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Literatur

26. Februar 2016

Henry James: Der stille Mann

 Von 
Henry James um 1890.  Foto: imago/ZUMA Press

Welten und Menschen prallen aufeinander, einer schaut zu: Zum 100. Todestag des Schriftstellers Henry James.

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Der Schriftsteller Henry James war ein berühmter, geachteter und empfindlicher Mann. So fürchtete er das Sinken seines Sterns, und auch ausbleibende Einnahmen fürchtete er. Ein Versuch, das aufzuhalten, führte zu einer beschämenden Szene. 1895 brachte der ausgewiesene Romancier in London sein Stück „Guy Domville“ heraus, ein sorgfältig recherchiertes und gebautes Historiendrama. Ein Bühnenerfolg, dachte er, könnte ihm ein zweites Standbein sichern. Er war zu nervös, um der Premiere beizuwohnen und schaute sich in einem nahegelegenen Theater Oscar Wildes „Ein idealer Ehemann“ an. Die Begeisterung im knallvollen Saal angesichts eines Stückes, mit dem er, James, nichts anfangen konnte (oder wollte), verunsicherte ihn, und wie sich zeigte: zu Recht.

„Guy Domville“ fiel durch, das Publikum befand sich zwischen Langeweile und Galgenhumor. „Ich bin der letzte, mein Gott, der Domvilles“, hatte Domville zu rufen, und ein Zuschauer soll zurückgerufen haben: „Und das ist auch verdammt gut so.“ Der inzwischen zagend eingetroffene Autor wurde orkanartig ausgebuht und entfloh.

Die Geschichte geht noch weiter: Nach einer kurzen Aufführungsserie wurde „Guy Domville“ durch Wildes „The Importance of Being Earnest“ ersetzt. Die Geschichte geht noch weiter. Nur wenige Wochen später begann der Skandal um Oscar Wildes Homosexualität, der den Kollegen und auf dem Theater auch Rivalen um Ruhm, Ehre und Leben brachte.

Oscar Wildes Sturz entsetzte ihn

Henry James, von einer Erholungsreise nach dem „Domville“-Schlag zurückkehrend, reagierte schockiert und sympathisierend. Die Ironie des Schicksals interessierte ihn hier weit weniger als seine Rücksichtslosigkeit. Aus heutiger Sicht würde man zudem annehmen, dass James’ eigene homosexuelle Neigung sein Entsetzen steigerte. Davon war damals keine Rede. Der irische Schriftsteller Colm Toíbín, der Henry James 2004 zur Romanfigur machte („Porträt des Meisters in mittleren Jahren“), hat dieser Tage im „Guardian“ einen Essay veröffentlicht, in dem er noch einmal ausführt, wie ungemein sorgfältig James’ Familie nach dessen Tod am 28. Februar vor genau hundert Jahren jede Andeutung dazu aus seinen Briefen und Schriften eliminierte. Es ist aber anzunehmen, dass James selbst der sorgfältigste war.

Biografen haben immer wieder darüber nachgedacht, ob es nicht gerade seine Neugier war, die ihn die Neugier anderer fürchten ließ. Henry James war von Berufs wegen ein umgänglicher Mensch – „Um gesellig zu sein, braucht es Mut“ –, denn seine Ideen fand er nicht daheim und nicht auf der Straße, sondern in den Salons und bei den Abendessen der gehobenen angloamerikanischen Gesellschaft. Eine spätere Karikatur zeigt ihn, wie er an einer Hotelzimmertür lauscht.

Der Vorwurf, er schlage aus Anekdoten und Klatsch literarischen Profit, blieb dabei unkonkret. James’ Heldinnen und Helden, vor allem Heldinnen, sind keine Schlüsselfiguren, inspiriert gleichwohl durch hochinteressante Frauen seiner Umgebung. Er fand nicht, dass das jemanden etwas anging, er wollte kein delikates Rätsel servieren. Henry James muss die Diskretion in Person gewesen sein. „Eher ein Chamäleon als ein Pfau“, schreibt Verena Auffermann.

Er wird 1843 in Greenwich Village, New York, als zweites Kind in einen ungewöhnlichen Haushalt geboren. Wenn Toíbín hundert Jahre der Meinung ist, es sei James’ verborgen gehaltene Homosexualität, die ihn zu unserem Zeitgenossen mache, so gilt das vielleicht mehr noch für die Eltern: liebend, pädagogisch exzessiv engagiert, erdrückend dominant. Nur ein Recht soll es im Hause James nicht gegeben haben, das Recht, unglücklich zu sein. Die Geschwister, vier Brüder, eine Schwester sind es zum Teil allerdings sehr, auch kränkeln sie. Die Reiselust, geradezu Reisewut der Eltern sorgte für stete Unruhe, aber auch für Abwechslung. Und für die frühe Liebe zu Europa, das nach der Art, die bis heute Besucher von großräumigen Kontinenten pflegen, regelrecht durchpflügt wird.

Die kirchenfeindliche Haltung der presbyterianisch geprägten und davon angewiderten Eltern hat eine komplexe individuelle Religiosität zur Folge. Der Vater wendet sich nach einer unheimlichen nächtlichen Begegnung mit dem, nun ja, Bösen, den Schriften Swedenborgs zu. Der normale Kinderwunsch nach Normalität wird systematisch unterlaufen, die Grundlage aber auch gelegt für Gespenstergeschichten wie „Das Drehen der Schraube“.

Der vielleicht aus Furcht kompetente Ehegeschichten-Experte James, unverheiratet und kinderlos, steht seiner Familie sein Leben lang sehr nahe, im Guten und im Bösen. Dass er wie sein Vater heißt, macht ihm zu schaffen. Er nennt sich Henry James jr., schon wenige Tage nach dem Tod des Vaters hörte er auf damit. Dass er sich endgültig in England niederlässt, zeigt am deutlichsten, dass er Raum zwischen sich und die Seinen legen muss.

Protestantischer Fleiß

Als Schriftsteller war James ungemein fleißig. Die protestantische Herkunft und ein Arbeitsethos, das der Familie innerhalb kurzer Zeit viel Geld gebracht hatte (schon Henry James sen. brauchte keinen Brotberuf mehr), legten hier offenbar die Grundlage. Dass er ein fanatischer Stilist war, lässt sich an deutschen Übersetzungen häufig kaum nachspüren. Dass er seinen Stil mit der Zeit weiter ausfeilte, der wahrlich kompliziert wurde, war ihm beim großen Publikumserfolg bisweilen im Weg. Auch hierzu kursierte die passende Karikatur: James, von den unendlichen Fäden seines eigenen Satzbaus umschwirrt und -garnt.

Als Kleinkind war er aufgefallen, weil er schluchzend unter dem Tisch lag, während die Mutter für ein älteres Publikum aus „David Copperfield“ vorlas. Charles Dickens war sein Gott, er aber nicht der Epigone. Aus seiner eigenen Umgebung zog er die Welt seiner Romane und Novellen, die übrigens mäßig gekauft wurden. Beim großen Publikum schlug vor dem „Porträt einer Dame“ (1881) nur „Daisy Miller“ (1878) voll durch, dieses Paradebeispiel für den James’schen Frauentyp: nicht hysterisch, sondern lebhaft, nicht dumm, sondern normal, nicht unmoralisch, sondern vor lauter Unschuld unkonventionell.

Man hätte „durchaus sagen können, dass sie plapperte“, heißt es hier charakteristisch über die Titelheldin bei ihrem ersten Auftritt. „Sie war vollkommen gelassen und saß in einer reizenden ruhigen Haltung da, doch ihre Lippen und ihre Augen bewegten sich unablässig. Ihre weiche hohe Stimme klang angenehm und ihr Tonfall war ausgesprochen umgänglich.“

Der neue Frauentyp, mit modischen, aber auch psychologischen Facetten erfasst – man könnte fragen: Sind Frauen vom Rand aus betrachtet besser zu verstehen? –, gehörte zu einer neuen Welt, in der es zwar weiterhin die fürchterlichsten Dünkel gab, in der aber Geld und Unternehmergeist dominierten. Dessen Vorteile vergällte man sich dann wieder mit seinem Puritanismus. Das Aufeinanderprallen der Welten schilderte James ohne Unterlass und mit extrem seltener Parteinahme. Parteinahme gibt es bei Henry James lediglich für Menschen, denen er aber auch nicht helfen kann.

Das liegt daran, dass die Welt für Henry James eine Aufeinanderfolge von Szenen war. Szenen sind kein Traktat und kein Gesellschaftserklärstück. Szenen sind Leben, von einem Künstler hergestellt, der sich das Leben vorher angesehen hat.

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