Der sechste und letzte Band der von Peter-Erwin Jansen aus dem Nachlass herausgegebenen Schriften Herbert Marcuses enthält elf Texte aus zwei ganz verschiedenen Epochen. In den 1932 bis 1934 entstandenen Schriften geht es hauptsächlich um die Auseinandersetzung mit Heideggers Philosophie sowie um die Kritik am logischen Positivismus, in Marcuses Terminologie: an der "wissenschaftlichen Philosophie". In den Schriften aus der Zeit zwischen 1965 und 1975 beschäftigt sich Marcuse dagegen mit Fragen der Gesellschaftstheorie. Zu beiden Themenblöcken hat Iring Fetscher eine ebenso instruktive wie informative Einleitung beigesteuert. Die Texte werden von Jansen wie immer knapp und kompetent kommentiert.
In der Rezension des dreibändigen Werkes mit dem Titel "Philosophie" von Karl Jaspers aus dem Jahre 1933 geht es Marcuse vor allem darum, den Unterschied zwischen der rein ontologischen Fragestellung Heideggers nach dem Sinn des Seins und des Jasperschen Vorhabens der "Existenzerhellung" herauszuarbeiten.
Terminologie und Fragestellungen der beiden Philosophen gleichen sich zwar oft, sind aber nicht identisch. Existenz ist bei Heidegger "rein ontologisch gemeint", während die Kategorie bei Jaspers "einen ethischen Sinn bekommt". Für Heidegger liegt der Sinn menschlichen Seins in seiner Zeitlichkeit, aber Marcuse zeigt, dass die vermeintliche Geschichtlichkeit der Existenzphilosophie deren "Ungeschichtlichkeit" ist: "Alles Reden von Geschichtlichkeit bleibt solange abstrakt und unverbindlich, bis nicht die ganze konkrete materielle Situation akzentuiert ist, in der die philosophierende Existenz faktisch gerade lebt, bis nicht von ihrer faktischen Struktur aus die Möglichkeiten und Wirklichkeiten eigentlichen Existierens betrachtet werden."
Der Vorwurf der Ungeschichtlichkeit trifft Jaspers weniger, weil bei ihm die Suche nach dem Sein - dem Ursprung von allem - nicht mit einer "positiven" Metaphysik endet, sondern mit einem "Sprung ins Leere", insofern bietet Jaspers für Marcuse eine ehrliche "Philosophie des Scheiterns" und nicht notdürftig maskierten Nihilismus wie Heidegger. Insbesondere in Marcuses Darstellung von Jaspers´ "Existenzerhellung" mit den Kategorien "Denken", "Existenz" und "Kommunikation" - wobei im Hintergrund der Marx´sche Begriff der "Praxis" mitschwingt - kann man ex post die Herausbildung dessen erkennen, was Alfred Schmidt Marcuses "existentialistische Marxinterpretation" genannt hat.
"Das Bild einer besseren Gesellschaftsordnung gilt"
In der Auseinandersetzung mit der "wissenschaftlichen Philosophie", d.h. dem logischen Positivismus treten Marcuses gesellschafts-theoretische Ansichten entschieden deutlicher zutage. Er kritisiert den logischen Positivismus nicht immanent, sondern rechnet dem geschlossenen logisch-mathematischen System von Axiomen vor, dass darin das Leben, die Interessen, die Menschen, kurz: "Praxis und verändernde Praxis" gar keinen Platz mehr hätten. "Das Bild einer zukünftigen besseren Gesellschaftsordnung gilt" - so Marcuse - "ebenso als ,Metaphysik´ wie der krudeste Aberglaube."
Von den nach dem Krieg entstandenen Texten Marcuses besticht derjenige über "Sozialistischen Humanismus". Der Kalte Krieg brachte die beiden Blöcke in ein Freund-Feind-Verhältnis, das noch verhärtet wurde durch manichäische Weltbilder und Ideologien: Der Nachteil eines jeden Lagers gereichte dem anderen automatisch zum Vorteil.
Maurice Merleau-Ponty analysierte diese Situation erstmals in seiner brillanten Studie "Humanismus und Terror" (1947). Daran knüpfte Marcuse an. Eine Lösung des Antagonismus war nach Marcuse keine theoretische Frage, sondern eine praktische, insofern es darauf ankam, den "geknechteten Menschen" hüben wie drüben zu ihrer Befreiung zu verhelfen bzw. dazu, ihr Schicksal buchstäblich in die eigenen Hände zu nehmen.
Damit kamen für Marcuse die Intellektuellen ins Spiel, denen er zutraute, "selbst und gegen die Indoktrination zu denken, gegen die kommunistische wie auch die antikommunistische." Marcuse sieht die Intellektuellen aber nicht in der Rolle einer Avantgarde, sondern in derjenigen sich selbst bescheidender Aufklärer über "vitale Bedürfnisse" jenseits privatistisch-konsumistischer und kapitalistischer Logiken.
Marcuse ohne Illusionen
Marcuse gab sich keinen Illusionen hin. Die Sowjetunion wurde durch die Entstalinisierung nicht "humanistischer", und die westliche Welt nicht, als sie auf Entspannungspolitik umstellte. Auch die Marx´sche Prognose, wonach es eine Klasse von Menschen gebe, die jeder Freiheit entbehrten und die angeblich gerade dadurch den Keim von Humanität bewahrten, erwies sich als empirisch unhaltbar. Der technische Fortschritt und der steigende Wohlstand enthalten nicht eo ipso humanisierende Tendenzen.
"Die objektive Identität von Sozialismus und Humanismus ist aufgelöst. Sie war nie eine unmittelbare Identität." In der aktuellen Situation wurde "die Macht des technischen Fortschritts umgeschmolzen zu einem Instrument totalitärer Herrschaft."
Damit wird für Marcuse der "totale Umbau des technischen Apparats" - in späteren Schriften kommen noch der ökologische Umbau und die Ansprüche der sozialen Bewegungen, insbesondere der Frauenbewegung, hinzu - zu einer der Voraussetzungen, um die objektiven, d.h. nur potentiell humanistischen Tendenzen des Sozialismus tatsächlich zu mobilisieren. "Die Selbstbestimmung des Lebens" und die Anerkennung "des menschlichen Wesens als Selbstzweck" mögen als Pathosformeln passé sein, in der Sache sind sie es nicht.