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Literatur

08. Januar 2015

Ian McEwan Roman "Kindeswohl": Recht sprechen

 Von 
Eine namenlose Richterin in London.  Foto: rtr

Entscheidungen über Leben und Tod: Ian McEwans feiner Roman „Kindeswohl“ über die Nöte einer Familienrichterin.

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Eines Sonntagabends, es herrscht „nasskaltes Juniwetter“, macht Fiona Mayes Ehemann Jack eine Ansage, man könnte es eine Kampfansage nennen: Vor einem tatsächlichen Akt der Untreue kündigt er offen und ehrlich ebendiesen an – und erwartet Vergebung. Sie seien inzwischen wie Geschwister, sagt Jack der erstaunten Fiona: „Ich bin dein Bruder geworden. Das ist schön und behaglich, und ich liebe dich, aber bevor ich tot umfalle, will ich noch eine große, leidenschaftliche Affäre haben.“

Leidenschaft also wird einen als Leser erwarten, denkt man, der Roman ist da erst fünf Seiten alt, wilder Sex, heftige Ehekrise, dramatische Trennung vielleicht, ein Neuanfang für Fiona und Jack mit Ende Fünfzig, Anfang Sechzig. Aber man liegt mit dieser Erwartung falsch: Ian McEwans am heutigen Freitag auf Deutsch erscheinender Roman „Kindeswohl“ (Originaltitel: „The Children Act“) ist trotz seines Paukenschlag-Anfangs, auch trotz seines Titels ein unaufgeregtes, gleichsam erwachsenes Buch.

Nachdem Jack an diesem Abend noch eine Tasche packt und geht, wird seine Frau, verantwortungsbewusst wie sie ist, an ihren Fällen arbeiten. Sie ist am High Court Richterin für Familienrecht, und wenn McEwans Figuren in seinen späteren Romanen noch eine brennende Leidenschaft haben, dann für ihren Beruf. Privater Ärger wird Mylady Fiona Maye nicht davon abhalten, ihr Bestes zu geben. Oder mindestens sorgfältig zu sein wie je.

So macht sich „Kindeswohl“ zügig auf zu seinem die Maye’sche Ehekrise bald überlagernden Thema: Die Last, Entscheidungen über das Leben anderer, in diesem Fall minderjähriger Menschen treffen zu müssen. Die moralischen Dilemmata, der Zweifel, oft peinigend, wenn es darum geht zu bestimmen, wo das Kindeswohl jeweils liegt. McEwan, Jahrgang 1948, stellt seinem dreizehnten Roman ein Zitat aus dem britischen Children Act von 1989 voran, das die Vagheit der gesetzlichen Bestimmungen offenbar macht: „In jeder Frage der Sorge für die Person eines Kindes ... hat das Wohl des Kindes dem Gericht als oberste Richtschnur zu dienen.“

Buchinfo

Ian McEwan: Kindeswohl. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag 2015. 224 Seiten, 19,90 Euro.

Meist hat es McEwans fiktive, aber beeindruckend wirklichkeitsnahe Richterin mit begüterten Scheidungspaaren zu tun, die in der finanziellen Lage sind, den Streit – „Rangeleien um den Wohnort der Kinder, um Häuser, Renten, Einkünfte, Erbschaften“ – vom Familiengericht weiterzutragen zum High Court. In einem Fall sind die jüdischen Eltern, jetzt, da sie sich nicht mehr vertragen, „in ungleichem Maße orthodox“. Im anderen befürchtet eine Mutter, dass ihr Ex-Mann, ein Muslim, die Tochter entführen will. Wie McEwan sich für „Saturday“ (2005) minutiös mit der Arbeit eines Hirnchirurgen beschäftigt hat, so diesmal mit der eines Richters – inklusive der in schriftlichen Urteilsbegründungen gepflegten nüchtern-formellen, irgendwie auch tröstlichen Sprache.

Einen tatsächlichen Fall – er wurde ihm erzählt – macht der britische Autor dann zum Zentrum des Romans. Ein 17-jähriger Leukämiekranker, McEwan nennt ihn Adam Henry, braucht dringend eine Bluttransfusion, doch er und seine Eltern sind Zeugen Jehovas und stimmen aus Glaubensgründen nicht zu. Das Krankenhaus wendet sich an das Gericht, das eine Transfusion anordnen könnte. Fiona Maye muss, schnell, eine Entscheidung treffen, die höchstwahrscheinlich eine über Leben und Tod ist. Und wie es sonst nicht ihre Art ist, lässt sie sich zu dem Jungen ins Krankenhaus fahren.

Es ist eine kurze Begegnung zwischen Adam und Mylady. Aber Ian McEwan steuert nicht einen Augenblick die einfachen Antworten an. Er legt Bedeutungsschicht auf Bedeutungsschicht, setzt Argument gegen Argument, er stellt sich auf keine Seite. Die Richterin trifft auf einen intelligenten, artikulierten jungen Mann, der liebende Eltern hat (mögen sie sich auch an ihren Glauben gebunden fühlen), Gedichte schreibt und Geige lernen will. Sie singt ihm den Text zu seiner Geigenmelodie, sie findet: „Mit der Geige oder irgendeinem anderen Instrument anzufangen war ein Ausdruck von Hoffnung, implizierte eine Zukunft.“ Sie beschließt, ihm diese Zukunft zu geben. Nur das. Und entfremdet ihn damit, ohne es zu wollen, von seinen Eltern. Mit ihrer Entscheidung stößt sie, „göttergleich“, Dominosteine im Leben der anderen an und um.

Wie in seinem großartigen schmalen Roman „On Chesil Beach“ (dt. „Am Strand“, 2007) geht McEwan auch hier den Nuancen und der Psychologie des Verstehens und Missverstehens nach, des Aufeinander-Reagierens und Voreinander-Zurückweichens. Fiona Maye ist wohlmeinend, gewissenhaft, auf Korrektheit und schickliche Distanz bedacht. Adam Henry ist ein trotz seiner Krankheit lebensglühender Teenager. Ihr Zusammentreffen ist ein kurzes Glück und weit längeres Unglück.

Adam schreibt an Mylady, „hochachtungsvoll“ und wohlformuliert. Fiona erschrickt trotzdem und antwortet, natürlich, nicht. Sie hält sich an die Regeln, immer, deswegen ist sie ja auch Richterin geworden.

„Kindeswohl“ ist ein maßvoller, abgewogener, formvollendeter Roman über maßvolle, gutwillige Menschen. Man müsste sie eigentlich langweilig finden. Das tut man aber nicht. Denn einen zarten, behutsamen und darum überzeugenden Zugriff hat Ian McEwan hier ein weiteres Mal auf die großen, lebensentscheidenden Fragen, wie auf die alltäglichen, die winzigen emotionalen Positionsveränderungen.

Jack ist schon bald wieder zurück, murmelt etwas von einem Fehler und sagt über seine weit jüngere Affäre: „Sie war eine Fremde, er verstand sie nicht.“ Aber es dauert, bis Jack und Fiona sich erneut nahe kommen. Ein Becher Kaffee, eine alte Keith-Jarrett-Platte sind Jacks kleine Bitten um Frieden – und Fiona versteht sie auch so. „Nichts in seiner Miene wies darauf hin, dass er ihr die Tasse anbot, und auch sie reagierte weder mit Nicken noch mit Kopfschütteln. Ihre Blicke begegneten sich kurz. Dann stellte er die Tasse auf den Holztisch und schob sie ein paar Zentimeter in ihre Richtung.“

So macht es auch Ian McEwan. Still, konzentriert, dicht, ohne falsches stilistisches Brimborium. Fast unmerklich schiebt er seine Figuren in unsere Richtung. Am Ende hält man sie fest wie eine noch warme Tasse und wünscht sich, er würde nachschenken.

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