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Literatur

02. Februar 2010

Hegemanns "Axolotl Roadkill": Ein Fall finsterster Romantik

 Von Peter Michalzik
Fühlt sich genau wie 17 Jahre alt: Helene Hegemann schrieb mit 14 Jahren ein Drebuch, verfilmte es mit 15 und präsentierte den Film "Torpedo" mit 16 Jahren. Nun hat sie einen Roman geschrieben.  Foto: ddp

Wir wissen, dass Helene Hegemann keine Lust hat, sich von der Hauptfigur in "Axolotl Roadkill" zu distanzieren. Dies ist kein Generationsroman. Hegemann steht für sich. Von Peter Michalzik

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Das Aufregende an neuen, guten Büchern ist, dass man die Gegenwart mit einem Mal deutlicher und intensiver wahrzunehmen meint. Es zeigt sich ein Ton oder eine Facette, die man vorher einfach nicht gespürt hatte. Sie werden dann im besten Fall Teil des eigenen Lebens. Am stärksten ist das so bei guten Debüts. Und schon lange gab es keinen Erstling mehr, wo dieser Effekt stärker war als bei Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill".

Sie kippt uns eine ganze Wagenladung brennender Intensität vor die Füße, eine großer Haufen von dem, was man gleichermaßen als ihr Innerstes oder das Rauschen der Gegenwart verstehen kann. Wir wussten, dass es schwierig ist, erwachsen zu werden, aber wir wussten trotz der vielen Bücher darüber nicht, wie hartnäckig welterschütternd man dabei um sich selbst kämpfen kann. Und wir wussten nicht, wie finster und aussichtslos sich der Kampf, den da jemand ficht, in seinem Inneren anfühlt.

Jedes neue, richtig gute Debüt lässt sich nur schwer einordnen. Diese Bücher scheinen zu flirren, die Worte und Sätze überkreuzen sich, so dass im Kopf ein Brummen entsteht, und gerade das macht sie aus. "Axolotl Roadkill" erzeugt dieses Brummen. Es ist ein eigener Sound, wo Sensibilität und Selbstbehauptung miteinander kämpfen, wo kreischende Grenzverletzung und schweigender Rückzug nebeneinander existieren.

Aber natürlich bewegen sich auch diese 200 Seiten, die weder ein Roman sind (wie das Buch behauptet) noch Tagebuchskizzen (wie die Rezensenten behaupten) in Traditionsbahnen. Es ist ein Coming-of-Age-Buch, klar, und gehört damit in eine Reihe, die vom "Fänger im Roggen" bis zu "Faserland" reicht. (Man kann das auch Entwicklungsroman nennen und die Reihe dann noch viel weiter zurückdatieren.) Es ist auch ein Fall finsterster Romantik, wo die Verliebtheit in die erträumte Poesie des Lebens allerschwärzeste Gedanken produziert, Satanismus ohne Teufel, Bataille, Lautréamont. Es ist ein marketingmäßig durchkalkuliertes Skandalbekenntnis wie die "Feuchtgebiete". Erstaunlich, dass einem das hier nicht auf die Nerven geht, sondern zur Qualität, zur Gegenwärtigkeit des Buches gehört.

Und es sind Seiten, die aus der Sprachwelt von Carl Hegemann, und Christoph Schlingensief hervorwachsen. Helene Hegemamm spricht nicht nur mit dem rauschenden Gedankentempo, das ihren Vater Carl zum schnellsten Dramaturgen und Denker Berlins und Leipzigs macht, sie spricht auch, wie wenn sie die Tochter von Christoph Schlingensief wäre: reaktionsschnelle, sperrangelweit offene, kämpferische, halluzinogene Ultrasensibilität. Helene Hegemann geht nicht mehr zur Schule, aber sie ist damit eine gute Schülerin jenes Berliner Milieus, in dem sie sich seit vier Jahren, seit dem Tod ihrer Mutter, mit offenbar sehr weit offenen Ohren bewegt hat.

Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass Hegemann erst 17 Jahre alt ist. Dank der unermüdlichen Arbeit der besten Reporter unserer besten Zeitungen und Zeitschriften ist unser Wissen über die junge Frau inzwischen beträchtlich. Aus zahllosen Porträts und Interviews wissen wir, dass sie zur Zeit durch den Schnee stapft, dass sie sehr viel reden kann, dass sie wahlweise 160 Fehltage oder 260 Fehlstunden in der Schule hatte, als sie diese noch besuchte. Wir lernen, dass sie viel im Theater war, nachdem sie von Bochum nach Berlin umgezogen war. Wir wissen auch, dass sie Berliner Cafés besucht. Wir erfahren sogar, dass sie mit Turnschuhen durch den Schnee geht.

Wir wissen mittlerweile auch, dass sie alles andere als dumm ist. Sie sagt: "Natürlich kokettiere ich mit meinem Jugendbonus. Und kokettiere sogar damit, dass ich mit ihm kokettiere." Im Buch hätte das übrigens auch gestanden, liebe Reporter, nur besser: "Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfeldes gleich mitentlarvt."

Wir wissen, dass Hegemann keine Lust mehr hat, sich von der Hauptfigur ihres Films "Torpedo" zu distanzieren, der letztes Jahr in die Kinos kam, genauso wenig wie von Mifti, der Protagonistin und Ich-Erzählerin ihres ersten Buches. Man weiß nun, dass sie sich genau wie 17 und nicht älter fühlt. Und wir ahnen, dass sie scheu ist, dass ihr Text alles andere als Selbstenblößung ist, dass sie sich aber dauernd selbst beobachtet. Wir ahnen weiter, dass da Dinge sind, über die kein Reporter je berichten wird. Und sind wieder beim Buch.

"Axolotl Roadkill" ist eher Halluzination als Geschichte, mehr Vision als Roman. Es ist, zwischen i-Book und literarischem It-Girl, I-Literatur - oder besser Me-literature. Wir wollen hier gar nicht so tun, als dächten wir, dass Mifti, die 16-jährige, frühreife, durchgeknallte, herumfickende, drogendelirierende, undefiniert bisexuelle Heldin, nichts mit Hegemann zu tun hat. Natürlich denken wir das.

Und trotzdem hat das Buch mit Autobiographie nichts zu tun. Hegemann treibt ihre angespannte, finstere, denkgeile Phantasie weit, weit vor sich her. Darin liegt der Mut dieses Buches. Nur die Eckdaten stammen aus der Welt, aus der Hegemann kommt. Mifti ist nach dem Tod ihrer Mutter von Bochum nach Berlin gezogen. Die Mutter war auf Alkohol und Hartz-IV, sie hat Mifti ebenso gehasst wie vollkommen vereinnahmt.

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