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Literatur

30. Juli 2012

Henning Mankell: Gediegene Unterhaltung für Weltflüchtige

 Von Sabine Vogel
Henning Mankell: Erinnerung an einen schmutzigen Engel. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Zsolnay, Wien 2012. 347 S., 21,90 Euro.  

An diesem Montag erscheint Henning Mankells neuer Roman "Erinnerungen an einen schmutzigen Engel". Das Buch erzählt die Geschichte einer schwedischen Bordellbesitzerin unter Schwarzen in Maputo und einen Mord gibt's auch.

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Sie kam aus der Kälte. Ihre Mutter hatte sie aus der zugigen Bruchbude in einem Dorf in Nordschweden fortgeschickt, um sie nicht weiter ernähren zu müssen. Die siebzehnjährige schwedische Hanna Renström wird von einem gutmütigen Fellhändler mit in die nächste Stadt genommen, darf vorübergehend Magd in seinem Haushalt sein, um dann als Köchin bei einem Überseefrachter anzuheuern.

In Australien, dem Ziel des mit schwedischem Kernholz beladenen Schiffes, kommt sie nie an, sie kommt auch nie wieder zurück. Auf dem Schiff heiratet sie schon bald einen süßen Seemann, heißt nun Hanna Lundmark. Er stirbt nach wenigen Wochen an einem tropischen Fieber, wird in ein Leinentuch eingenäht und seebestattet. Sein Grab liegt in 1935 Metern Tiefe, Hanna lässt es ausloten, um sich an irgendetwas halten zu können. Im nächsten Hafen wird sie unbemerkt das Schiff verlassen. Sie hat eine ansehnliche Summe Geld bekommen als Rente für ihren toten Mann. Mit dem kann sie sich ein Hotelzimmer leisten in der weißen Stadt, in der sie strandet. Es ist das mosambikanische Maputo, das damals, 1904, noch Lourenco Marques hieß und eine Kolonie Portugals war.

Hier kennt sich Henning Mankell aus, hier lebt der Autor der Wallander-Krimis die Hälfte des Jahres und macht was mit Theater. Und dort sollen sich auch Aufzeichnungen über jene mysteriöse schwedische Hanna gefunden haben, die damals ein Bordell betrieben hat und die meisten Steuern bezahlte. Aber eigentlich ist die historische Authetizität egal. Mankell spintisiert uns in der ihm eigenen Geschmeidigkeit ein Frauenmärchen mit sozialkritischem Hau zusammen, das so hätte sein können oder auch nicht.

Mit den „Erinnerungen an einen schmutzigen Engel“ gesellt sich Mankell in die Reihe der Romane zu Auswanderinnen. Das zauberhafte Büchlein „Wovon wir träumten“ (Mare, 2012) von Julie Otsuka erzählt von jungen Japanerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts zu ihren ihnen unbekannten japanischen Ehemännern nach Amerika überfahren. Vor einigen Jahren (Osburg, 2008) hatte der südafrikanische Schriftsteller André Brink in seinem Roman „Die andere Seite der Stille“ die Legende von Hanna X zu einem Roman verdichtet. Auch jene Hanna X wandert zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit anderen perspektiv- und mittellosen Mädchen aus, von Bremen nach Namibia, wo unter den deutschen Kolonialisten Frauenmangel herrscht. Während diese Frauen auf Grobiane und Wüstlinge treffen, was bei Brinks Hanna zum brutal heroischen Feldzug einer deutschen Johanna führt, hat das Schicksal für die schwedische Hanna wenn nicht Glück, so doch unermesslichen Reichtum und sozialen Aufstieg zur Folge.

Chancenlos gegen den blöden Rassismus

Und das geht so: Im Hotel Paraiso, wo sie abgestiegen ist, wird Hanna krank. Sie verliert ihr ungeborenes Kind, wird aufgepäppelt von den anderen Bewohnerinnen, die allesamt schwarz sind und wie sich herausstellt den Matrosen und Besuchern aus Südafrika mit Liebesdiensten zur Verfügung stehen: Die naive Hanna hat sich im Bordell einquartiert. Ein weißbefrackter Schimpanse serviert ihr Tee, ein stummer Klavierstimmer plinkert zeitvergessen am Piano herum und der Chef des Ganzen, der angejahrte Senhor Vaz, der ihr gerade mal bis zu den Schultern reicht, macht ihr den nächsten Heiratsantrag. Hanna nimmt an, Senhor Vaz ist galant aber impotent. Um dem abzuhelfen, verabreicht Hanna ihm eine „Medizin“ von einer einheimischen Naturheilerin. Daraufhin stirbt er, Hanna erbt sein riesiges Vermögen und das Bordell.

Und nun? Wird sie es verkaufen und weggehen? Wird sie es „reformieren“, die Prostituierten besser beteiligen an ihren Einnahmen, Sozialfürsorge, gar Renten einführen für altgewordene Frauen? Wird sich die junge Weiße Respekt verschaffen können, wenn betrunkene Freier übergriffig oder gewalttätig werden? Hanna versucht alles richtig zu machen. Aber natürlich kann sie nichts gegen den ungerechten, bösen Rassismus tun, nichts gegen die kolonialen Machtstrukturen und sexistischen Herrschaftsverhältnisse, von denen sie profitiert. Sie nennt sich nun Ana Blanco, setzt sich in heldischer Sinnlosigkeit für eine schwarze Mörderin ein, womit sie sich nicht besonders beliebt macht.

Vor allem lernt sie, dass die Frauen überhaupt nicht befreit werden wollen von ihrem Los. Sie wollen arbeiten, auch für sie. Sie ist ihre Chefin, niemals jedoch eine Freundin oder gar Schwester. Sie erkennt: „Wir sind die ungebetenen Gäste“. Und dann, so geht das halt in so gefällig daher gedichteten Frauenromanen zu, bricht Hanna selber das sexuelle Rassen-Tabu und ist in Hoffnung auf einen putzigen Babybastard. Da ist sie jedoch bereits auf einem Schiff auf dem Weg ins Offene, da verliert sich ihre Spur.

Ihr bester, ihr einziger Freund und Seelenverwandter in ihrem Leben als Bordellbesitzerin war der befrackte Schimpanse Carlos. Der ist so weit entfremdet von seinem Dschungel wie sie von ihrer Herkunft und Vergangenheit. Er ist ein einsames Tier, das sich wie ein Mensch verhält, doch welcher Mensch schläft auf Kronleuchtern. Um wegzugehen, muss Hanna ihn so unterbringen, dass er die Freiheit hat, sich selbst auszuwildern. Das endet ziemlich grausam. So ist die Welt? Die Moral ist etwas simpler.

Märchen mit raschelnden Seidenkostümen

Mankell erzählt ein Märchen mit vielen raschelnden Seidenkostümen, mit Tee und Pferdekutschen, mit dunklen Begehrnissen in subtropischer Hitze und rassistisch kolonialen Zeiten. Das macht er wie immer gut und ohne literarische Extravaganzen. Die Geschichte vom wundersamen Aufstieg der Magd zur Millionärin wird koloriert mit ein wenig Gesellschaftskritik, Sex, Liebe und Schuld, einen Mord gibt’s auch. Das alles in exotischer Afrikakulisse und fertig ist die Laube, in der man gut drei Tage oder Nächte lang die Zeit vergessen kann. Jaja, das ist ein Schmöker mit Herz und Schmerz, das ist gediegen unterhaltsames Futter für Weltflüchtige.

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