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Poetikdozentur: Ihre braven Toten

Poetikdozentin Sibylle Lewitscharoff war zu aparten Erlösungsfantasien und konservativen Tiraden aufgelegt. Ihr neuer Roman "Blumenberg" erscheint im September.

Sibylle Lewitscharoff
Sibylle Lewitscharoff
Foto: dpa

Arm und Reich“, hieß die dritte Stunde von Sibylle Lewitscharoffs Frankfurter Poetikvorlesung. Dabei identifizierte sie nicht nur die „Gier“ als den „Totengräber“ eines ansonsten „praktikablen politischen Systems“. Sie fragte auch, wo er bloß geblieben sei, der „einfache, würdevolle Arme“. An den Rand nämlich gepresst vom Fernsehen, das eine fettleibige, alkoholmissbrauchende, ihre Kinder vernachlässigende Unterschicht vorführe. Und von der Leipziger Schule, so die Dozentin, die zu „cool“ und zu „kalt“ sei für einen „Erlösungsmoment“.

Diesen, das wurde offenbar, sieht sie etwa in Hans Christian Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, bei Charles Dickens’ „Oliver Twist“, der in der bittersten Armut Anstand und Hochsprache nicht verliere, in Knut Hamsuns „Hunger“, wo es nicht um Allüren und Depressiönchen gehe, sondern um überwältigende Scham, und das ganz ohne falsche Moral. Diese, wie Lewitscharoff selbst einräumte, ihrer schwäbischen Heimat gemäß pietistisch grundierten Beobachtungen waren dabei weniger originell als die Frage, wo und wie Armut in der jüngeren deutschen Literatur dargestellt wird und dargestellt werden könnte. Lewitscharoffs Unzufriedenheit mit dem Zustand derselben, was das Thema hier letztlich ins Leere laufen ließ, muss nicht die Augen der Zuhörer vor dieser interessanten Facette verschließen. Übrigens auch nicht davor, dass etwa Dickens’ damals zeitgemäßes Bild vom edlen Armen voller Tücken steckt, die mit dem Zwang zur Dankbarkeit für Almosen beginnen und mit der frohgemuten Abstrafung weniger edler („selbstverschuldet“) Armer aufhören.

Lewitscharoffs Unzufriedenheit also: Es war naheliegend, dass die Autorin des Romans „Apostoloff“, der prächtigsten Tirade des Jahres 2009, sich auch selbst als Rednerin nicht zurückhielt. Aber in der vierten Stunde, „Realismus und Vulgarität“, kam die Wortgewalt doch an ihre Grenze: das konservative Pauschalurteil. Denn nun bekam nicht nur die deutsche Gegenwartsliteratur ihr Fett ab, die auf einen heillos überbewerteten Realismus baue, und auf das Wort „Scheiße“. Sondern auch das deutsche Gegenwartstheater, in dem jeder Klassiker durch den Fleischwolf gedreht werde und jeder Regisseur sich der „Idiotie“ des Schockeffekts verpflichtet fühle. Fremde, erklärte Lewitscharoff, die hundert deutsche Theaterinszenierungen anschauten, müssten uns für ein Volk von Verrückten in dreckigen T-Shirts halten. Das klingt gewitzt. Aber Einheimische, das muss die herkömmliche Theaterbesucherin entgegenhalten, die hundert deutsche Theaterinszenierungen anschauten, wüssten trotzdem, dass das so einfach nicht stimmt. Was die Dozentin wollte, wurde freilich klar: „die Wahrheit im Offenen suchen“, die Literatur als „Flugbegleiterin“ einsetzen, sie nicht durch ein rigides Realismus-Konzept „kastrieren“, die „messianischen Sprengkapseln“ suchen, derer die Literatur so sehr bedürfe. „Erlösung“ sei das Schlüsselwort.

In der fünften Stunde, „Mit den Toten sprechen“, gab sie dem noch einmal einen melancholischen Dreh ins Jenseitige. Erst nach dem Tod eines Dichters komme der „feine Prozess“ von Achtung oder Vergessen zum Zuge. Wer lebe, werde umweht vom „lauen Lüftchen“ des Auf-Wiedersehens. Und wer noch erreichbar sei, sei auch zu übertrumpfen. Die Toten hingegen, „die sehr braven, sehr freundlichen Toten“, seien Lesers und Autors beste Zuhörer und Einflüsterer. Nun aber wieder: Der Rückzug des Konjunktivs, die Vormacht eines Kurzsatz-Erzählens im Präsens interessiere die Toten nicht, ein solches Erzählen gehe an ihnen vorbei. „Stillos sterben wir im Präsens.“

Ihre eigenen wichtigen Toten, so Lewitscharoff, seien neben ihrer Großmutter Franz Kafka und Samuel Beckett. Homer und die Autoren der Bibel, damit hätte man nach diesen fünf Stunden auch noch rechnen können. Für die Schriftstellerin ist das eine offenkundig gute Umgebung: Zu Beginn ihrer Dozentur konnten die Frankfurter ihr zum Kleist-Preis gratulieren, jetzt zum Abschluss gab es Applaus für den Ricarda-Huch-Preis der Stadt Darmstadt. „Ein schönes Preisgestöber“, so die 57-Jährige, deren neuer Roman, „Blumenberg“, im September erscheint.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  7 | 7 | 2011
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