Literatur

10. April 2010

Ilse Helbich über das hohe Alter: Alles wurscht!

"Ich denke mir manchmal: Wo bin ich denn, ich?" Foto: libelle verlag

Die Schriftstellerin Ilse Helbich im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über die seltsamen und unidyllischen Seiten des Alt-Seins und die Annäherung von Härte und Heiterkeit.

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Zur Person

Ilse Helbich, 1923 geboren, wuchs in Wien auf. Sie ist promovierte Germanistin und war als Publizistin und Übersetzerin tätig. Helbich schrieb unter anderem Radio-Collagen. Seit 1985 lebt sie im Kamptal und in Wien.

Ihren ersten Roman hat Ilse Helbich als 80-Jährige 2003 unter dem Titel "Schwalbenschrift" veröffentlicht, 2004 folgte die Erzählung "Die alten Tage" und 2007 der Band "Iststand. Sieben Erzählungen aus dem späten Leben". Zuletzt erschien 2009 im Droschl Verlag "Das Haus". (fr)

In einer Ihrer Erzählungen schreit eine Enkelin ihre Großeltern an: "Ihr könnt mir nicht helfen, denn ihr seid alt, alt und darum böse." Verstehen Sie den Hass aufs Alter?

Hass ist zu stark. Dem Alter gegenüber existiert eher ein Gefühl von Abscheu. Das empfinde ich sehr deutlich. Das andere, das mir jetzt, je älter und hilfsbedürftiger ich werde, immer öfter passiert, ist eine gewisse sachliche Zuneigung, mit der mir geholfen wird. Mit dieser Stufe des Alters können die Leute besser umgehen.

Jüngere Alte sind quasi die gefährlicheren Alten?

Wenn man eine Alte sieht, die sozusagen noch nahe an einem Leistungsalter ist, stellen sich junge Leute vor, dass sie auch einmal so werden könnten, blocken ab und verhalten sich feindlich.

Nach dem Motto: "Die soll sich bitte zusammennehmen!"

Durchaus denkbar. Das Schwierige ist aber eben, dass von außen nicht einzuschätzen ist, wie die Leistungsfähigkeit und innere Leistungsbereitschaft eines alten Menschen wirklich ist. Jüngere überschätzen oder unterschätzen das. Beides ist nicht sehr gesund.

Warum verschätzt man sich da so leicht?

Wenn man alt ist, hat man zumindest eine historische Kenntnis von allen Lebensabschnitten, die vorher waren. Die Erfahrung alt zu sein, kann man aber nicht haben, wenn man nicht schon in diesem Zustand ist. Es ist ein unbekanntes Land. Man kann sich nicht vorstellen, wie das Alter von innen ausschaut.

Sie werden dieses Jahr 87. Wie schaut es für Sie von innen aus?

Eine der wesentlichen Erfahrungen ist, dass man sich im Alter fremder wird. Ich habe für gewisse meiner Reaktionen keine Erklärungen. Ich suche auch keine. Aber das Gefühl, dass jeder Moment sich von den Gefühlen her total drehen kann und daher auch meine Handlungen für mich plötzlich fremdartig werden, ist sehr stark. Meine Konstitution ist verhältnismäßig noch so gut, dass ich das spannend finden kann. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man sich darin gefangen fühlt.

Woher kommt das?

Ich glaube, dass sich im Alter verborgene Schlüssel und Lebensmotive zeigen. Die kann man nie benennen. Jeder Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Ich bin jetzt meinen Emotionen mehr ausgeliefert als ich das, mit Ausnahme der Pubertät, je empfunden habe. Das ist manchmal sehr angenehm, weil man das Gefühl hat, man kommt in sehr ursprüngliche Schichten. Man ist von so tief unten bewegt, wie das nie vorher im Leben war. Ein fast spirituelles Gefühl.

Vielleicht fehlt auch die Kraft, es zu unterdrücken?

Das glaube ich auch. Für mich war schon früher das Bild des skurrilen Alten sehr interessant, der es sich erlaubt, wahnwitzige Dinge zu machen. Dieses "Alles wurscht!" spüre ich jetzt auch und empfinde es als lustig.

Ein echter Zugewinn des Alt-Seins. Gibt es noch andere?

Was ich früher nie hatte und jetzt habe, ist das Gefühl einer Geborgenheit im Letzten. Ich weiß nicht, ob das religiös ist oder darwinistisch oder ob es einfach meine körperlichen Anlagen sind, die irgendwie auf Fliegen geschalten haben. Dazu kommt, dass ich draufgekommen bin, dass ich mich in irgendeinem Moment dem Tod zugewandt habe.

Was heißt das?

Es hat einen Moment gegeben, in dem ich mir gesagt habe: "Okay, ich werde in sehr absehbarer Zeit sterben, und ich gehe jetzt diesem Zustand entgegen." Ich habe mich sozusagen in eine andere Richtung, zum Weggehen, gewandt. Das ist erstaunlicherweise sehr befreiend.

Ist die Angst dadurch weniger geworden?

Angst habe ich schon lange nicht mehr, wobei auch das ein Naturzustand ist, für den ich nichts getan habe. Jetzt ist ein Zustand der Leichtigkeit eingetreten. Die Zuwendung zum Tod hindert mich nicht, das zu tun, was ich jetzt an Lebendigem noch zusammenbringe. Ich schreibe zum Beispiel viel lieber als früher.

Gibt es auch Dinge, unter deren Verlust Sie leiden?

Wenn ich irgendwo bin, wo Leute skifahren, dann denk ich mir schon: Ich möchte so gern diesen Hang hinunterbrausen! Ich würde auch gerne wieder im Meer schwimmen, ohne Angst haben zu müssen, dass ich ertrinke. Diese Sachen sind sehr stark. Noch etwas ist sehr stark: Das Alter ist keine Zeit des Idyllischen oder Friedlichen. Mir kommen durch irgendein Loch in meinem Gedächtnis Dinge in den Sinn, die unglaublich hart sind und die ich früher nicht zu denken gewagt hätte.

Wie erklären Sie sich das?

Ich habe einfach das Gefühl, dass es gleichgültig ist, ob etwas furchtbar tragisch oder furchtbar heiter ist. Diese Gleichgewichtung der Dinge ist schwer zu verstehen für Menschen, die nicht sehr alt sind. Die wollen, dass das Alter und das Ende friedlich sind.

So wie Sie es beschreiben, sind Heiterkeit und Härte kein Widerspruch.

Gar nicht. Es ist wie bei Shakespeare. Manche seiner Kritiker haben ihn als eine eigentlich unmenschliche Kraft bezeichnet. Gerade, weil er fast keine Empathie zeigt. Er beschreibt. Das ist wirklich eine Naturgewalt. Und anscheinend ist das ein Lebensprinzip, das im Alter stark herauskommt. Dass man sagt: So ist es.

Dafür muss man aufs Sentimentale verzichten können.

Und auch auf das manifeste Glück. Was wirklich das Glück ausmacht, ist nicht der gelungene Moment, das gelungene Jahr oder das gelungene Werk, sondern ein Zustand, der auch die Erkenntnis zulässt, dass etwas schief geht.

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