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Historisches Buch: Ehmkes Dampfmaschine

Der Magdeburger Historiker Eckart Conze hat eine 1000 Seiten starke Geschichte der Bundesrepublik geschrieben. Er widmet sich auch der bundesdeutschen "Suche nach Sicherheit". Von Harry Nutt

Gegenüber dem politischen und kulturellen Wandel, den die Kanzlerschaft Willy Brandts und der Beginn der sozialliberalen Koalition im Jahre 1969 markierte, ist der technologische ein wenig in Vergessenheit geraten.

Das mag an dem sperrigen Wort "Vorhabeninformationssystem" liegen, das sich im Alltag nicht so recht durchsetzen konnte. Dabei stand es für den radikalen Umbau des Bundeskanzleramts zu einer modernen Steuerungszentrale, wie sie Horst Ehmke vorschwebte, dem Bundesminister für besondere Aufgaben. Ehmke galt als ehrgeiziger Vordenker der SPD. Mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln der Informations- und Datenverarbeitungstechnik versuchte er, das Handeln der Ministerien aufeinander abzustimmen.

Ganz reibungslos verlief das nicht. Ehmke handelte sich schnell den Ruf eines Oberministers ein. Das Vorhabeninformationssystem hatte Akzeptanzprobleme. Der Oberpragmatiker Helmut Schmidt nannte Ehmkes Vehikel zum Vorpreschen ins Computerzeitalter eine Kinderdampfmaschine, kurz darauf war dessen Schicksal besiegelt: Nach der Bundestagswahl 1972 wurde es wieder abgeschafft.

Die politische Büroorganisation war damit aber nicht auf ewig zur Zufriedenheit aller geregelt. Jahrzehnte später, am Beginn der rotgrünen Jahre, 1998, mokierte sich Kulturstaatsminister Michael Naumann darüber, dass er im Kanzleramt nicht einmal einen Laptop vorgefunden habe.

In der mehr als 1000 Seiten starken Geschichte der Bundesrepublik des Marburger Historikers Eckart Conze hat die Episode um Ehmkes Kinderdampfmaschine keineswegs anekdotischen Charakter. Schon eher ist sie ein Indiz dafür, dass Zeitgeist und Paradigmenwechsel nicht gleich in alle Bereiche hineinwirken. Zeitgeschichte vollzieht sich nicht nur in Brüchen und Wenden. Ungleichzeitigkeit und Wiederkehr sind starke Merkmale der historischen Kernerzählung, die das kulturelle Gedächtnis allzu oft unterschlägt.

Man hat sich angewöhnt, die Entstehung und Entwicklung der Bundesrepublik als eine geglückte Geschichte zu betrachten, deren stärkstes Strukturelement eine verlässliche Westbindung ist. Dass es letztlich eine Geschichte der ausgebliebenen, ja der vermiedenen Katastrophe war, stellt Conze gleich zu Beginn seiner Chronik fest. "Es hätte durchaus anders kommen können bei dieser Vergangenheitshypothek und der Belastung durch die Spaltung Deutschlands."

Geschichte ist immer Gegenwart

Es mag schon sein, dass es eine Stunde Null nicht wirklich gegeben hat. Conzes detailreiche Darstellung legt jedoch nahe, dass es an vielen Wegmarken in eine andere Richtung hätte gehen können. Der ruhige Ton des Historikers, der das Ergebnis kennt, bringt Differenzierungen hervor, die das längst bekannt Geglaubte in neuem Licht erscheinen lässt. Geschichte ist immer Gegenwart, lautet Conzes methodisches Credo, das immer wieder neue Deutungen des Quellenmaterials impliziert.

Stellt sich die bis spät in die sechziger Jahre hinein mögliche Fortsetzung von beruflichen Karrieren ehemaliger Nazis in demokratischen Institutionen als Versagen der Nachkriegsgesellschaft dar, so verweist Conze nüchtern auf dessen pragmatische Ursachen. "In den Westzonen kollidierte die Entnazifizierungsabsicht mit dem Bedarf an Experten, auf die die Alliierten beim Wiederaufbau von Verwaltung und Infrastruktur angewiesen waren (...). Für nicht wenige schwer belastete NS-Täter wurde die Entnazifizierung auf diese Weise zur Drehtür in ein neues Leben."

Die Verdrängung war also bereits in den Jahren der Besatzung angelegt und fand ihre Fortsetzung in beamtenrechtlichen Regelungen, die einerseits bedenklich blieben, andererseits aber zur Reintegration eines erheblichen Unruhepotenzials beitrugen. Eine der großen Leistungen Adenauers, bescheinigte erst kürzlich Egon Bahr in einem Film über den umstrittenen Kanzleramtschef Hans Globke, habe darin bestanden, die gesellschaftliche Integration in den neuen Staat zu vollziehen. Eine so widersprüchliche Figur wie Globke, dem Kommentator der Nürnberger Gesetze, war ein funktionales Rädchen in diesem nicht immer leicht zu verstehenden Prozess: der Kollaborateur als Transformationshelfer.

Man spürt beim Lesen, wie viel Konfliktpotenzial noch immer in der Darstellung einzelner Phasen der bundesrepublikanischen Geschichte schlummert. Wiederbewaffnung, 1968, Ostpolitik und Nato-Doppelbeschluss: Conze erfindet die Geschichte nicht neu, aber er findet eine analytisch-kühle Darstellungsform für das manchmal heiß Erlebte. Mit stilistischer Eleganz und reflektierter Gelassenheit gelingt es ihm, den Kristallisationskern der bundesrepublikanischen Geschichtserzählung freizulegen. Was das Land in seinem Innern zusammengehalten hat, führt Conze aus, war die individuelle wie kollektive Erwartung an ein friedliches, sozial gesichertes und politisch stabiles Gemeinwesen. Die Suche nach Sicherheit habe die Entwicklung Westdeutschlands entscheidend geprägt.

Die Konfiguration der Sicherheitserwartung hat sich im Laufe der Jahrzehnte jedoch mehrfach verändert. Galt sie nach Kriegsende der unmittelbaren Existenzsicherung, so rückten später innere Sicherheit, Ökologie- und Friedenspolitik in den Mittelpunkt. "Das Streben nach Sicherheit zielt darauf", so Conze, "die Offenheit der Zukunft einzuschränken. Es zielt darauf, jenes Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont zu überwinden, das nach Reinhart Koselleck das Neue an der Neuzeit ausmacht und insbesondere seit den grundstürzenden Entwicklungen und Umbrüchen in der Folge der Französischen Revolution die Menschen zutiefst verunsichert hat."

Conze legt seinen Sicherheitsbegriff wie ein Passepartout über die bundesrepublikanische Geschichte und rahmt so heterogene und divergente Entwicklungen. Das ist durchgängig schlüssig, nachvollziehbar und oft lehrreich. Bisweilen geht der kalmierende Ton aber auch zu Lasten einer politischen Leidenschaft, die auch Historikern manchmal nicht schaden würde.

E. Conze: Die Suche nach Sicherheit.

Eine Geschichte

der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die

Gegenwart. Siedler, 1071 S., 39,95 Euro.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  20 | 5 | 2009
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