Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Literatur

07. Januar 2013

Hans Ulrich Gumbrecht: "Wirklich verantwortlich bin ich dafür nicht"

 Von Lutz Lichtenberger
Hans Ulrich Gumbrecht. Foto: Suhrkamp Verlag

Ein Missverständnis: Hans Ulrich Gumbrecht - der von sich sagt, er sei „von der deutschen Geschichte kontaminiert“ - will mitteilen, dass seine Zeit zu Ende ist.

Drucken per Mail

Ein Missverständnis: Hans Ulrich Gumbrecht - der von sich sagt, er sei „von der deutschen Geschichte kontaminiert“ - will mitteilen, dass seine Zeit zu Ende ist.

Hans Ulrich Gumbrecht ist zwar Professor an der Stanford University in Kalifornien und, wie der gebürtige Würzburger nicht eben selten mitteilt, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, aber auch er gehört einer Generation an, die unter der deutschen Geschichte leidet. Oder zumindest litt. In den über sechseinhalb Jahrzehnten nach 1945 habe man gewartet und gehofft, „endlich dem langen Schatten einer Stimmung zu entfliehen“, die diese Generation jedoch niemals zu identifizieren in der Lage gewesen sei. Das „Generationsgefühl“ der „Erlösung“ sei „nie erfüllt“ worden.

Gumbrecht fragt sich, ob „es je möglich sein wird, einen Schlussstrich zu ziehen“ – nein, nicht unter die deutsche Geschichte überhaupt, sondern nur einen, „der uns endgültig von der Latenz nach dem Zweiten Weltkrieg trennt“.

Der lange Schatten der Geschichte

Gumbrecht begibt sich auf die Suche dieser „Latenz als Ursprung der Gegenwart“ nach 1945, der „eigenartigen Präsenz einer Vergangenheit“, die nicht aufgehört haben soll. Aber zu genau sollte man es damit nicht nehmen. Zwar „müsste jeder Versuch einer Lösung damit beginnen“, herauszufinden, was dieses „Etwas“ der Vergangenheit sein könnte, das „sie zum Teil unserer Gegenwart“ werden ließ. Aber eine solche „Lösung“ will der Verfasser in seinem Buch nicht anbieten.
Das muss nicht schaden. Man kann sich der Sache auch annähern. Versuchen wir es. Gumbrecht bietet an, statt Latenz auch einfach von Stimmungen zu sprechen. Die Erinnerung an Stimmungen „kann uns die retrospektive Gewissheit geben, dass etwas Vernachlässigtes, Übersehenes, manchmal sogar Verlorenes eine entscheidende Wirkung auf das Leben eines historischen Zeitpunkts gehabt hat“.

Hans Ulrich Gumbrecht: Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart. Aus dem Englischen von Frank Born. Suhrkamp, Berlin 2012. 355 S., 24,95 Euro.

Vor der retrospektiven Gewissheit kommt dann aber erst eine endlose Abfolge von Zusammenfassungen von Filmen, Büchern, Gedichten und Theaterstücken, Pier Paolo Pasolini, Jean-Paul Sartre, Gottfried Benn, Samuel Beckett. Da geht es kreuz und quer durcheinander, folgen auf den Sexualbericht von Charles Kinsey erst der Staatsrechtler Carl Schmitt, dann „Don Camillo und Peppone“ und schließlich Marilyn Monroe.

Man könnte den Kern dieser Kapitel auch so zusammenfassen: Der Mensch verdrängt dies und das, lebt nie so ganz mit sich in Übereinstimmung und lügt sich seine Wirklichkeit mitunter so zurecht, dass er dennoch mit sich und der Welt weiterleben kann.
Man kann es aber auch so formulieren: „In vielfältigen Erfahrungsweisen offenbarte sich die Welt in den Nachkriegsjahren nicht nur als ein Raum, der weder eine Position von außen, noch tiefe und verbindliche Einsichten über ihre Realität zuließ.“ Die wissenschaftlichen Hoffnungen der 50er-Jahre, die Sache doch noch zu durchschauen, seien zerfallen. In der Gegenwart jener Jahre kann Gumbrecht „keine Position ausmachen, die sich der ganzen Komplexität der vielen sich überschneidenden Dynamiken und Entwicklungen“ gestellt und sie zusammenzubringen versucht hätte.

Beliebige und banale Antworten

Damit keine Missverständnisse entstehen – wem diese Überlegungen nicht allzu aufregend erscheinen, der sei beruhigt. Mir ging es nicht anders. Gumbrecht fragt sich kurz vor Schluss selbst nach den Gründen für all die Wahrnehmungsveränderungen nach 1945 und gesteht, es fielen ihm nur Antworten ein, „die derartig abstrakt und allgemein sind, dass sie beliebig und banal wirken“.

Nun will Gumbrecht in seinem Buch ja auch persönlich berichten, eine intellektuelle Autobiografie im Spiegel der Zeitgeschichte vorlegen: „Meine Geschichte mit der Zeit“.
Er habe ein „persönliches Problem“, er sei „von der deutschen Geschichte kontaminiert“, und diese Kontamination habe sich auch noch verdoppelt aufgrund der Gewissheit, „dass die deutsche Gesellschaft und der deutsche Staat ihre spezifische historische Bürde nie würden überwinden können.“

Die graue Wolke des Sinns

Dann wird 1978 jedoch sein erster Sohn geboren, Gumbrecht kommt aus dem Krankenhaus und stellt nach kurzem Schlaf fest, „dass sich etwas Grundlegendes in meinem Leben für immer verändert hatte. Zuerst wusste ich nicht, was das war“. Es fällt ihm dann aber doch ein. Die Antwort lautet: Das Jahr 2000, das bisher nur eine „graue Wolke“ gewesen sei, habe jetzt plötzlich eine Bedeutung für ihn bekommen. Schließlich – wir kürzen nur unwesentlich – wird Gumbrecht Amerikaner und kann am 24. Oktober 2011 um 17.26 Uhr in seinem Büro in Kalifornien glücklich feststellen, dass seine „Geschichte mit der Zeit endet“.

Damit könnte man das konzeptionell und stilistisch missratene Buch auch gleich wieder vergessen. Eine Sache ist dann aber noch interessant. Unter dem Titel „Coda: Zur Form des Buches“ hat Gumbrecht noch ein zusätzliches Kapitel hinzufügt, in dem er aufzählt, wer alles sein Buch schon vorab gelesen hat – oder nicht. Nach der genauen Dokumentation der eingesammelten Lobesworte und der Schelte für Nichtlektüre („Amir Eshel schrieb höflich nicht zurück.“, „Melanie Möller, so glaube ich, und Xavi Pla zogen andere Projekte vor.“) kommen auch noch die Kritiker zu Wort. Agnès Gayraud hielt die meisten Kapitel für unvollendet, Frank Guan hat kein Anliegen entdecken können, und Romnel Navas „zeigte mir seine Freundschaft, indem er mich wissen ließ, warum er den Text nicht mochte“. Sehr nahe an retrospektiver Gewissheit könnte man sagen, die drei könnten da nicht nur latent schon früh auf der richtigen Fährte gewesen sein.

Und nur, damit auch wirklich keine Missverständnisse verbleiben, sei auch noch dieser Hinweis Hans Ulrich Gumbrechts an die aufgelisteten Erstleser festgehalten: „Ich danken ihnen allen so herzlich, dass sich wohl von selbst versteht, wie sehr für alle Unzulänglichkeiten auf den vorangegangenen Seiten nicht allein ich verantwortlich bin.“

Jetzt kommentieren

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Deutscher Buchpreis - Shortlist
Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur