"Wärst du nicht gestorben, würde ich noch immer zu Tode erschrocken in einer Lache aus Blut, Kotze und Vaginalsekreten meines Elternteils liegen." Klar, da steckt ein Trauma, das irgendwie mit Miftis Phantasien von Hautabziehen und Liderwegätzen zusammenhängt. Am Ende schreibt die Mama eine Mail: "Du bist Abschaum, Schatz, du bist die Krätze..."
In Berlin wohnt sie mit ihren beiden älteren Geschwistern. Die Schwester ist eine "durchtriebene Marketing-Bitch". Den kiffenden Bruder liebt sie heftig dafür, dass sie sich vorstellt, wie er vor einem Supermarktregal stand und ein Kartoffelbrot gekauft hat, das Knolli heißt. Sie schreibt ihm das um 0 Uhr 12 als SMS. Die Geschwister-WG besteht ansonsten aus Matratzen, Drogen und einer Haushälterin. Der Kühlschrank ist so leer wie Diskussion voll, wenn man gemeinsam in der Badwanne hockt: Voll mit Anmaßung und Wut, mit Foucault und kategorischen Urteilen über alte und neueste Popmusik, Chanel und Trend. Das nervt und sitzt zugleich.
Ansonsten treibt Mifti durch die Berliner Clubs. Ihr Tag ist die Nacht, ihr Licht die Droge. Sie hat eine merkwürdige Beziehung zu einer 46jährigen Heroinabhängigen, irgendwann verliebt sie sich in Alice und am Ende hat sie so etwas wie eine Erleuchtung.
Die Welt, durch die Mifti zugleich surft und stolpert, ist die sogenannte Berliner Bohème. Hier weiß man Miftis psychotischen Zustand im allgemeinen zu schätzen. Zwischen absoluter Toleranz und noch größerer Indifferenz ersäuft das Mädchen dazwischen in seinem durchreflektierten Irrsinn.
Und genau da liegt dann Hegemanns Stärke. Da rattert es kluge, authentische und rasante Sätze. Bang, macht es. Und wieder hat den Leser ein Blitz von hellem Jetzt getroffen. Sätze, die durch das trübe Tröpfeln der Gegenwart wie ein Sturzbach herabrauschen. So beginnt´s: "O.k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen des angstgequälten Schlafes, mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer und all diese Einbrecherstimmen aus dem Hinterhof, die unausgesetzt meinen Namen schreien."
Höhepunkt ist eine Hochzeitsfeier, auf der die völlig fertige Mifti mit einem Axolotl auftaucht, ein Lurch, der sein Leben lang im Larvenstadium bleibt. (Sie schriebe wie ein "Roadkill" erklärt Miftis Bruder später, "ein angefahrenes Tier".) Zwischen Freiheit und Erleuchtung, Schutzbedürfnis und Liebe, stehen dann da auch ganz einfache Sätze: "Irgendwie kriege ich es trotz allem hin, die rudimentärste an Partybesucher gestellte Anforderung zu erfüllen: Wenn schon nicht cool, dann wenigstens unauffällig sein."
Und irgendwann heißt es: "Ich traue mich nicht, an morgen zu denken, ich traue mich eigentlich überhaupt nicht, zu denken." Wir haben uns bei Hegemann und Schlingensief schon immer gefragt, wie ein Kopf dieses hitzige Denken aushalten kann. Jetzt gibt die Tochter die Antwort. Mifti ist dauernd unter Drogen, um dergestalt betäubt ihren Kopf wenigstens halbwegs im Zaum zu halten.
Ach ja, und noch eins: Das ist kein Generationsroman. Die Frau steht für sich.