren als "zorniger junger Mann" (so sein Mentor Alfred Andersch) die literarische Szene betreten, sich als linker Kultur- und Gesellschaftskritiker profiliert und dann 1968 eine maßgebliche Rolle in der Studentenrevolte gespielt. Sein Aufenthalt in Kuba 1968/69 habe dann zu einer Ernüchterung und zu einem langsamen Abschied von allen linken Utopien geführt, so dass sich Enzensberger schließlich mit dem Mittelmaß der bundesrepublikanischen Gesellschaft versöhnt habe. Die einen betrachten ihn seither als Verräter, die anderen meinen ihn als Neokonservativen vereinnahmen zu können. Schon Lau versuchte zu zeigen, dass diese Lesart nicht stimmt, dass vielmehr Enzensbergers Werk immer schon von einer skeptischen, antidogmatischen Einstellung grundiert war, der gegenüber sein Engagement 1968 eher wie ein Ausrutscher erscheint. Die meisten Vorträge auf dem Marbacher Symposion unterstützten diese Neubewertung. Vom "Libero" Enzensberger war da die Rede, der etwa 1966 Peter Weiss entgegenhielt: "Die moralische Aufrüstung von links kann mir gestohlen bleiben. Ich bin kein Idealist. Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit".
Enzensberger, so der Tenor, sei ein Postmoderner gewesen, längst ehe dieser Begriff Karriere machte. Man habe fälschlicherweise zuviel Eindeutigkeit in seine frühe Lyrik hineingelesen, urteilte der Freiburger Philosophiehistoriker Andreas Urs Sommer, in Wahrheit habe sich der Dichter längst vor seinem "Lob der Inkonsequenz" durch einen "Verzicht auf geistige Sesshaftigkeit" ausgezeichnet, sei allen Festlegungen ausgewichen und habe den Zickzackkurs dem gerade Weg vorgezogen. Jens Hacke vom Hamburger Institut für Sozialforschung rückte Enzensberger gar in die Nähe von Odo Marquards "Abschied vom Prinzipiellen". Nur sein Kollege Wolfgang Kraushaar misstraute der Selbststilisierung des Dichters zum abgeklärten Ironiker und vermutete in seinem Schweigen über seine Rolle 1968 eine nie ganz verheilte Wunde.