kalaydo.de Anzeigen

Heinrich-Böll-Biographie: Der Anti-Sartre

Das Alltägliche war das Besondere: Christian Linders Heinrich-Böll-Biographie erinnert an den großen Moralisten, der nach seinem Tode keinen Nachfolger gefunden hat. Von Rupert Neudeck

Christian Linder: Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils. Heinrich Böll. Eine Biographie. Matthes & Seitz, Berlin 2009, 624 Seiten, 29,90 Euro.
Christian Linder: Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils. Heinrich Böll. Eine Biographie. Matthes & Seitz, Berlin 2009, 624 Seiten, 29,90 Euro.
Foto: Matthes & Seitz

Liest man dieses dicke Buch, erinnert man sich an den großen Moralisten Heinrich Böll, der nach seinem Tode keinen Nachfolger gefunden hat. Böll konnte seine Abscheu vor dem Krieg nicht bremsen: "Die Absurdität im Krieg verlorener Zeit, bis zum Irrsinn verletzter Sensibilität kann man ausdehnen, während vor dem Tor die Frauen warten: Huren, Mütter, Bräute, Ehefrauen."

Als Adenauer stirbt, erlebt Böll etwas, was diese Abscheu auf die Spitze treibt: Adenauers Sarg wird im Kölner Dom aufgebahrt: "Adenauer im Dom, mit Militär". Böll mochte den Dom nicht sehr, den Preußenbau, Adenauer mochte er noch etwas weniger, aber dass man die beiden dem Militär aussetzte, brachte ihn in helle Wut: "Ich hätte Scheiße auf die Domtreppe geschüttet." Böll hielt es nicht aus, dass "Bundeswehrgeneräle in Uniform und mit Ritterkreuz am Hals - alle aus Hitlers Armee - in einer Kirche, vor dem allerheiligsten Sakrament des Altars sich dienstlich aufhielten."

Der alte Hass auf den Krieg und auf alle, die mitgemacht hatten, war in Böll so lebendig, dass er sich weder bei Kurt Georg Kiesinger noch beim Münchener Weihbischof Matthias Defregger beruhigen konnte. Bei Defregger kam heraus, dass er als Major der deutschen Wehrmacht im September 1944 17 italienische Bauern in dem Ort Filetto als "Geiseln" hatte erschießen lassen. Er berief sich auf die Ehre des deutschen Soldaten und der Münchener Kardinal Julius Döpfner bestand auf der Immunität seines Weihbischofs.

Das Buch steigt ein mit der Herkunft Bölls und den Kriegsereignissen, die Christian Linder anhand der Kriegsbriefe resümiert. Der zweite Teil beginnt dann mit dem Ende, mit der Hetzkampagne von Springer und anderen, die Böll für einen Verbündeten der Baader-Meinhof-Bande hielten.

Linder hat keine Hagiographie geschrieben, er geht kritisch mit dem Mann um, den er aber auch bewundert. Böll war der Anti-Sartre. Vor der Folie der Kindheitsbiographie "Die Wörter" von Jean-Paul Sartre macht Linder die Umrisse des rheinischen Katholiken erkennbar. "Böll wäre nie auf den Gedanken gekommen, sich von der alten Welt, aus der er gekommen war, lösen zu wollen, sondern er hat seine alte Welt auf- und ausgebaut und zur Verteidigung dieser alten Welt, der Welt seiner Familie, hin und wieder sogar intellektuelle Überzeugungen aufgegeben."

Linder deutet Schwächen in der Konstruktion der Romane und Erzählungen an, ist aber zugleich von den Gestalten fasziniert, mit denen Böll bis heute nachwirkt. Böll war bestimmt von massiver Schwermut, was sicher auch davon herrührt, dass die Schrecken des Kriegs ihn nie ganz verließen. Er hat nicht wie Henrik Ibsen das Schreiben verstanden als "Gerichtstag halten über sich selbst", schreibt Linder: "Er hat vielmehr Gerichtstag gehalten über die Welt und die anderen."

Böll war ein Repräsentant der Nachkriegszeit, aber in immerwährender Distanz zu den herrschenden Verhältnissen. Er war mehr getrieben von den Schrecken der Vergangenheit, als er sich und andere das wahrhaben ließ. Als ihn Günter Grass ermahnen wollte, dass er es nicht übertreiben sollte, indem er Beate Klarsfeld Blumen für die gelungene Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kiesinger schickte, empörte sich Böll gegen den Kollegen: "Ich war Beate Klarsfeld diese Blumen schuldig meiner Mutter wegen, die im November 1944 während eines Tieffliegerangriffs starb." In der lebhaften Erinnerung an seine Mutter bewunderte er die Zivilcourage von Klarsfeld: Sie habe ihn darin bestärkt, die verfluchten Nazis zu hassen, "ganz besonders jene von der Sorte, zu denen Herr Dr. Kiesinger zählte: Die gepflegten bürgerlichen Nazis".

Linder beschreibt die Nähe Bölls zum sinnlichen Alltag, zum Kaffee, zum Rauchen, zum Alkohol, zu den Genüssen des Lebens. "Einen großen Teil der Erfahrungen, die Bölls Werk zugrunde liegen, teilte er mit seinen Lesern. Das hat seine Literatur auch volkstümlich gemacht und ihn zum ,Volksschriftsteller werden lassen." Das Alltägliche war bei Böll das Besondere.

Und das Katholische, das sich bei ihm bis zum Schluss von selbst versteht, doch vielleicht nicht mehr bei seiner Frau und den Söhnen. Linder hat nicht herausbekommen, wie es in der Nacht zum 17. Juli 1985 zuging, mit der letzten Ölung, die ihm der befreundete Pfarrer gegeben hat, und dem kirchlichen Begräbnis. Der katholische Priester Herbert Falken war Böll ein Begleiter, der Verständnis hatte für dessen Wut auf die bürokratische Kirche.

Böll war zum Ende herzkrank, leberkrank, gefäßkrank, er war in der Aggertal-Gefäßklinik in Engelskirchen operiert worden, ein Stück des Fußes ("Raucherbein") musste weggenommen werden. Er konnte nur noch schlecht gehen. Aber er musste rauchen. Man konnte sich Böll ohne Zigaretten nicht vorstellen. Als Annemarie Böll sich einmal, als Dieter Kühn in die Klinik gekommen war, einen Spaziergang gönnte, holte Böll eine halbe Zigarette aus dem Versteck im Schränkchen, rauchte sie gierig und stippte die Asche in ein Medikamentenfläschchen.

Das Buch hat etwas Unzeitgemäßes, der Autor hat genügend Platz, all seine liebevollen Recherchen unterzubringen. Böll konnte den Nobelpreis nicht ablehnen. Seine erste Frage war, ob Grass den Nobelpreis auch bekommen habe - so tief war er überzeugt, dass dieser Preis an die deutsche Nachkriegsliteratur gehen würde. Und als ihn Le Monde interviewt, ob er nicht wie der Linke Sartre den Nobelpreis ablehnen wolle, hat er eine klare Antwort parat: "Es gibt Dinge, die sich Franzosen erlauben können. Wir nicht. Welches auch die Fehler unserer Vergangenheit waren, verwöhnt waren wir nie."

In seiner Nobeldankesrede hat er es gesagt: Es sei dieser Preis eine Ehre, die nicht nur ihm gelte, "auch der Sprache, in der ich mich ausdrücke, und dem Land, dessen Bürger ich bin". Dafür konnte er sich dann auch einen Frack leihen. Er war ja nur einmal in seinem Leben unter die vornehmen Herrschaften aus Industrie, Wissenschaft und Politik geraten, war dort mit einem richtigen König zusammen und konnte das auch genießen. Man habe ihn, bekannte er, "mit einiger Herablassung einen Autor der kleinen Leute genannt". Böll dazu: "Peinlicherweise empfinde ich solche Einschränkungen immer als Schmeichelei. Sollte ich bisher nur bei kleinen Leuten Größe gefunden haben?"

Rupert Neudeck ist Gründer des Komitee Cap Anamur / Deutsche Notärzte e.V.

Autor:  Rupert Neudeck
Datum:  16 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.