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Literatur

15. Februar 2016

Hans Peter Duerr „Die dunkle Nacht der Seele“: Reise mit Wiederkehr

 Von Otto A. Böhmer
Der alte Fährmann Charon, der Welt und Unterwelt verbindet. Illustration von Gustave Doré zu Dantes „Göttlicher Komödie“.  Foto: imago/Leemage

„Die dunkle Nacht der Seele“: Der Philosoph Hans Peter Duerr legt ein faszinierendes Buch über Nahtod-Erfahrungen vor, in dem er Stimmen aus zwei Jahrtausenden versammelt.

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Die Seele, eine altehrwürdige Idee mit Geheimnisträgerstatus, wird heute (u.a.) von Psychologen und Psychotherapeuten betreut, die nicht immer im allerbesten Ruf stehen, weshalb auch noch immer der Begriff „Seelenklempner“ in Umlauf ist, von dem wir uns ausdrücklich distanzieren. Von der Wertschätzung, die der Seele in früheren Zeiten zuteil wurde, ist im zeitgenössischen Psychobetrieb nicht viel übrig geblieben.

Allerdings gibt es auch andere Tendenzen. Der britische Neurophysiologe und Nobelpreisträger John C. Eccles kam nach Sichtung seiner Forschungsergebnisse zu einem bemerkenswerten Ergebnis: „Jede Seele ist eine neue göttliche Schöpfung, die irgendwann zwischen der Empfängnis und der Geburt dem heranwachsenden Fötus ‚eingepflanzt‘ wird. Es ist die Gewissheit des inneren Kerns der einmaligen Individualität, welche die göttliche Schöpfung notwendig macht. Ich behaupte, dass keine andere Erklärung haltbar ist, weder die von der genetischen Einmaligkeit mit ihrer phantastisch unwahrscheinlichen Lotterie, noch die der umweltbedingten Differenzierungen, die die Einmaligkeit nicht determinieren, sondern lediglich modifizieren ... .“

Wie also halten wir es heute mit der Seele? Als Begriff ist sie eher randständig geworden, macht aber in ihrer zeitgemäßen Variante, der Psyche, noch sehr wohl auf sich aufmerksam und muss es sich sogar gefallen lassen, dass man in ihrem Namen gern unaufgefordert und ausgiebig „psychologisiert“. Unsere Lebensverhältnisse sind entsprechend: Sie lassen es zu, dass der Einzelne, der machtpolitisch nicht viel gilt, eine Selbstinszenierung betreibt, für die ein tragfähiger Resonanzboden fehlt: Scheinwirklichkeiten sind die Folge, die Gesellschaft wird, ohne es wahrhaben zu wollen, an entscheidenden Schnittstellen „seelenlos“.

Für die Seele gilt ein variabel handhabbarer Satz des Schriftstellers Robert Walser, der sich ein Leben lang zu wachsamer Naivität anhielt: „Was nicht anwesend ist“, schrieb er, „ist es manchmal dadurch gerade sehr.“ Die Seele ist anwesend, auch wenn sie durch Abwesenheit glänzt, was unter anderem bedeutet, dass sich ein jeder sein eigenes Bild von ihr machen darf.

Die Seele als individuell ausgestatteter irdischer Wohnraum, der dem Menschen einen Not- und Willkommensausgang ins Jenseits belässt – dieser Aspekt kehrt in den meisten Vorstellungen von der Seele wieder. Diesseits leistet sie Seelenarbeit, die man sich keineswegs wie eine nicht enden wollende Mühsal vorstellen muss, sondern als Spiel ohne Grenzen, das auf alles setzt, was uns lieb und teuer ist.

Am Ende kommen wir, möglicherweise, wieder dahin, wo schon Augustinus war und sich staunend umgesehen hat. „Ich, die Seele“, schrieb er und meinte damit jene wunderbare Gewissheit, die den Menschen erfüllt, wenn er seiner selbst gewahr wird und sich einer Welt gegenübersieht, die seinem Empfinden, in unendlich reicher und vielfältiger Spiegelung, entspricht. Der Dichter Joseph von Eichendorff hat darüber eines seiner schönsten Gedichte geschrieben, „Mondnacht“: „Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“

Wo aber fliegt sie hin, die Seele, wenn sie denn fliegt? Der Mensch, der viel weiß, das Wesentliche aber, zu seinem wiederkehrenden Missvergnügen, noch immer vorenthalten bekommt, hat sich darüber Gedanken gemacht. Ja, mehr als das, er ist sogar, unfreiwillig zumeist, auf Reisen gegangen und seiner Seele nachgestiegen, die ihm auf einmal entwendet zu werden drohte.

Von „Jenseitsreisen“ und „Nahtod-Erfahrungen“ berichtet der Philosoph und Ethnologe Hans Peter Duerr in seinem beeindruckenden Buch „Die dunkle Nacht der Seele“, das Stimmen und Materialien aus zwei Jahrtausenden versammelt. Wer den Tod vor Augen hatte und ins Leben zurückbeordert wird, hat Mühe, seine Erfahrungen in Worte zu fassen. Von Licht ist dann oft die Rede, das groß und glanzvoll, tröstlich und weit hinreichend ist, manchmal aber auch nur bescheiden anmutet; dann sieht man kaum mehr als das vielzitierte Licht am Ende des Tunnels.

Dabei muss man, um vom nahen Tod als Anhalter mitgenommen zu werden, nicht tot sein: „Bisweilen können die Forscher … überhaupt keine Ursache der ‚Nahtod-Erfahrungen‘ ausmachen, doch deutet insgesamt alles darauf hin, dass extreme Erregungszustände“ oder „ihre weitgehende Abwesenheit (z.B. bei Entspannung und Meditation) oder ein hoher Grad von Erregung (z.B. bei Todesangst) … Auslöser solcher Erlebnisse sind.“

Duerrs eigenes visionäre Erlebnis

Der Autor weiß, wovon er spricht; der Ausgangspunkt seines Buches ist ein visionäres Erlebnis, das sich weder als Tagtraum noch als assoziative, von Stimulantien beschleunigte Bewusstseinserweiterung begreifen lässt, obwohl Raum und Zeit mühelos überwunden werden: „Mit großer Sicherheit kann ich sagen, dass ich“ dabei „nicht eingeschlafen war, noch dass ich währenddessen schlief, und dementsprechend war es ganz und gar nicht traumartig oder traumähnlich: ‚Die ganze Situation‘, so notierte ich noch am selben Abend in mein Tagebuch, ‚war … zu wirklich, um wirklich zu sein.‘ Aber noch weniger Ähnlichkeit hatte das, was mir widerfahren war, mit all dem, was ich gegen Ende der sechziger und in den siebziger Jahren unter dem Einfluss von sogenannten ‚halluzinogenen Drogen‘ erlebt habe.“

Das Buch

Hans Peter Duerr: Die dunkle Nacht der Seele. Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen. Suhrkamp, Berlin 2015, 688 Seiten, 29,95 Euro.

Für Jenseitsreisen muss man, ob man es sich nun eingesteht oder nicht, empfänglich sein, „weshalb es wohl eher unwahrscheinlich ist, dass ein Intellektueller, der ‚Seelenreisende‘ von vornherein für ausgekochte Gauner, Lügner und Wichtigtuer hält, selber jemals eine solche Erfahrung macht“.

Wer unbeschadet zurückfindet, wird nicht selten religiös, sofern er es nicht schon vorher war; zwingend ist aber auch das nicht: „(…) ich bin überzeugt davon, dass meine allgemeine Weltanschauung ausschlaggebend dafür war, dass meine eigene ‚Reise‘ durch den Tunnel mich nicht in einen jenseitigen Garten Eden, sondern auf die nordamerikanische Prärie geführt hat, wo mir leider – oder Gott sei Dank – keine Botschaft verkündet wurde, die ich an die Menschheit weiterleiten sollte.“

Duerr erzählt von Nahtod-Erfahrungen, die sich so oder anders und vielleicht auch gar nicht zugetragen haben, im Stile eines Reiseschriftstellers, der sich eine wohltuende Skepsis bewahrt hat. Sie macht sein opulentes Buch lesenswert, ja sorgt für einen Tonfall, der dazu verhilft, auch die letzten Dinge erfreulich nüchtern zu sehen: „Einmal abgesehen davon, dass es kein Erlebnis geben kann, das uns ein ewiges Leben beweist, bleibt natürlich die Frage, ob ein solches Leben ohne Ende überhaupt wünschenswert wäre“ oder uns nicht eher „eine unendliche Langeweile bescherte (…) Dem entspricht unser altes Sprichwort: Der Optimist glaubt, dass die Menschheit eines Tages den Tod besiegen wird: Und der Pessimist befürchtet, dass ihr dies tatsächlich gelingen könnte.“

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