Nach halb acht stehen gefühlte zweihundert Menschen in meinem Rücken und warten auf Einlass. Eine Viertelstunde später sind es doppelt so viele. Doch die Tür zum Club Tresor bleibt vorerst zu. Es nieselt und matscht. Wäre es nicht Berlin, es würde nerven. Doch hier glucksen alle vergnügt. Denn diese Stadt ist eine große Gästeliste, allerdings eine auf Papier. Clubeingänge sind die einzigen Orte, an denen kein Laptop ins Bild kommt - drei, vier verschiedene Papierstapel machen sich besser als ein Programm mit Suchfunktion.
"Nein, ich bin nicht der Müller von Daimler, aber meine Frau arbeitet bei..." Drinnen sieht man erst, dass die meisten dreißig Jahre nicht mehr auf einem 18. Geburtstag waren. Erst recht nicht auf so einem. Die Herrin der Feuilletons lädt zur Party: Frau Hegemann wird volljährig, Herzliche Gratulation. Hau die Helene war gestern.
Sie drückt sich mit einer kleinen Entourage durch die Menge, und verschwindet dann gleich in den Keller zu den DJs. Sie sieht glücklich und unglamourös aus - beides ein Kunststück. Ein voller Club zum Geburtstag, und kein Fummel- oder Style-Exzess. Die letzten Wochen Sperrfeuer, und die Frau kann noch alleine gehen.
Volllaufen ließ sich dann eine mit Getränkegutscheinen beruhigte, gemischte und deshalb angenehme Crowd. Journalisten, klar, fast alles da, was hier wohnt oder noch eine Fahrkarte nach Berlin bezahlt bekommt (die tranken nicht so richtig, weil viele bis zu Ostern fasten und auf Facebook darüber schreiben). Literaturleute, logo.
Zur Volladelung fehlte Rainald Goetz, vielleicht war der im Hinterzimmer und hat in Ruhe jemandem etwas ins Ohr geschrien. Theaterregisseure ließen derweil im Keller Gummibälle über die Tanzfläche hüpfen, Luftballons klebten an der Decke. Es gab aber auch authentische Jugendliche, denn Frau Hegemann hatte nicht nur den Kulturbetrieb eingeladen, sondern dazu ein paar Klassenkameraden, die zur Musik ihrer Eltern tanzen. Mit The Police gesprochen: "What can I do, all I want to be is next to you..."
Vatermord war vorgestern. Doch was machen wir hier, bei gereichter Zuckerwatte und auch härteren Sachen? Die Lesung war kurz und ab zwei Metern Abstand unverständlich, geschweige denn sichtbar. Und die angekündigten DJs wie Vater Carl Hegemann oder Stilpate René Pollesch wurden noch nicht mal in der Nähe einer Anlage gesichtet. Vielleicht handelt es sich aber auch um einen avancierten Autorenbegriff, denn versprochen wurde schließlich "Musik von...", das kann auch eine kopierte iTunes-Liste sein. Ansonsten waren die Witze über Autorschaft, Klauen oder Montieren aber in der Minderzahl.
Kann es sein, steht da ein Jugendlicher aus Brandenburg? Ein Wort zur Location wird fällig. Der Tresor ist nämlich ein Club, der im Ruf steht, mittlerweile eine Provinzdisco mitten in der Stadt zu sein. Anfang der neunziger Jahre war er der Hauptmotor der Berliner Technomaschine, im Niemandsland unweit des Potsdamer Platzes. Im Tresorraum des ehemals jüdischen Kaufhauses Wertheim, seit dem Krieg verlassen, tanzte die Jugend ab 1990 die Wiedervereinigung und setzte Berlin auf die Weltkarte des Techno. Vor vier Jahren zog der Club ins nördliche Kreuzberg, mitsamt den alten Schließfächern und Gitterstäben. Der neue Tresor ist, zumindest im Keller, eine Rekonstruktion. Disney Rave, oder das Stadtschloss der Berliner Tanzkultur. Die Geschmacksverstärker gehen da jedenfalls nicht mehr hin. Außer am letzten Freitag.
Man muss das aus zwei Gründen so deutlich erzählen. Erstens weil die viel zitierte Drastik von "Axolotl Roadkill" ohne den Echoraum der Berliner Technogeschichte und ihrer Feierei nicht annähernd so anschlussfähig wäre. Womöglich gilt aber auch da das alte Diktum: oversexed, but underfucked. Während man auf der ganzen Welt über Sodom und Gomorrha, aber eigentlich immer nur über den Club Berghain schreibt, wird das reale Nachtleben immer regulierter.
Zweitens haftet der Rede von Provinz und Hauptstadt bereits an sich etwas Kleinstädtisches an. Wer als auch nur angelernter Berlin-Bewohner Hegemanns Buch liest und dann gleich noch ein weiteres aktuelles Hauptstadtbuch aus der Kultur- und Medienszene nachschiebt, Joachim Lottmanns "Geldkomplex", dem wird geographisch eng. Man kennt jede Ecke, jede Straße, jeden Club und jede Kneipe. Ja, jede Figur. Berlins Mitte zwischen Kreuzberg und Pankow ist literarisch komplett verspiegelt. Man muss aufpassen, nicht ständig Leute zu grüßen, die man nur aus Büchern kennt. Mifti, die Erzählerin aus Helene Hegemanns Buch, war übrigens nicht im Tresor. Vielleicht ist sie aber auch insgeheim ein Mädchen aus Brandenburg, das keiner gegrüßt hat.
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