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Literatur

06. August 2015

Helen Macdonald „H wie Habicht“: Heißen Habichtatem im Gesicht

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Der Atem des Habichts „riecht nach Pfeffer und Moschus und verbranntem Stein.“  Foto: rtr

„H wie Habicht“: Helen Macdonalds außergewöhnlicher Bericht über die Zähmung eines Greifvogels ist im englischsprachigen Raum ein bereits vielfach ausgezeichneter Bestseller.

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Wenn uns besonders diejenigen Bücher faszinieren, die uns eine fremde Welt erschließen – und eine, die wir auch aller Wahrscheinlichkeit nach nie kennenlernen werden –, dann würde das erklären, warum so viele Menschen (bisher in den englischsprachigen Ländern) Helen Macdonalds Habicht-Buch lesen: Man findet „H is for Hawk“ unter den Bestsellern, es ist mittlerweile vielfach ausgezeichnet. In der feinen Übersetzung von Ulrike Kretschmer heißt es hierzulande „H wie Habicht“.

Die Briten nennen das, was die 1970 geborene Macdonald macht, „New Nature Writing“. Jedenfalls überschreitet sie mit großer Selbstverständlichkeit Genregrenzen: Autobiographie, Biographie, Natur- und Tierbeschreibung, besonders letzteres grandios. Immer wieder sind einzelne Passagen die einer Lyrikerin, die sie außerdem ist.

Als erstes erzählt sie, wie sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhält (Alisdair Macdonald, ein bekannter Pressefotograf). Dann, in Rückblende, wie sie noch vor Erreichen des Teenageralters von Greifvögeln in den Bann geschlagen wurde. Anders lässt sich ihre Besessenheit nicht beschreiben als mit dem Einfluss einer natürlich-übernatürlichen Macht. Das Kind lebt mit und in seinen Büchern über Falknerei, kann Sätze, Teile davon auswendig, selbst wenn es keineswegs alles versteht. Die Sprache der Falknerei – Stoß (Schwanz), Beck (Schnabel), Terzel (männlicher Vogel), Schmelz (Kot), kröpfen (fressen), atzen (füttern) – besteht für die kleine Helen aus „magischen, geheimen, verlorenen Worten“. Die Eltern lassen sie gewähren.

Das Buch

Helen Macdonald: H wie Habicht. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Allegria, Berlin 2015. 416 S., 20 Euro.

Die erwachsene, erzählende Helen hat schon lange und intensiv mit Greifvögeln gearbeitet. Aber nun, in der manchmal bodenlosen Trauer nach dem überraschenden Herztod ihres Vaters, bestellt sie sich einen jungen Habicht, um ihn, wie es in der Fachsprache heißt, abzutragen. Also bis zu einem gewissen Grad zu zähmen – dieser Grad ist beim Habicht nicht sehr hoch, ist er doch offenbar der scheueste, schüchternste aller Greife. „Habichte sind „nervös“”, erklärt Macdonald, „weil sie das Leben zehnmal schneller leben als wir und weil sie auf Reize buchstäblich ohne nachzudenken reagieren.“

Für Macdonald ist die Begegnung mit Mabel – so nennt sie ihren Habicht, er soll einen normalen, geerdeten Namen tragen – Liebe auf den ersten Blick: „Sie ist ein Zauberkunststück. Ein Reptil. Ein gefallener Engel. Ein Greif aus einem illuminierten Bestiarium. Etwas Strahlendes und Fernes, wie durch Wasser gefallenes Gold.“ Mabel erfüllt das Haus mit Wildnis.

Von einer Biographie war oben auch die Rede, es ist, eingeflochten wie ein paralleles, tragischeres Leben, die des Schriftstellers Terence Hanbury White (1906-1964), bekannt vor allem durch den vierteiligen Artus-Roman „Der König auf Camelot“. Nach einer höllischen Kindheit mit sich bis aufs Blut bekämpfenden Eltern, gewalttätigem Vater, wurde er Lehrer. Vermutlich war er homosexuell, mit ziemlicher Sicherheit sadistisch veranlagt, doch hat er sich offenbar nie an seinen Schülern vergriffen.

Ritterlichkeit war sein Ideal. Er hatte nicht viel Ahnung von der Falknerei – oder wenn, die falsche –, und wollte doch einen mächtigen Habicht abtragen. Bis zur Erschöpfung rang er mit seinem „Gos“, der schließlich seine Chance nutzte und verschwand. White muss untröstlich gewesen sein. 1951 erschien sein Buch „The Goshawk“, das eine junge Helen Macdonald ebenso beeindruckte wie verwirrte.

Sie weiß es später besser. Und obwohl es auch Momente des Scheiterns und der Angst gibt – wo im Dickicht, in den Baumkronen ist der Vogel und wird er je zurückkehren? –, so berichtet doch „H wie Habicht“ von einem gelungenen Abtragen, von zarter Vertrautheit und der wunderbaren Entdeckung, dass auch Habichte spielen. Mabel linst in eine Papierröhre. Mabel nimmt Papierkügelchen auf und lässt sie rollen. Und doch, daran lässt Helen Macdonald keinerlei Zweifel, ist ein Habicht kein Haustier und wird auch nie eines werden. Jedes Miteinander ist einseitig: Das Menschentier muss verstehen, wie mit dem Raubvogeltier umzugehen ist.

Und zuallererst muss er dem Raubvogel die Todesangst nehmen, sich möglichst unsichtbar machen, Tag um Tag. Indem er, indem also Helen Macdonald das Tier auf dem Handschuh hält, es nicht einmal ansieht, sich nicht bewegt, stundenlang. „Sie hat den Schnabel geöffnet und atmet mir heißen Habichtatem ins Gesicht. Er riecht nach Pfeffer und Moschus und verbranntem Stein.“ Als nächstes gilt es, mit dem Vogel ins Freie zu gehen. Macdonald beobachtet, wie sich Menschen – Spaziergänger, Einkäufer, Radfahrer, Jogger – verhalten gegenüber einer Frau mit einem Greifvogel auf der Faust. Und wie sie selbst aggressiv, giftig wird bei jeder Störung der Zweierbeziehung.

Zuletzt kommt die Jagd, muss sie kommen. Dafür ist ein Raubvogel gemacht, von der Evolution perfektioniert. Als Leserin ist man abgestoßen wie auch angezogen von Beschreibungen, in denen Macdonald hinter „ihrem“ Habicht durchs Unterholz stolpert, während das Tier blutdurstig und lidschlagschnell niederstößt auf einen Fasan oder ein Kaninchen. In diesen Augenblicken „bestand diese Welt allein aus Habichtdingen, und das, was mich antrieb, war auch das, was den Habicht antrieb: Hunger, Verlangen, Faszination, das Bedürfnis zu finden, zu fliegen, zu töten.“ Sie gibt an, an den „Rand des Menschseins“ gebracht zu sein. Sie bezeichnet sich als Süchtige.

Dieses Buch erzählt vom Extrempunkt einer Beziehung zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur aus. Denn die eine Seite ist immer sie selbst, kann nur sie selbst sein: „Mit einem Habicht zu leben, ist, wie einen Eisberg anzubeten oder ein Geröllfeld“.
Das kreatürliche Anders-Sein des Tiers kann der Mensch nur zur Kenntnis nehmen – was für eine bewegende, grandiose Erfahrung doch auch. Helen Macdonald schreibt: „Habichte sind mit Tod und Blut und Gewalt verknüpft, aber keine Ausreden für Grausamkeiten. Wir sollten ihre Unmenschlichkeit zu schätzen wissen, weil das, was sie tun, nichts mit uns zu tun hat.“

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