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Literatur

14. März 2016

Heinz Strunk „Der Goldene Handschuh“: Frauenmörder Honka bis zur Ekelgrenze

 Von Sabine Vogel
Die Kneipe „Zum goldenen Handschuh“ nahe der Reeperbahn in Hamburg im Jahr 2016.  Foto: dpa

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ erzählt sorgsam aus dem scheußlichen Leben des Frauenmörders Fritz Honka.

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Zermörsert, zerschunden, zerprügelt“: Das ist Fritz Honka, der legendäre Frauenmörder aus Hamburg. Heinz Strunk hat ihm einen Roman gewidmet, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Als ob verprügelt nicht gereicht hätte, als ob normale Wörter das Grauen nicht wiedergeben könnten, steigert der bislang vor allem als komischer Wortakrobat bekannte Autor und „Titanic“-Kolumnist die Eigenschaftswörter bis zum letzten Z. Diese „Eigenschaften“ sind zugefügte. Der Mörder, der seine Opfer zerstückelte, in blaue Müllsäcke stopfte und in seiner winzigen Dachwohnung aufbewahrte, ist selbst ein Opfer. Als Jugendlicher aus der DDR geflohen, von einem Bauer schwerst misshandelt und geschändet, niemals Liebe, keine Bildung, Hilfsarbeiter, Trinker. Die Biografie bedingt mildernde Umstände: Honka, der bestialische Mörder, kann nichts dafür. Der von sich selbst geplagte Triebtäter ist nicht verantwortlich für das Monster, das aus ihm geworden ist.

In der Hamburger Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ bekommt der kleine, schiefe Mann mit dem eingedrückten Gesicht den Spitznamen Fiete. Hier ist er wer, hier gehört er dazu. Honka ist stolz, er ist kein Namenloser mehr, wenngleich auch keiner der berühmten Stammgäste wie Tampon-Günter oder der irre faselnde Soldaten-Norbert. Das 24 Stunden geöffnete Absturz-Lokal auf der Reeperbahn, Hamburger Berg 2, wird sein Zuhause. Es ist sein einziges. Er hat einen Stammplatz an der kurzen Seite des L-förmigen Tresens.

Dort sammelt er die Wracks auf, die fertigen „Omas“ – andere kriegt er nicht –, die er am Ende von ihrer erbärmlichen Existenz „erlöst“. Dort gibt er den obdachlosen Frauen einen Schnaps aus, bevor sie ihm bereitwillig in sein verdrecktes, nach Verwesung stinkendes Wohnloch folgen. Die vom Alkohol und einem ungnädigen Leben zerrütteten „Säberalmas“, wie die sabbernden Gespenster im „Handschuh“ heißen, betteln fast darum, bei Honka ein Dach überm Kopf und vielleicht noch ein paar Schnäpse zu bekommen.

Heinz Strunk hat nicht nur Honkas Geschichte aus den 1970ern penibel recherchiert, er hing auch selbst am Tresen des „Handschuh“, studierte das Ensemble aus abgehalfterten Loddeln, großmäuligen Verlierern und furzenden „Tripperschicksen“, er kennt die „Verschimmelten“ aus dem Hinterraum und die „am lebendigen Leib verrottenden“ Huren. Als ordentlich teilnehmender Beobachter probierte er sogar Honkas favorisiertes „Vernichtungsgetränk“ Fako, eine Mischung aus Fanta und Korn.

Buchinfo

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 254 Seiten, 19,95 Euro.

Heinz Strunk, dessen bisherige Bücher bei aller lapidaren Lustigkeit immer schon vom „beschädigten Leben“, also auch seinem eigenen, gehandelt haben, ist tief eingetaucht in den Geschmack des „Schmiersuffs“, die Pisse, aber vor allem, und das ist das Starke an diesem Roman, in den „Jargon der Eigentlichkeit“. Er hat diesem kaputten menschlichen Pandämonium wörtlich aufs Maul geschaut. Ausdenken kann man sich diese ja unfassbar köstlich deliranten Wahnsinnsmonologe, das unflätig obszöne Gestammel, das doofe Witzfeuerwerk eines Ausflugs-Animateurs nicht.

Als Lufthol-Kniff stellt Strunk dem Elend der Untersten das der Oberen gegenüber. Der Patriarch hat seinen Reichtum dem Vermögen enteigneter Juden zu verdanken. Sein Enkel trinkt und geilt sich daran auf, Frauen zu verletzen und zu versklaven. Psychogewalt gibt’s auch in der reichen vornehmsten Reederfamilie. Frauenmisshandlung kennt keine Klassenunterschiede. Alles klar.

Strunk hat sich voll in das sadistische Kopfkino und die zerfetzte Seele seines schrecklichen Protagonisten hineinversetzt. Es gelingt ihm das literarische Kunststück, dass wir im Frauenschlächter das arme Schwein erkennen, seine Nöte verstehen und sein „katastrophales Glücksverlangen“ teilen.

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So unausweichlich das böse Ende ist, so vergeblich hoffen wir eine ganze Weile, dass Honka doch ein stinknormales Leben gelingen könnte. Er versucht die Sauferei zu kontrollieren, verlässt die Hölle der Werftarbeit, wird Nachtwächter, macht eine Hafenrundfahrt, kehrt im Fernsehturmrestaurant ein, geht in den Zoo, besucht mit seinem Bruder Siggi den „Goldenen Handschuh“ – „da will man doch nicht zugehören“.

Aber wie wir wissen, gibt es kein Entrinnen, keine Rettung. Wie das Massaker an drei Frauen dann seinen Lauf nimmt, das will man gar nicht mehr so genau lesen. Aber Strunk verschont einen nicht, fast scheint es, er habe einen tückischen Spaß daran, das suffgeile Ficken und Würgen und Schlachten drastisch und bildstark bis zur Ekelgrenze auszumalen. Wie kann man sich bloß so krankes Zeug so glaubwürdig ausdenken? Ist das in seinem derben Pathos nun doch schon wieder Splatter-Komik? Böse unterhaltsam!

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