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Literatur

01. Februar 2016

Ilija Trojanow "Durch Welt und Wiese ...": Das Gute am Gehen

 Von Susanne Lenz
Zeitlich gesehen, ist das Gehen ineffizient. Also muss der Wert des Gehens ganz andere Gründe haben, tiefere Werte. Mit der Entschleunigung fängt es an.  Foto: epd

"Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß": Der Schriftsteller Ilija Trojanow hat eine Eloge auf die ineffizienteste Fortbewegungsart zusammengestellt.

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Rund 25.000 Kilometer geht der gemeine Deutsche im Laufe seines Lebens zu Fuß, 820.000 Kilometer fährt er mit dem Auto. Über die Wertschätzung der jeweiligen Fortbewegungsart sagt diese Diskrepanz nicht unbedingt etwas. Abgesehen von den Distanzen – manche Pendler erreichen ihren Arbeitsplatz heute eben nicht zu Fuß – ist sie als Ausdruck der modernen Zeiten, ihrer Hektik, ihrem Zeitdruck.

Langsamkeit muss man sich heutzutage leisten können. Dabei bestimmt die Art und Weise, wie wir uns durch den Raum bewegen, unsere Anschauung der Welt. Und ohne eine gewisse Dauer geht es nicht. Auch nicht ohne die Absichtslosigkeit, mit der man getrost von einem aufs andere kommen kann. Zeitlich gesehen, ist das Gehen ineffizient. Im Alltag wird es wenig praktiziert, und wenn, dann, um irgendwo anzukommen, etwa an der Bushaltestelle, der U-Bahn-Station. Höchstens bei entschlossenen Entschleunigern feiert es seit einigen Jahren Renaissance, dann jedoch eher in der Freizeit, auf einem Pilgerweg etwa. Was für ein Verlust!

Das sagt Ilija Trojanow, der sich mit diesem alltäglichen Phänomen der menschlichen Bewegung eingehend, ja auf inbrünstige Weise beschäftigt hat, und es eine Kunst nennt, eine Lebensform, eine Haltung. Es geht ihm nicht um die anatomischen, die physiologischen Aspekte, sondern um Soziologie, ja Philosophie, das Subversive und Sozialkritische dieser elementaren Fortbewegungsart. Dazu hat der Weltensammler Trojanow nun eine höchst lesenswerte Anthologie vorgelegt: „Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß“. Mit ihr feiert er das Gehen – als Bewegung des potenziellen Innehaltens, als Instrument zur Verbesserung des Denkens und der Welt.

Buch-Info

Ilija Trojanow: Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß. Mit Susann Urban.
Die Andere Bibliothek, Berlin 2015. 460 S., 42 Euro.

„Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und das Selbstständig-ste in dem Mann und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge“, zitiert er den Dichter Johann Gottfried Seume („Spaziergang nach Syrakus“, 1802). „Wer zu viel in dem Wagen sitzt, dem kann es nicht ordentlich gehen“, schrieb dieser auch. Die Wertschätzung des Gehens entstand ja erst, als es Alternativen dazu gab. Und kaum existierten sie, degradierten sie die Geher. „Man könnte sagen, dass die Karosse nicht so sehr zum Fahren notwendig ist als um zu existieren“, schrieb der große Gehende Jean-Jaques Rousseau in „Julie oder Die neue Heloise“. Und Karl Philipp Moritz notierte im Jahre 1782 über England: „Ein Fußgänger scheint hier ein Wundertier zu sein, das von jedermann, der ihm begegnet, angestaunt, bedauert, in Verdacht gehalten und geflohen wird.“

Ilija Trojanow ergänzt dies mit einer eigenen Erfahrung. Als er den gesamten Wilshire Boulevard entlang ging, eine mehr als 25 Kilometer lange Straße in Los Angeles, wurde die Polizei auf ihn aufmerksam. Die Besatzung eines Streifenwagens erkundigte sich, ob er Hilfe brauche. Der Sesshafte blickt misstrauisch auf den Landstreicher, der Gehende ist suspekt. Ob es daran liegt, das er fast kein Eigentum dabei hat, weil er so wenig wie möglich mit sich herumtragen möchte?

Was ist das Gute am Gehen? Um diese Frage zu beantworten, hat Ilija Trojanow ein Pantheon der Geher zusammengestellt, darunter Georg Büchner, Robert Walser, Jack Kerouac, Christoph Ransmayr, Virginia Woolfe. Honoré de Balzac lässt er mit seiner „Theorie des Gehens“ auftreten, ein Plädoyer für die Langsamkeit. Charles Dickens bekämpfte mit nächtlichen Streifzügen seine Schlaflosigkeit. Rousseau schreibt in seinen „Erkenntnissen“ darüber, wie das Gehen die Gedanken belebt, wie es seine Seele befreit und ihm eine größere Kühnheit des Denkens verleiht.

Doch nicht alle Schriften zum Thema stammen aus dem 19. oder dem frühen 20. Jahrhundert, der großen Zeit der Flaneure und durch die Stadt streifenden Feuilletonisten und an eine Chronologie hält sich Trojanow ohnehin nicht. Er ordnet die Texte mithilfe von Stichwörtern wie „Meditationen“, „Spaziergänge“ oder „Verwandlungen“.

Unter der Überschrift „Aufbrüche“ darf man einen Ausschnitt aus Michael Holzachs „Deutschland umsonst“ wiederentdecken. Die erste Auflage des Buchs über seine Reise von Hamburg bis zur österreichischen Grenze und zurück, zu Fuß und ohne Geld, erschien 1982. Das radikale Abenteuer, das auch eine Suche nach sich selbst war, nach dem was wirklich wichtig ist, fasziniert heute noch. Holzach steht neben Henry David Thoreau, der bei seinen Gängen durch die Natur manchmal an die Handwerker und Ladenbesitzer denkt, die ihre Tage in Läden und Werkstätten verbringen. „Dann finde ich, diesen Menschen gebühre eine gewisse Anerkennung, weil sie ihrem Leben nicht schon längst ein Ende gemacht haben.“

Mehr dazu

Gehen als die einzig humane, auch subversive Fortbewegungsart. Es gibt auch Texte, die nicht das Gehen selbst in den Mittelpunkt stellen – dass man es tut, wird vorausgesetzt –, sondern das, was einem dabei widerfährt. Man kann dabei auch zu Tode kommen. Adalbert Stifter beschreibt dies in seiner herzzerreißenden Erzählung „Bergkristall“ und Jack London in der hier stark gekürzten Erzählung „Feuer im Schnee“, wo sich die tollste Beschreibung grimmiger Kälte findet, die man je gelesen hat: Der Mann, der auf dem zugefrorenen Yukon Richtung Beringsee unterwegs ist, spuckt aus. „Ein knisterndes Geräusch wie von einer kleinen Explosion ertönte, dass er erschrak. Er spuckte nochmals. Und wieder knisterte der Speichel in der Luft, ehe er den Boden erreichte.“

Weibliche Autoren gibt es nicht viele in dieser Textsammlung. Ob die Biologie sie sesshafter gemacht hat? Egal, dieses Buch richtet sich an alle, denen es weder um Zeit noch um Geld geht, sondern eine bessere Welt. Du musst dein Leben ändern, ruft es ihnen zu. Mehr gehen!

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